Corona-Blues und Social-Distancing bringen die Fernsehwelt auf kreative Ideen. "Das Wohnzimmer-Festival", moderiert von Joko Winterscheidt und Steven Gätjen, ist nicht das einzige Experiment dieser Art. RTLs "Die Quarantäne-WG" oder Mark Forster, der auf VOX "Live aus der Forster-Straße" sendet. Ein Situationsbericht.

Wenn du in diesen Tagen nach all den Netflix-Orgien den guten, alten Fernseher anschalten solltest, wird dir überall auf dem Bildschirm der Hashtag "#WirBleibenZuhause" begegnen. Die TV-Sender haben eine richtige Offensive gestartet, alles dreht sich ums Zuhausebleiben und wie man damit umgeht. Die Krönung liefert nun ProSieben, die gemeinsam mit Joko Winterscheidt und Steven Gätjen, zum "größten Wohnzimmer-Festival der Welt" am kommenden Freitag einladen.

Bei der Liveshow wollen live aus ihrem Wohnzimmer internationale Musikerinnen und Musiker für uns ihre Festivalslots spielen. Mit dabei sind unter anderem Dua Lipa, Mando Diao, Scooter, Ava Max Giesinger, Johannes Oerding, Tom Gregory, Rea Garvey, Mark Forster, Nico Santos, sogar Deutsch-Indie-Legende Thees Uhlmann. Klingt nach einem soliden Lollapalooza-Berlin-Line-up. Die Sendung wird live übertragen und unter dem Hashtag #WohnzimmerFestival kann man sich in den sozialen Netzwerken austauschen. Es ist ein Experiment und eine etwas andere Art, Fernsehen zu machen.

TV auf Corona-Umwegen

Ironischerweise könnte die Coronakrise auch eine Revolution im deutschen TV auslösen. Lange galt das als wenig experimentierfreudig mit Ausnahme von ProSieben vielleicht. Man setzt lieber auf Altbewährtes, das was die Almans lieben: Klatschen, beliebte Moderatoren, immer die gleichen Gesichter. Die Ausnahmesituation zwingt alle zum Umdenken. Wie soll man eine Liveshow mit Publikum und mehreren Protagonisten in Zeiten einer Pandemie bitte produzieren?

ProSiebens Quotenhit "The Masked Singer" sendet nun ohne Publikum, Moderatoren, Jurymitglieder, sogar Tänzer und Protagonisten haben einen Abstand von mindestens 1,5 Metern. Teilnehmer Angelo Kelly ist aufgrund des Coronavirus' sogar vorzeitig ausgestiegen. Das gesamte Konstrukt der Show erscheint auf den ersten Blick abstrus in diesen Krisenzeiten, funktioniert aber dann doch irgendwie. Und zeigt auch, welche wichtige Aufgabe Fernsehen in diesen Tagen haben kann: Neben Information, ermöglicht es uns auch Eskapismus aus dem neuen Quarantänealltag. Es unterhält uns. Eine Aufgabe, die das Fernsehen lange vergessen oder aber nicht mehr ganz auf dem Schirm hatte.

Auch Klaas Heufer-Umlauf musste für seine wöchentliche Latenightshow auf Prosieben umdenken. "Late Night Berlin" moderierte er daher im leeren Studio, sein Sidekick Jakob Lundt einige Meter entfernt am eigenen Schreibtisch, genauso wie Rapper Luciano als Interviewgast etwas weiter weg als sonst saß. Die Studiospiele wurden durch ein Skype-Spiel mit der Redaktion ersetzt, indem man raten sollte, wer im Bett liegt. Peinliche Internetaussetzer nicht ausgeschlossen. Reales Leben und unser neuer Quarantäne-Alltag kommen im Fernsehen an – und das präsentiert sich so näher am Zuschauer als jemals zuvor. In die Gefahr irgendwas zu faken, kommt Heufer-Umlauf so wohl auch nicht.

Kommt jetzt das "Guerilla-Fernsehen"?

Auch auf den ersten Blick sehr schrottige Formate wie "Die Quarantäne WG" auf RTL haben das verstanden. Dafür hat RTL den größten gemeinsamen Konsens seiner Moderatoren-Riege für das Durchschnittsalman-Publikum versammelt und kündigt das als sehr revolutionär an: "Für "Die Quarantäne-WG – Willkommen zuhause!" sind die beiden Moderatoren Günther Jauch und Thomas Gottschalk sowie Comedian Oliver Pocher vorübergehend zusammengezogen – natürlich nur virtuell. Per Video-Chat tauschen sich die drei TV-Stars darüber aus, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen."

Okay, klingt an sich interessant, aber die Umsetzung wirkt sehr improvisiert, die Gespräche wirken stammtischartig und der einzige, der richtig verstanden hat, wie Kommunikation per Videochat funktuioniert ist erstaunlicherweise Günther Jauch. Dazu gibt es Gäste, per Skype zugeschaltet, mal Promis wie Max Giesinger oder Carolin Kebekus, mal aber auch ein Normalo aus dem Getränkemarkt. Das kommt jetzt jeden Tag zur Prime-Time 20.15 Uhr. Quasi eine alternative Lage der Nation, die – so peinlich wie das irgendwie ist – doch erstaunlich akkurat ist. Vielleicht müssen wir damit auch einfach mal klar kommen: Der Quarantänealltag ist improvisiert, er ist nicht immer Hochglanz.

Thomas Gottschalk (oben l.), Günther Jauch (unten r.), Oliver Pocher in der "Quarantäne-WG".

Einen Schritt professioneller ins Guerilla-Fernsehen! Das fährt übrigens der Gamingsender Rocket Beans TV dank kleinen Budgets schon seit Jahren ziemlich ähnlich und in seiner Nische sehr erfolgreich. Und jetzt kommt Mark Forster dazu. Der Deutschpopsänger bekam in der Krise vom Sender VOX die Möglichkeit, Menschen für die Dauer einer Fernsehsendung mit massentauglicher Musik etwas glücklicher zu machen.

Mark Forster in seinem Studio

"Live aus der Forster-Straße" nennt sich das Konzept. Erinnert in erster Assoziation an die "Sesamstraße", ist aber kein Kinderfernsehen. Von der dort präsentierten Musik mag man halten, was man will, diese Sendung im DIY-Modus – eine Mischung aus statischen Kameraeinstellung, Kamera-Selfiemodus und Facetime-Einlagen – war unterhaltsam, kurzweilig und gut gemacht. Aus seinem Studio schaltet er zu prominenten Künstlern, wie Chris Martin und Rita Ora, macht mit ihnen Musik, stellt ihnen Aufgaben und schaut in ihre Wohnzimmer. Erstaunlicherweise wirkte das bei Weitem nicht so improvisiert wie "Die Quarantäne-WG", obwohl alle Beteiligten bestimmt genauso wenig Zeit zur Vorbereitung hatten wie Gottschalk, Pocher und Jauch hatten.

Es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Wochen noch weitere Formate in diesem Experimnetiermodus gestartet werden, die möglichst günstig produziert werden können und gut aussehen. Es könnte unsere Seh- und Unterhaltungsgewohnheiten abseits von Netflix und Co. nachhaltig ändern. Wie das als Unterhaltungsshow im Großen und als Livesendung funktionieren wird, wird ProSiebens "Wohnzimmer-Konzert" zeigen.

"Das große ProSieben Wohnzimmer-Festival" wird am 27. März 2020 um 20:15 Uhr live auf ProSieben ausgestrahlt.

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Quelle: Noiizz.de