Dass die Autor*in Hengameh Yaghoobifarah keine Freund*in des Kapitalismus ist, weiß jeder, der die Debatte um ihre umstrittene "taz"-Kolumne mitbekommen hat. Dass sie jetzt Werbung für das KaDeWe macht, bringt nicht nur sie in die Kritik, sondern auch das Luxus-Kaufhaus. Aber was sagt Yaghoobifarah selbst dazu?

Im Juni wollte Innenminister Horst Seehofer sie noch anzeigen, jetzt hängt sie überlebensgroß im Schaufenster des Berliner Edel-Kaufhauses KaDeWe: Hengameh Yaghoobifarah. Auf dem schwarzweiß gehaltenen Wallpaper schließt sie träumerisch ihre Augen. Was man nicht sieht: Sie steckt in einem 3900-Euro-Ledermantel der Luxusmarke Marni und in Ankle Boots By Far für 459 Euro. "Alles allen!" steht in verhältnismäßig kleiner Schrift daneben.

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Warum das ein Thema ist? Vor allem, weil Yaghoobifarah im Juni eine Kolumne für die "taz" schrieb, in der sie – verkürzt gesagt – Polizisten als Müll bezeichnete. Vollständig las sich der umstrittene Absatz wie folgt:

"Wenn die Polizei abgeschafft wird, der Kapitalismus jedoch nicht, in welche Branchen kann man Ex-Cops dann überhaupt noch reinlassen? Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Mülldeponie. Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten."

Yaghoobifarah: Erst Staatsfeind*in Nr. 1, jetzt Luxus-Testimonial

Diese krasse Aussage machte Yaghoobifarah über Nacht gefühlt zur Staatsfeind*in Nr. 1. Sie brachte damit aber nicht nur die Polizei, deren Gewerkschaften und den Bundesinnenminister gegen sich auf, sondern auch die halbe "taz"-Redaktion. Eine große Debatte entstand. War das Satire? Und wenn ja: Was darf Satire? Und darf der Innenminister gegen eine (bis dato außerhalb ihrer Peergroup kaum bekannte) Journalist*in vorgehen, nur weil sie etwas schreibt, was ihm nicht passt?

Bei neutralen Beobachter*innen überwog die Meinung: Es war okay, dass Yaghoobifarah geschrieben hat, was sie schrieb – natürlich darf man die Polizei kritisieren und als Journalist*in seine Meinung sagen –, aber es war weder originell, noch schlau und in seiner Undifferenziertheit wie Ausdrucksweise für eine Zeitung vom Format der "taz" unüblich plump. Man war sich einig: Man bezeichnet Menschen nicht als Müll – egal, wie kritisch man ihnen gegenübersteht.

Der Presserat sah in dem Text keinen Verstoß gegen seine Richtlinien; die Aufregung legte sich.

Was genau ist der Skandal?

Jetzt kocht sie wieder hoch. Denn kaum hatte man die Staatsfeind*in Nr. 1 vergessen, taucht ihr prägnantes Antlitz wieder auf. Und zwar nicht in den Albträumen von Horst Seehofer, sondern im Schaufenster eines Edel-Kaufhauses. "Was erlaube …!", würde Kult-Trainer Giovanni Trapattoni skandieren.

Wobei sich die Parteien nicht ganz einig sind, was genau der Skandal ist.

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Die einen finden es skandalös, dass eine altehrwürdige Institution wie das KaDeWe sich mit solchen "Polizisten-Hassern" einlässt. So lässt die "B.Z." Mitarbeiter*innen des Kaufhauses zu Wort kommen, die dies "mehr als peinlich" finden und "regelrecht wütend" sind. Auch auf der Facebook-Seite des Luxus-Ladens gibt es Negativkommentare: "Ist das Ihr Ernst?", "Das KaDeWe boykottieren!" sowie "Hass auf Polizisten wird durch die KaDeWe-Führung salonfähig gemacht".

Und der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, Benjamin Jendro, sagte in dem "B.Z."-Artikel: "Ich bin entsetzt über die Botschaft des KaDeWe. Ich will nicht dort einkaufen, wo man die Beleidigung von Polizisten billigt."

Die anderen kritisieren Hengameh Yaghoobifarah dafür, sich mit dem Konsum-Tempel eingelassen zu haben. Einerseits Kommunismus predigen, dann aber für Luxus Werbung machen – das empfinden sie als scheinheilig. Es ist derselbe Vorwurf, der seit je gegen alle Linken erhoben wird, die eine Schwäche für die schönen und teuren Dinge dieser Welt haben.

Er traf 2009 Ex-Linken-Parteichef Oskar Lafontaine, als dieser um eine Kiste Champagner wetten wollte, Ex-Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht, als sie sich 2010 als Europaabgeordnete ordentlich Hummer gönnte, Ex-Linken-Vorsitzenden Klaus Ernst mit seinem Porsche 911, SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli mit ihrer Zig-Tausend-Euro-Rolex.

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Der Vorwurf: Durchsichtiges Diversity-Washing

Wieder andere stürzen sich auf das Kaufhaus, das durchsichtiges Diversity-Washing betreiben würde. Ein Unternehmen, das sich bislang nicht aktivistisch hervorgetan hat, engagiert jetzt Charaktere wie Yaghoobifarah, um sich zeitgemäß zu geben – und natürlich um (vor allem im Fall der umstrittenen Kolumnist*in) zu provozieren und auch dadurch Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Abgesehen von der Journalistin sind noch zwei Dutzend andere Testimonials Teil der Kampagne, die allesamt nicht dem Stereotyp entsprechen, das man mit dem KaDeWe verbindet – zum Beispiel die Berliner Aktivistin Aaliyah Adeyemi und die Studentin Kieu My Le, die Diskriminierungserfahrungen gemacht hat. Sie alle erscheinen auch im neuen Magazin des Kaufhauses und auf seinen Social-Media-Auftritten. Einige von ihnen sieht man auch beim Hamburger Alsterhaus und Münchner Oberpollinger.

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Das KaDeWe selbst sagte gegenüber der "B.Z.": "24 ProtagonistInnen geben der Kampagne ein Gesicht (...). Sie verkörpern diese Vielfalt, vermitteln ihren Lifestyle und ihren speziellen Look. Zur Inspiration, aber auch zur Diskussion und zum Widerspruch. Sie lösen damit auch Kritik aus." Und: "Das KaDeWe toleriert andere Meinungen, auch wenn wir sie nicht immer teilen. Wir alle halten das aus."

Sie postet die Fotos auf ihrem Instagram-Kanal mit der Bildunterschrift: "Es sind also heutzutage nicht mal mehr Luxus-Kaufhäuser sicher vor kommunistischer Propaganda und Adipositivity."

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Und auf Twitter schreibt sie unter anderem: "Interessantes Weltbild: Das Einzige, was Leute davon zurückgehalten hat, 4000-Euro-Designermäntel zu kaufen, war die lack of diversity in deren bisheriger Kampagne." Und: "More likely ist doch, dass ich linke Propaganda im Luxuskaufhaus bewerbe. Sorry, aber die Unterwanderung dieses Milieus war in Northface-Jacke bisher nur semi-erfolgreich, lasst doch mal gucken, was passiert, Marni makes the world go round."

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Im Video der KaDeWe-Kampagne sagt sie: "Luxus ist geil, solange alle Luxus haben können."

Am Ende nimmt man keinem der Beteiligten, das was sie sagen, so richtig ab – weder dem KaDeWe und Yaghoobifarah, noch den Kritikern. Wahrscheinlich ging es allen dreien – so banal wie es klingt – mal wieder nur um das begehrteste Gut der Gegenwart: Aufmerksamkeit.

  • Quelle:
  • NOIZZ-Redaktion