5 Antworten auf 5 Fragen.

Die Welt schaut auf Irland: Am Freitag wird in dem Inselstaat ein Referendum stattfinden, in dem es um ein Thema geht, das immer die Gemüter erhitzt – Abtreibung. Doch was genau haben die Iren – und vor allem Irinnen – vor? Noizz erklärt euch die Lage.

1. Wie sind Abtreibungen in Irland momentan geregelt?

Kurz gesagt: sehr streng. In Irland sind Abtreibungen nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Das gilt auch für eine mögliche Suizidabsicht. In allen anderen Fällen ist der Schutz des ungeborenen Lebens laut Verfassung gleichwertig mit dem der Mutter, sodass bei einer ungewollten Schwangerschaft keine Abtreibung möglich ist. Auch für den Fall einer Vergewaltigung sieht das irische Gesetz keine Ausnahme vor.

Wegen dieser Restriktionen liegt die Zahl legal vorgenommener Abtreibungen sehr tief. Im vergangenen Jahr waren es nur 25 Frauen, die wegen einer lebensgefährlichen Situation abtrieben.

„Her Body, Her Choice“ – die Realität in Irland sieht anders aus. Foto: Brian Lawless / dpa picture alliance

Seit 1992 ist es irischen Frauen allerdings erlaubt, für eine Abtreibung ins Ausland zu gehen. Die meisten tun das in Großbritannien. Im Jahr 2016 sollen 3.265 Irinnen im UK abgetrieben haben, etwa halb so viele wie noch 2002.

Mit diesem gesetzlichen Rahmen hat Irland eines der strengsten Abtreibungsgesetze in Europa. Das einzige EU-Mitgliedsland, das noch weiter geht, ist Malta: Dort sind Abtreibungen kategorisch verboten. Ähnlich ist die Lage in den Mikrostaaten Liechtenstein, Andorra und San Marino, was aber wegen der Praxis in den jeweiligen Nachbarländern weniger schwer wiegt.

2. Wie kommt es zu den strengen Regeln?

Abtreibung war in der Republik Irland schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts per Gesetz verboten. Allerdings wuchs unter Abtreibungsgegnern Anfang der 1980er Jahre die Sorge, dass der oberste Gerichtshof Irlands die Verfassung so auslegen könnte, dass das Verbot gelockert würde. Auf diese Weise waren auch Verhütungsmittel in Irland legalisiert worden.

Daher setze es sich die Pro-Life Amendment Campaign (PLAC) 1981 zum Ziel, ein klipp-und-klares Abtreibungsverbot in der Verfassung zu verankern, und erreichte 1983 eine Volksabstimmung. 67 Prozent der Iren sprachen sich für den Verfassungszusatz und damit gegen Abtreibung aus.

Die katholische Kirche, in Irland nach wie vor eine wichtige Instanz, zeigte sich während der Debatte als vehemente Fürsprecherin strengerer Abtreibungsgesetze.

Mit Rosenkranz und Mariaportrait: Vor allem religiöse Iren sind gegen Abtreibungen. Foto: Brian Lawless / dpa picture alliance

Erst 1992 entschied das oberste Gericht, dass irische Frauen im Falle der Lebensgefahr so wie im Ausland abtreiben dürfen. 2013 verabschiedete der Oireachtas (das irische Parlament) ein entsprechendes Gesetz, um den neuen Regeln einen klaren Rahmen zu geben.

3. Was genau wird im Referendum entschieden?

Ob die Abtreibung in Irland liberaler geregelt werden soll oder nicht. Stimmt die Mehrheit mit „No“, bleiben alle Regeln bestehen. Gewinnt das „Yes“-Lager, wird der achte Verfassungszusatz von 1983 abgeschafft.

4. Wer wird gewinnen?

Wahrscheinlich die Abtreibungsbefürworter. In sämtlichen Umfragen liegen sie, mal mehr und mal weniger knapp, vorne. Spätestens seit dem Brexit-Referendum wissen wir allerdings, dass eine solche Ahnung mit Vorsicht zu genießen ist. Plus: In Irland wurde erst 1995 die Scheidung legalisiert. Im damaligen Volksentscheid stimmten nur 50,3 Prozent dafür – die konservativen Kräfte auf der Insel sind also immer noch stark. Und sie haben auch diesmal die Kirche auf ihrer Seite.

5. Und was passiert danach?

Das wird sich erst noch zeigen: Tatsächlich ist es nicht so, dass bei einem Sieg der Ja-Stimmen automatisch Abtreibungen legalisiert werden. Stattdessen liegt es dann am Parlament, ein neues Gesetz zu verabschieden, das die Abtreibungspraxis in Irland liberaler regelt. Wie „großzügig“ das allerdings ausfallen wird, ist noch offen.

Ein Gesetzesentwurf aus dem Gesundheitsministerium sieht mehrere Änderungen vor. Die wichtigste: Abtreibungen ohne die Angabe von Gründen in den ersten 12 Schwangerschwaftswochen werden legalisiert. Das entspräche in etwa der Lage in Deutschland.

Die größte Partei im irischen Parlament, Fianna Fail, ist in der Frage allerdings gespalten. Dass ein solches Gesetz also eine Zwei-Drittel-Mehrheit erreicht, ist noch nicht sicher.

Übrigens: Nordirland, also der britische Teil der Insel, hat ähnlich strenge Abtreibungsgesetze, die davon nicht betroffen wären. Hier gelten nach wie vor die Regeln aus dem 19. Jahrhundert, sodass nordirische Frauen weiterhin für die Abtreibung nach England oder Wales fahren müssten.

Quelle: Noizz.de