Gefängnisse sind an vielen Orten der Welt kleine, reale Höllen. Überfüllung, Gewalt, Gang-Aktivitäten, Aufstände, Missbrauch. Alles auf viel zu kleinem Raum, oft ohne hygienische Standards. Anders im norwegischen Halden Prison, dem wohl menschlichsten Gefängnis der Welt: Hier spielen Insassen per Du mit Wärter*innen Schach, wohnen in geräumigen Wohnungen ohne Gitter und besitzen sogar die Schlüssel zu ihrem privaten Refugium selbst.

Ein Hochsicherheitsgefängnis, das eher an einen gemütlichen Uni-Campus oder eine große Jugendherberge erinnert: Halden Prison ist das wohl humanitärste Gefängnis auf der ganzen Welt – und spaltet mit seinem einzigartigen Ansatz die Geister. Gefängnisse sind doch keine Wohlfahrt? Oder sollten sie eigentlich genau das sein, um eine bestmögliche Rehabilitation zu ermöglichen?

Halden Prison hat sich auf die Fahnen geschrieben, Kriminelle zu guten Nachbarn zu machen. Eine kleine Tour durch ein revolutionäres Gefängniskonzept und zurück zur alten Frage, wofür der Freiheitsentzug eigentlich gut sein soll.

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Luxus-Gefängnis für Mörder: Von Messern und freien Wochenenden

Unter der Woche gehen die Inhaftieren ganz normalen Jobs nach; arbeiten als Auto-Mechaniker, lernen Grafik-Design und Kochen (mit Messern) oder studieren Musik. Ab Samstag heißt es dann: freies Wochenende und Gartenhäuschen für Familienbesuche. Was bitte ist das für ein Gefängnis und was muss ich tun, um einziehen zu dürfen? In meiner WG geht die Heizung nicht und das Duschwasser braucht gefühlt ne Stunde, um warm zu werden. Ich lauf selbst Ende April noch mit Wärmflasche rum.

Gefangene mit Messern? Ja, und tatsächlich nicht nur irgendwelche Gefangenen: Mörder, Drogenschmuggler, Vergewaltiger. Bei all dem Luxus und dem schönen Image darf man nicht vergessen, dass es sich hier um ein Hochsicherheitsgefängnis handelt. Da kommen keine kleinen Krawallmacher rein. Aber es funktioniert. "Wir nehmen ihnen ihre Freiheit, aber wir wollen ihnen auch helfen, wieder menschlich zu werden", so einer der Wärter im Gespräch mit "Today". Beziehungen bilden und Vertrauen aufbauen, lautet hier die Devise. Tatsächlich gibt es keine Waffen auf dem Gelände und nahezu die Hälfte der Wärter*innen sind weiblich.

Wohnungen, Ferienhäuschen und Ressourcen für gute Ausbildungen sind ein Luxus, der natürlich einen Preis hat – ganz unabhängig von starker Kritik an der liberalen Gefängnispolitik, mit der sich die Einrichtung immer wieder konfrontiert sieht: 85.000 Euro pro Häftling pro Jahr fallen an. Zum Vergleich: Der "Zeit" zufolge kostet ein gewöhnlicher Gefängnigsplatz in einem deutschen Gefängnis gerade mal um die 47.000 Euro.

Gleich hinter dem ersten Zaun stehen Bäume, und das Gefängnis an sich fällt sofort durch seine großen, gitterlosen Fenster auf: Halden Prison, Hochsicherheitsgefängnis.

Gefängnis: Strafe oder Rehabilitation?

Die große Frage, was man mit einem Gefängnis eigentlich erreichen will, Strafe oder Rehabilitation und Wiedereingliederung in die Gesellschaft, machen wir hier nicht auf. Am Beispiel von Halden, die mit einer Rückfallquote von 20 Prozent glänzen, drängt sie sich aber zunehmend mehr auf. 20 Prozent im ganzen Land wohlgemerkt: Was die Rehabilitation ihrer Straffälligen angeht, ist Norwegen das Vorzeigeland schlechthin.

Wieder nach Deutschland: Hier wird im Schnitt jeder zweite Häftling nach Entlassung wieder straffällig. Die USA kommen sogar auf über 60 Prozent an Rückfällen. Vielleicht ist das der Moment, an dem man sich damit auseinandersetzen sollte, wieso es Norwegen flächendeckend so viel besser gelingt, als anderen Ländern.

Oder noch mal einen Schritt zurück: Vielleicht ist das der Moment, an dem wir überleben sollten, was wir mit unseren Gefängnissen eigentlich wollen: Wollen wir harte Strafen? Und ist der Entzug von Freiheit nicht so oder so eine harte Strafe? Oder wollen wir zweite Chancen und Gefängnisse, die Menschen wirklich zum besseren bekehren – und dadurch sogar Geld sparen, das der Staat ansonsten immer und immer wieder in die gleichen Rückfälligen stecken muss?

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Wenn ihr mehr zum bahnbrechenden Konzept der Haftanstalt Halden wissen wollt, könnt ihr euch diesen Beitrag von "VOX" ansehen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de