Die Lebenserfahrungen der Aktivistin bringen einiges mit sich.

Am Mittwoch versammelten sich allerlei Medienmacher und Netzinteressierte zur re:publica in Berlin. Ein Highlight der dreitägigen Medienmesse war der Eröffnungstalk von Chelsea Manning. Die 30-Jährige Transfrau ist als Whistleblowerin in den USA bekannt geworden und musste sieben Jahre im Gefängnis verbringen, bevor Barack Obama kurz vor seinem Abgang als US-Präsident ihr Strafmaß erließ. Seitdem engagiert sich Manning für Netzwerktransparenz sowie für LGBTQI-Rechte. Bei ihrem Talk auf der re:publica wurde die Amerikanerin gefeiert – ein paar Weisheiten, die sie zwischendurch rausgehaut hat:

35 Jahre sollte Chelsea Manning im Gefängnis verbringen. Besonders während ihrer Untersuchungshaft war sie grausamen Bedingungen ausgesetzt – und ihre Hormontherapie sowie andere Maßnahmen der Geschlechtsumwandlung musste die Transfrau einklagen. Heute blickt Manning auf die Zeit im Gefängnis als sehr lehrreich zurück: „Ich habe durch meine Mit-Insassen erfahren, was die Menschheit so stark macht: In den extremsten Situationen sind wir dazu fähig, uns zusammenzutun und dagegen zu halten.“ Nach ihrer Freilassung will die 30-Jährige „das beste Leben führen, dass ich als Mensch leben kann. Jetzt ist meine erste wirkliche Chance auf ein normales Leben“.

Die 30-Jährige hat ursprünglich für die US-Armee als IT-Spezialistin gearbeitet. Mit ihrem Whistleblow wollte Manning unter anderem darauf aufmerksam machen, wie einfach es ist, an sensible Daten zu gelangen. Denn sie spielte der Enthüllungsplattform WikiLeaks etwa Videos zu, die zeigen, wie US-amerikanische Hubschrauber im Irakkrieg Zivilisten und Journalisten töten. Auf der re:publica warnt sie davor, dass Regierungen aus aller Welt immer mehr Daten anhäufen. „Es ist mehr als ein Hype – es ist wirklich gefährlich“.

Menschen und Maschinen seien sehr ähnlich, so Manning. Beide lernen früh Muster, die später schwer abzulegen sind. „Angesichts der Nutzung von Algorithmen in der Massenüberwachung können wir nicht mehr über Reformen reden“, sagte Manning. „Der Zeitpunkt für Reformen wäre vor 40 Jahren gewesen, wir erleben eine Beschleunigung in Richtung autoritären Mächten weltweit – und wir müssen das jetzt stoppen!“

Chelsea Manning in Berlin

Deshalb fordert Manning eine kulturelle Änderung. Und zwar in Form von:

Das ist eine der spannendsten Forderungen des Talks. Manning vergleicht Programmierer mit Ärzten, die ziemlich ähnliche menschenwichtige Entscheidungen treffen müssen. Demnach müssen Programmierer ähnlichen moralischen Stadards unterliegen, wie Mediziner. Denn laut der IT-Spezialistin kann man der Gesellschaft nicht einfach ein neues Tech-Tool geben und sie selbst rausfinden lassen, wie es funktioniert – man muss ihr zeigen, wie man diese Tools ethisch korrekt benutzt. Das ist etwa beim Internet nicht wirklich oder zu spät geschehen. Und siehe da: Es gibt heute einige Aspekte, die uns allen das Web vermiesen – Hatespeech nur als Beispiel.

Zwar ruft die Amerikanerin dazu auf, aus der eigenen Filterblase zu treten und sich immer wieder mit Meinungen auseinanderzusetzen, mit denen man nicht übereinstimmt. Doch muss das nicht immer öffentlich passieren – und es kann nicht mit Leuten geschehen, die Völkermorde oder ethnische Säuberungen fordern. „Nicht jede Meinung muss durchs Mikrofon in die Welt geschrien werden.“ Word, Chelsea!

„Wir haben keine große Welt“, erklärt die 30-Jährige. „Unsere Probleme sind im Vergleich zu den anderen Planeten, zum Universum, so winzig. Und doch strengen wir uns an und machen uns voneinander abhängig.“ Mit diesen weisen Worten ruft Chelsea Manning dazu auf, sich mehr zu öffnen und Mitmenschen mehr zu schätzen. Da könnte etwa Präsident Trump von ihr lernen, der die Amerikanerin nach ihrer Freilassung wüst beschimpfte.

Doch in der Rolle eines Vorbilds fühlt Manning sich nicht wohl – stattdessen schlägt sie vor, sich im engeren Beziehungskreis Vorbilder zu suchen. „Achtet genauer auf euch selbst. Vielleicht können wir alle unser eigenes Vorbild sein.“

Quelle: Noizz.de