Mit der ersten Wahlprognose kam die große Schockstarre.

Die AfD wird mit knapp 13 Prozent drittstärkste politische Kraft in Deutschland. Diese Meldung ist das Haupthema des Wahlabends. Stundenlang diskutieren die Partei-Eliten über das Wahlergebnis. Dass Angela Merkel zum vierten Mal regieren kann - komplette Nebensache. Dabei ist das Ergebnis ein durchaus positives, wenn die richtigen Schlüsse gezogen werden.

Martin Schulz reagiert und eskaliert:

Für den zweiten Paukenschlag des Abends sorgt die SPD. Die Sozialdemokraten haben ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis erzielt. Gut 20 Prozent, eine Volkspartei ist sie nicht mehr. Jetzt sollen Konsequenzen gezogen werden, die SPD schließt eine Koalition aus, will in die Opposition gehen. Mit dem Ausscheiden der SPD ist eine Jamaika-Koalition mit der Union, FDP und den Grünen die einzig denkbare Mehrheit.

Schulz muss mit der ersten Prognose seine Ambitionen auf das Amt des Bundeskanzlers begraben Foto: dpa picture alliance

In der „Elefantenrunde“ wacht Martin Schulz das erste Mal in diesem Jahr auf. Er feuert scharf gegen Angela Merkel und beruhigt FDP und Grüne. Die Regierungsverhandlungen mit Merkel würden ziemlich einfach, da die Kanzlerin als „Ideenstaubsauger“ bekannt sei. Schulz wirkt den ganzen Abend über wie ein eingeschnapptes, kleines Kind, dem man die Süßigkeiten weggenommen hat.

Mehrfach wird auf die Leistung der SPD im Kampf gegen den Nationalsozialismus verwiesen. Die SPD schwelgt in Erinnerungen, die Gegenwart ist grausam genug. Trotzdem schade, dass Schulz erst nach der Wahl in den Schröder-Modus wechselt. Der Wahlkampf wäre spannender gewesen, wenn ihm das schon vor der Wahl eingefallen wäre.

Starke Opposition für Deutschland:

Zwölf Jahre Merkel, davon acht mit einer großen Koalition – das hat Spuren hinterlassen. Die größten Verlierer der Wahl sind CDU und SPD. Die Wähler haben die Parteien für eine schläfrige Mehrheitspolitik abgestraft, die die politischen Ränder stärkt. Umso wichtiger also, dass es mit der SPD wieder eine starke Opposition gibt. Die hat es in den letzten Jahren nicht gegeben. Die SPD folgt damit der Fußballweisheit: Manchmal muss ein Verein absteigen um sich neu zu erfinden.

Martin Schulz konnte die Wähler nicht überzeugen Foto: dpa picture alliance

FDP und Grüne reagieren panisch:

Das Ausscheiden der SPD aus dem Regierungsrennen bewertet besonders FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner negativ. Er glaubt, die SPD würde sich aus der Verantwortung stehlen. FDP und Grüne wären damit gezwungen in die Regierung einzusteigen. SPD-Politikerin Manuela Schwesig kontert: Haben Sie jetzt schon Angst zu regieren?

Na gut, wir müssen auch über die AfD reden:

Mehrere hundert Demonstranten versammelten sich am Sonntagabend vor der AfD-Wahlparty-Location. Die Polizei hatte alle Hände voll zutun, um den Mob von der Party fernzuhalten. Zur gleichen Zeit debattieren die Politiker in den Talkshows, wie es soweit kommen konnte. „AfD-Führer“ Alexander Gauland hat die Jagd auf Angela Merkel für eröffnet erklärt. Der positive Effekt des starken Wahlergebnisses ist allerdings: Mit der AfD muss sich jetzt auch die Bundespolitik herumschlagen.

Freude bei der AfD, von null auf knapp 13 Prozent Foto: dpa picture alliance

Bisher konnte Deutschland sich damit brüsten, dass es keine rechte Partei auf Bundesebene gibt, während das in den europäischen Nachbarstaaten schon lange anders aussieht. Dieses Eigenlob funktioniert nicht mehr, die Parteien müssen ihre Komfortzone jetzt endlich verlassen.

Medien und Politik haben jahrelang nicht richtig auf die Partei am rechten Rand reagiert. Jetzt ist es an der Zeit sich inhaltlich an der Partei der Angst- und Wutbürger abzuarbeiten.

Die Parteibasis fühlt sich bei der AfD gut aufgehoben und denkt, dass Gauland und Weidel sie gut repräsentieren. Dabei haben die beiden überhaupt keine politischen Inhalte: Es gibt keine Rentenpolitik, Sozialversicherungen sollen zerschlagen werden. Klingt nicht gerade nach einer Politik für Menschen, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen.

In Sachsen wird die AfD stärkste Kraft Foto: dpa picture alliance

Alexander Gauland antwortet bei Anne Will auf die Frage, wie man die Lage der Menschen in Deutschland denn verbessern wolle mit dem Satz: „Das ist zurzeit nicht unsere Aufgabe.“

Es ist bedenklich, dass nicht mal ein Jahrhundert nach Hitlers Regime rechte Parolen wieder salonfähig werden. Indem die AfD verteufelt wird, treibt man ihr aber nur noch mehr Anhänger in die Arme, Gauland gibt das offen in der Talk-Show zu. Wolfgang Kubicki von der FDP kritisiert nach einer gefühlten Ewigkeit bei Will, die Diskussion in der Sendung lege den Eindruck nahe, die AfD sei kurz vor der Machtergreifung in Deutschland.

Viele fürchten, die Prozente für die AfD seien der Anfang vom Ende Foto: dpa picture alliance

Tatsache ist: Ein Großteil der AfD-Wähler identifiziert sich nicht mit der Partei. Nazi-Vergleiche und furchtbare Zitate der Parteiführung haben deshalb auch keine Wirkung.

Das Wahlergebnis ist der letzte Warnschuss:

Eine starke Opposition und eine neue Koalition auf Bundesebene könnten frischen Wind in die Politik bringen. Neuwahlen sollten vermieden werden, denn dann gibt es noch mehr Stimmen für die Linken und die AfD.

Tatsächlich bildet der neue Bundestag die deutsche Bevölkerung besser ab, als der Letzte. Und dazu gehört auch die AfD. Sie kann nicht mehr ignoriert werden. Die Politik muss sich inhaltlich mit der Partei befassen. Das schlechte Wahlergebnis der CSU hat gezeigt, dass reines Kopieren der AfD-Inhalte nicht funktioniert. Es gilt die Schwachstellen der Partei zu entlarven und den Wählern vor Augen zu führen, dass eine Stimme für die AfD eine Stimme gegen die Demokratie und eine weltoffene, liberale und tolerante Gesellschaft ist.

Auch die CSU hat herbe Verluste zu beklagen Foto: dpa picture alliance

Die nächsten vier Jahre werden sehr wichtig für Deutschland. Mit den neuen Mehrheitsverhältnissen könnte viel Neues angestoßen werden. Eine Jamaika-Koaltion ist definitiv besser, als eine neue, große Koalition. Das Ergebnis ist der letzte Warnschuss. Die Politik muss jetzt reagieren.

Quelle: Noizz.de