Er isolierte sich in Internet-Foren, hasste Frauen und glaubte an die "Jüdische Weltverschwörung".

Noch immer fällt es schwer, zu verstehen, was genau in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019 passiert ist. Nach und nach kommen aber mehr Details über den wahrscheinlichen Täter, Stephan B. aus Sachsen-Anhalt ans Licht. Er hatte versucht, die Synagoge im Paulusviertel der Saale-Stadt mit Waffengewalt zu stürmen. Mehr als 50 Menschen hielten sich zu dem Zeitpunkt in dem Gotteshaus auf und feierten das wichtigste jüdische Fest, Jom Kippur.

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Nachdem es ihm nicht gelang, in das Gotteshaus einzudringen, erschoss er vor der Synagoge eine Frau und danach in einem nahen Döner-Imbiss einen Mann. Außerdem verletzte er mindestens zwei weitere Menschen. B. filmte die Tat und übertrug sie per Helmkamera live ins Internet, bevor er vom Tatort floh.

In dem Video schildert der 27-Jährige seine Motive für die schockierende Tat. Nach Experteneinschätzung spricht vieles dafür, dass er eine internationale, rechte Internet-Subkultur erreichen wollte. Neben vielen rechtsradikalen und rassistischen, sowie antisemitischen Gedankengut, macht er darin auch klar, dass er an jede Menge Verschwörungstheorien, die im Netz kursieren glaubt, und darüber hinaus auch ein echter Frauenhasser ist.

Die Szene im Netz mit genau solchen Denkweisen ist nicht klein

Ihren Ursprung hat sie in den USA, dort bezeichnen sich die Anhänger der Subkultur selbst "Incel". Sie tauschen sich in Foren aus, sind überwiegend weiße, heterosexuelle Männern, die nach Eigenaussage unfreiwillig keinen Geschlechtsverkehr haben und der Ideologie einer dominanten Männlichkeit anhängen. Oft resultiert dieser Austausch in Gewaltfantasien und Gewaltbereitschaft, überdurchschnittlich oft teilen die User solchen Foren rassistisches Gedanken.

Der Extremismusforscher Matthias Quent vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft das Video von Stephan B., das sehr wahrscheinlich den Tathergang zeigt, ausgewertet: "Er spricht Englisch und er greift Verschwörungstheorien auf, zum Beispiel über die angeblich zerstörerische Macht des Judentums. Er äußert sich auch abwertend über Feminismus." In dem Clip behauptet B. etwa, dass der Feminismus Schuld daran sei, dass die Geburtenrate im Westen niedrig sei. Das seien durchaus Motive der weltweiten radikalen und populistischen Rechten.

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Das Tatvideo streamte er live auf Twitch, einer Plattform, die vor allem für ihre Let's-Play-Clips bei Gamern beliebt ist. Auch hier sehe der Experte hinweise dafür, dass sich B. an ein ganz bestimmtes Netzpublikum richten wollte. "Das Video folgt der Ästhetik eines Videospiels, auch durch die Ego-Shooter-Perspektive", sagte Quent.

Die Aufnahmen folgen der Perspektive des Täters, immer wieder ragt der Lauf einer Waffe ins Bild. "Der Täter heroisiert sich, seine Opfer will er demütigen." Dennoch solle man Erfahrung mit Videospielen als einen möglichen Auslöser nicht überbewerten – sonst müssten solche Taten viel häufiger sein.

Videospiele sind nicht Schuld

Zudem hat sich der Attentäter stark an den Rechtsterroristen Brenton Tarrant im neuseeländischen Christchurch orientiert. Der richtete im März diesen Jahres ein Blutbad in zwei Moscheen an. Auch er hat sich überwiegend in Internetforen aufgehalten und dort seine Ideologien verbreitet.

 "Außerdem würde es die politische Motivation aus dem Fokus rücken", warnte Quent. "Was er äußert, das sind nicht nur Einzelmeinungen eines Spinners. Es ist Ausdruck einer verbreiteten rechtsextremen Ideologie."

Quent betonte, bei vergleichbaren Taten werde schnell nach mehr Überwachung gerufen. "Aber einer solchen Tat geht vieles voraus, das auch dem sozialen Umfeld auffallen könnte, etwa die Beschaffung von Waffen oder menschenverachtende Äußerungen. Hier braucht es niedrigschwellige Beratungsangebote für Menschen, die sich Gedanken machen, wenn ihnen ein Bekannter oder Verwandter auffällig vorkommt, ohne diese gleich bei Polizei oder Geheimdiensten zu melden", forderte der Forscher.

[dpa/sw]

Quelle: Noizz.de