Er starb mit 34 Jahren.

Wenn wir ehrlich sind, wussten wir nie so richtig, was wir mit ihm anfangen sollten. War er Party? War er Fashion? War er DJ? War er Blogger? Er war uns einfach viel zu viel gleichzeitig, überraschte uns ein ums andere Mal – mal mit Niveau, mal mit Camp. Man konnte es zuvor nie wissen. Gewiss war nur: Es wird geredet werden.

Jetzt hat er uns wieder überrascht. Und wieder reden wir über ihn – auch wenn der Anlass ein trauriger ist und nicht etwa die Eröffnung eines weiteren veganen Fastfood-Ladens wie sein schweinchenrosanes "Dandy Diner" oder eine weitere ultratrashige Motto-Party zur inoffiziellen Eröffnung der Berlin Fashion Week.

Wer ihn nur von Instagram kannte, ahnte wohl kaum, dass Carl Jakob Haupt mit 31 Jahren an Krebs erkrankt war. Jetzt, im Alter von 34 Jahren, ist er dieser Krankheit erlegen. Er starb am Morgen des Karfreitags in einer buddhistischen Klinik in Bad Saarow im Beisein seiner Ehefrau, der 25-jährigen Giannina alias Gia Escobar, die er erst letztes Jahr geheiratet hatte, und seiner Freunde.

Die Liebe meines Lebens, die für immer meine Liebe bleiben wird, mein Herz ist von uns gegangen. Mein Ehemann Carl Jakob Haupt ist Karfreitag in meinen Armen friedlich eingeschlafen. Er hat sich so verabschiedet, wie er es sich gewünscht hat. Nach Wochen des Kampfes gegen den Krebs. Er war in diesem letzten Moment ganz bei mir, bei unserer Liebe. Die Zeit, die wir beide miteinander hatten, war so intensiv, dass Worte sie nicht beschreiben können. Wir haben jeden Tag so miteinander gelebt, als wäre es unser letzter. Wir haben ein Leben geführt, das so von uns geprägt war, dass alles andere egal war. Wir haben bedingungslose Liebe erlebt. Auch wenn Jakob nur 34 Jahre alt geworden ist, hat er so viele Spuren hinterlassen, eine so tolle Familie gehabt, so viele großartige Freunde gefunden, dass er in uns allen weiterleben wird. Er war und ist unser Häuptling. Ich weiß, dass er so viele Menschen verzaubert hat mit seinem unbeschreiblichen Lächeln, seiner Energie und seiner Klugheit. Jakob hat sich trotz der Krankheit nie beklagt. Er hat das Schöne im Leben betrachtet, war furchtlos und hat immer alles in vollen Zügen genossen. Jakob hat sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen, sich immer seine eigene Meinung gebildet und war für alle Menschen offen, egal welchen Hintergrund sie hatten. Jakob ist immer bei mir und bei uns. Er schaut jetzt von einem anderen Ort auf uns, wacht über mich und lächelt, weil er weiß, dass wir ihn nie vergessen werden. „Du bist das erste an das ich denke, wenn ich morgens aufwache - und das letzte, woran ich denke, wenn ich einschlafe. Und das, seit wir uns kennen. An jedem Tag. Und so wird es auch jetzt gewesen sein, wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.“ (Jakob an mich, April 2019) Unsere Liebe bleibt. Jetzt ist spáter für immer.

Carl Jakob Haupt wurde 1984 in Kassel geboren, wuchs dort in einem protestantischen Pfarrer-Elternhaus auf, studierte Politikwissenschaft, ging zuerst nach Hamburg, dann nach Berlin und stieß 2010 zum Männer-Fashion-Blog "Dandy Diary" hinzu, den sein Schulfreund David Kurt Karl Roth ein Jahr zuvor gegründet hatte. Seitdem mischten die beiden nicht nur die Modewelt ordentlich auf – mit Aktionen, die YouTuber "Pranks" nennen würden und die sich an Performance- und Konzeptkunst orientierten –, sondern schrieben vor allem auch gegen Trends und Marken an, die in ihren Augen nicht authentisch waren. Außerdem schmissen sie zu jeder Berlin Fashion Week die inoffizielle Eröffnungsparty – berühmt, verschrien, berüchtigt.

Wir, NOIZZ, baten Jakob jedes Mal erneut, ob er uns nicht großzügig auf die Gästeliste setzen könne – manchmal gleich mit einer Handvoll Redakteuren. Immer antwortete er schnell und entspannt, obwohl er – unsere Anfragen kamen immer recht spontan – gerade in maximalem Stress gewesen sein muss. Einmal ging nur eine Praktikantin hin. Sie war von dem Abend so geschockt, dass kein Text zustande kam, der veröffentlichbar war. Das Prinzip Carl Jakob funktionierte also selbst in unserer "Been there, done that"-Gesellschaft noch. Schocken. Ekeln. Faszinieren. Sichergehen, Stadtgespräch zu sein. Und das in Berlin, nicht in Hintertupfingen.

Auf NOIZZ.de schrieb er 2017, im Jahr des Levi's-Logo-Shirts, eine Verteidigung desselbigen, nachdem wir lautstark gefordert hatten, endlich ein Ende mit dem Kleidungsstück zu machen. Er war nie um eine Meinung verlegen – vor allem nicht um eine unbeliebte.

Zuletzt war auf Instagram zu sehen, welch großes Spektrum Carl Jakob Haupt abdeckte. Im Februar erschien er auf einem Event am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. Die Gästeliste las sich wie der feuchte Traum eines jeden Politikjournalisten: US-Vize-Präsident Mike Pence, Trump-Tochter Ivanka, Vitali Klitschko, Jens Spahn, Markus Söder, Alexander Dobrindt, der VW- und der Daimler-Chef. Dazu noch die mediale Elite: Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner und BILD-Chefredakteur Julian Reichelt – und mittendrinnen, ganz selbstverständlich, der provokante Modeblogger und "Party-Impresario", wie ihn der mit ihm befreundete ZEIT-Reporter Moritz von Uslar in seinem großen Porträt 2016 so schön und treffend genannt hatte.

Auf den zwei Fotos, die Jakob von jener Veranstaltung auf seinem Instagram teilte, sieht er nicht so aus, als ob er sich unwohl fühle, als ob er nicht da hingehöre, sich mit der hohen Politik, der Wirtschaft nichts zu sagen habe. Auf dem einen schlägt er mit Jens Spahn ein, auf dem anderen – es ist etwas unscharf – steht er neben Ivanka Trump. Er bestand und bestach auch in solchen Runden. Um im nächsten Augenblick am DJ-Pult die Feiermasse mit seinem – Zitat Carl Jakob Haupt – "mediokren Musikgeschmack" zur nächsten Eskalationsstufe zu bringen.

Auch wenn das für jeden Menschen gelten mag: So einen wie Jakob gib's kein zweites Mal. Wir werden merken, dass er fehlt.

Quelle: Noizz.de