VW, Audi, Porsche, BMW und Mercedes stehen gerade im Zentrum der Kritik. Wo das hinführt, weiß noch niemand.

Ganz ehrlich: so langsam kann man echt den Überblick verlieren. Dass VW Probleme mit den Abgaswerten hatte, das wissen wir. Aber jetzt sind fast alle deutschen Autofirmen von einem neuen Skandal betroffen.

Ihr habt keine Ahnung mehr, was da abgeht? Kein Problem, wir bringen euch kurz mal auf den aktuellen Stand der Dinge.

Wie alles begann:

Im Herbst 2015 kam der Abgasskandal rund um Volkswagen ins Rollen. Die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) hatte herausbekommen, dass VW eine Mogelsoftware in eine ganze Reihe von Dieselfahrzeugen gepackt hatte – und das schon seit vielen Jahren.

Die Konsequenz: Untersuchungen, die über ein Jahr andauerten, Milliardenzahlungen von VW nach Amerika, Absatzeinbrüche bei VW und ein damit verbundenes Absinken des Aktienwertes.

Der Einbruch ist gut sichtbar Foto: socialmediafacts.net

Wie funktioniert diese Software:

Seit einigen Jahren werden in Dieselfahrzeuge AdBlue Tanks eingebaut. AdBlue ist eine geruchslose Harnstofflösung, mit deren Hilfe der Schadstoffausstoß um 90 Prozent reduziert werden kann.

Um zu ermitteln, wieviel Schadstoffe im Durchschnitt pro Fahrzeug entstehen, durchlaufen die Autos in den Testcentern verschiedene Szenarien. Das Testverfahren wurden über die Jahre kaum verändert.

Also verbaute VW eine Software von BOSCH, die erkennt, wann das Auto auf so einem Prüfstand ist. Bei den Tests wurde viel mehr AdBlue ins Abgas gespritzt als im Alltag, dadurch kamen die geschönten Werte zustande. In den USA sind die Abgasrichtlinien strenger als in Europa, dementsprechend humorlos war auch die Reaktion der EPA.

Das lag natürlich auch im Interesse des amerikanischen Konkurrenten General Motors.

Warum so viele Modelle betroffen sind:

Die Entwicklung von Motoren ist sehr zeit- und kostenintensiv. Deshalb wird ein Motor beispielsweise nicht nur in einen Golf, sondern auch in einen Passat verbaut. Da VW einige Tochterfirmen wie Audi hat, nutzt dieser Firmenverband einen gemeinsamen Technikkasten – deshalb sind auch Modelle von Audi und Porsche betroffen. Die Motoren werden höchstens noch leicht modifiziert, bleiben im Kern aber identisch.

Und was hat das mit der aktuellen Debatte zu tun:

In der aktuellen Krise der deutschen Autoindustrie geht es um ein Kartell der großen Konzerne – also Mercedes, BMW und VW. Die VW-Töchter Audi und Porsche sind auch ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Der Kartellvorwurf bedeutet, dass unterstellt wird, die großen Konzerne hätten zusammengearbeitet, um die Konkurrenz zu schwächen und sich einen Wettbewerbsvorteil zu erschleichen.

Darum geht es:

In den Neunzigern gründeten die deutschen Autokonzerne das „Abgaszentrum der Automobilindustrie” (ADA). Dort wird seitdem an Technologien für Abgasreinigung geforscht. Das Land Baden-Württemberg zahlte 7,5 Millionen Mark Starthilfe.

Ausländische Konzerne wollte man in diesen Kreis nicht aufnehmen, um die Forschungsergebnisse nicht an die Konkurrenz zu verlieren. So klagte General-Motos-Tochter Opel erfolglos gegen den Ausschluss aus dem ADA.

Die Begründung des Bundeskartellamtes:

Da nur eine dreijährige Zusammenarbeit vorgesehen sei, wäre dieser Ausschluss zu verschmerzen, solange dabei keine Geräte für die Serienfertigung hergestellt würden.

Fakt ist:

Das Abgaszentrum gibt es noch heute, rund 20 Jahre später. Den Autobauern wird vorgeworfen, sich auf das Einbauen von 8-Liter-AdBlue-Tanks geeinigt zu haben, da dies billiger sei. Damit nicht so viel vom Inhalt verbraucht wird, wird auch weniger AdBlue in die Schadstoffe gepumpt. Hier wird also auf ein zweites Verfahren im Stile des VW-Skandals spekuliert. Diese Tanks wurden in den Autos von BMW, Mercedes und VW aber nicht verbaut.

Wirklich gefährlich könnte es für die deutsche Autobranche erst dann werden, wenn es innerhalb dieser „Arbeitsgemeinschaft” zu Preisabsprachen gekommen wäre. Dann läge ein Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht vor.

Der aktuelle Stand:

Die Tatsache, dass Mercedes bezüglich dieses Abgaszentrums schon 2014 Selbstanzeige erstattete, zeigt schon, dass etwas an der Sache faul ist. VW zeigte sich auch selbst an, allerdings nicht so schnell wie Mercedes, sodass sie im Fall der Fälle nicht mit einer Strafmilderung rechnen können. BMW, bei deren Fahrzeugen bisher kaum zu hohe Abgaswerte festgestellt wurden, fühlt sich von den Partnern jetzt verraten, es kriselt. Kooperationen zwischen BMW und Mercedes sind erst einmal auf Eis gelegt, darunter auch der geplante Ausbau eines umweltfreundlichen Tankstellen-Netzes.

Protestaktion am Rande des Diesel-Gipfels Foto: Peter Kneffel / dpa picture alliance

Der Diesel-Gipfel, der diese Woche stattfand, sollte Klarheit für Industrie, die Bundesregierung und nicht zuletzt den Kunden bringen. Dieses Ziel wurde verfehlt.

5,3 Millionen Dieselfahrzeuge sollen ein Update bekommen. Wenn das nicht durchgeführt wird, könnte das Fahrverbot für Dieselfahrzeuge drohen. Die Wirksamkeit dieses Updates ist allerdings umstritten. Es wird in die Motorsteuerung eingegriffen, ob dies Einfluss auf Motorleistung und Verbrauch hat, ist noch nicht klar.

Die Verlierer sind die Besitzer von Dieselfahrzeugen. Sie wissen nicht, wie lange sie ihre Autos noch nutzen dürfen, gleichzeitig verlieren ihre Autos an Wert, die Nachfrage sinkt.

Die Regierung wird jedenfalls den Teufel tun, die Autoindustrie zu stark in die Mangel zu nehmen. Zu viele Arbeitsplätze hängen dran, nicht nur bei den betroffenen Konzernen, sondern auch bei Zulieferern wie BOSCH oder Continental. Außerdem machen die genannten Konzerne 43 Prozent des DAX aus. Von ihrem Erfolg hängen also auch viele Privatvermögen und Altersvorsorgen ab.

Die Amerikaner wittern unterdessen die Chance, einen großen Konkurrenten zu schwächen, weitere Milliarden an Schadenersatz einzuklagen und damit die eigene Automobilindustrie zu stärken.

Quelle: Noizz.de