Xiye Bastida ist eine der wichtigsten Figuren der Fridays-For-Future-Bewegung in den Vereinigten Staaten. Ihre bewegende Geschichte, was sie Donald Trump sagen würde und was du über den Klimawandel wissen musst, hat sie uns im NOIZZ-Interview verraten.

Jeden Freitag geht die 17-jährige Xiye Bastida raus auf die Straßen New Yorks –– mal vor die City Hall, mal vor das UN-Gebäude – und protestiert mit andern Jugendlichen, Kindern und Eltern für Klimagerechtigkeit. In den internationalen Medien wird die indigene Aktivistin aus Mexiko bereits liebevoll die Greta Thunberg New Yorks genannt – selbst hochrangige Politiker wie Tom Steyer wollen sie treffen.

Wir haben sie bei einem ihrer Proteste vor dem Rathaus in Manhattan getroffen und ihren spannenden Weg zur Klimakämpferin aufgeschrieben.

"Das erste Mal, dass ich realisiert habe, dass wir in einer Klimakrise sind, war, als meine Stadt in Mexiko 2015 extrem überflutet wurde.

Mein Vater ist indigenous, er gehört dem Otomi-Toltec-Stamm an, und als ich großgeworden bin, war es für mich ganz normal, mich um die Natur zu kümmern – weil sich die Erde ja auch um mich kümmert. Ich bin damit aufgewachsen und ich dachte, jede*r würde so leben. Was indigene Menschen tagtäglich tun, ist das, was der Rest der Welt Aktivismus nennt. Als ich mitbekommen habe, wie manch andere Menschen die Erde verschmutzen, konnte ich es nicht glauben.

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Als sich dieses klimafeindliche Verhalten dann in der Überschwemmung meiner Heimat geäußert hat, habe ich das Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft im Umgang mit der Natur erkannt. Als ich nach New York gezogen bin und gesehen habe, was Hurricane Sandy in Long Island angerichtet hat, habe ich realisiert, dass die Klimakrise überall auf der Welt passiert. Selbst wenn du umziehst, kannst du den Folgen nicht entkommen. Dann ist mir klar geworden: Unsere Stimme als Jugend könnte das ändern.

NOIZZ-Redakteurin Juliane Reuther im Gespräch mit Xiye vor der New Yorker City Hall

Mir ist aufgefallen, dass die meiste Schuld dem Individuum gegeben wird

Alle sagen: Es ist deine Schuld, dass wir eine Klimakrise haben, weil du nicht recycelt hast. Dabei ist die Frage doch: Warum hören Firmen nicht einfach auf, Plastik zu produzieren? Warum haben wir nicht einen Kreislauf in unserer Wirtschaft, wo ich meinen Glasbehälter wiederverwenden kann, statt jedes Mal einen aus Plastik zu kaufen? Viel Schuld wird uns zugeschoben, dabei brauchen wir strukturelle Veränderung.

Xiye zusammen mit dem 18-jährigen Aktivisten Alejandro

Deshalb habe ich dafür gesorgt, dass meine ganze Schule rausgeht und streikt und am Ende haben 600 Schüler*innen demonstriert. An diesem Tag, dem 15. März 2019, habe ich Aktivist*innen aus der ganzen Stadt getroffen und wir haben Fridays For Future NYC gegründet. Danach haben wir zusammen Streiks organisiert, der größte war am 20. September 2019, als 300.000 Menschen auf die Straßen New Yorks gegangen sind. Wir haben sichergestellt, dass diese Demo über die Generationen hinweg organisiert wird.

Viele Aktivist*innen aus New York sind mit mir zu der Weltklimakonferenz gekommen, doch wir konnten dort nicht einmal mit unseren Politiker*innen reden, denn die USA hatte niemanden geschickt. Ich habe mit meinen Repräsentant*innen aus Mexiko geredet, das war sehr interessant. Sie hätten wohl nicht erwartet, dass ich sie tatsächlich zur Rede stelle. Natürlich gehen wir respektvoll mit Politikern um, aber es ist Zeit ihnen zu sagen, was sie zu tun haben. Und das ist unsere Interessen vertreten, und unsere Interessen sind ein gesunder, bewohnbarer Planet.

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Meine Forderung an World Leader ist ziemlich simpel: Hört auf die Wissenschaft!

Xiye Bastida in Downtown Manhattan bei ihrem Protest

Ich habe gerade einen Kurs über Umweltpolitik und was ich darin lerne, ist, dass das Aussterben einer einzigen Spezies eine enorme Kettenreaktion auslöst, die am Ende den Menschen beeinflusst. Es kann zu einer Nahrungs- oder Trinkwasserkrise führen. Wenn die Gletscher schmelzen, wird der Meeresspiegel um 7 Meter ansteigen. Wenn der Permafrost schmilzt, wird all dieses Methan freigesetzt und auch all diese Krankheiten. Als ich geboren wurde, hatten wir 372 ppm CO2 in der Atmosphäre, mittlerweile haben wir mit 415 ppm den Höhepunkt erreicht.

Das ist ein globales Problem. Politiker müssen auf erneuerbare Energien umsteigen und das auf eine faire Art und Weise. Wir müssen Bergmännern umschulen und sie zu Arbeitern in der nachhaltige Energiegewinnung machen. Wir müssen sicher gehen, dass betroffenen Arbeiter*innen in diesem Prozess geholfen wird und sie nicht zurückgelassen werden.

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New York hat international so einen großen Einfluss. Kürzlich hat unser Bürgermeister, Bill de Blasio, gesagt, dass er Infrastruktur für fossile Brennstoffe in Zukunft verbieten wird. Das ist ein riesiger Gewinn für uns. Er sagte, Teil der Entscheidung war unser Youth Movement. Wir haben es auch schon geschafft, einen Klimanotstand im Rathaus ausrufen zu lassen. Jetzt ist ein Jahr vergangen und obwohl wir nur kleine Veränderungen sehen, passieren sie. Wir müssen den globalen Diskurs am Leben erhalten, aber am Ende wollen wir unsere Jugendlichen vor Ort motivieren und mobilisieren, um ihre Städte, lokale Regierung und Communities von innen heraus zu verändern.

Beim Klimagipfel der Vereinten Nationen war ich im selben Raum wie Donald Trump. Er war nur zehn Minuten da und ist dann wieder gegangen, als Narendra Modi seine Rede beendet hatte. Er erkennt die Klimakrise ja nicht einmal an. Selbst Modi, der kaum etwas macht, hat zumindest zugegeben, dass sie gerade passiert, das ist ein viel größerer Schritt, als das, was Trump tut.

Wenn ich die Chance hätte, mit Donald Trump zu reden

Ich sage es mal so: An Leute wie ihn müssen wir uns mit den Dingen wenden, die sie interessieren. Ich sehe, dass er sich für Geld und Macht interessiert. Wenn ich also mit ihm reden würde, würde ich ihm sagen: Du sagst, dass deine Regierung so viele Arbeitsplätze schafft. Überlege dir mal, wie viele mehr du schaffen könntest, wenn du dafür sorgen würdest, dass die Wirtschaft auf erneuerbare Energien umsteigt. Du würdest so viel Geld sparen, weil du nicht so viel ausgeben müsstest, um alles zu reparieren, was durch den Klimawandel kaputtgeht.

Letzte Woche war ich in New Orleans, New Orleans geht unter. Es ist eines der größten Deltas des Landes und niemand weiß davon. Die Stadt, die Inseln darum, gehen unter – und niemand redet darüber. Es wird nicht darüber geredet, was in unserem Land wegen der Klimakrise vor sich geht, stattdessen werden nur andere Länder dafür kritisiert, das sie zu wenig tun.

Fossile Rohstoffe zerstören unsere Welt und sind so tief in der Vertreibung von indigenen Völkern und der Benachteiligung von Minderheiten verwurzelt. In der Bronx haben 12 Prozent der Erwachsenen Asthma, in ganz Amerika sind es durchschnittlich nur 2 Prozent. Viele der Betroffenen, die ich besuche, sagen mir: "Wie soll ich mich um die Umwelt kümmern, wenn ich nicht einmal Geld habe, um Essen auf den Tisch zu stellen?" In diesen Momenten sage ich ihnen, dass die Klimakrise ihre Luft, ihre Jobs und ihre Kinder beeinflusst. In New Orleans gibt es diesen Ort, der "Cancer Alley" (Krebs-Allee) heißt, weil dort so viel Infrastruktur für fossile Brennstoffe ist und die Umweltverschmutzung davon bei den Menschen Krebs auslöst. Jetzt hat sich der Name in "Death Alley" verwandelt, weil alle an dem Krebs sterben.

Viele Betroffenen wissen nicht, dass die Industrie hinter fossilen Brennstoffen ihre Community vergiftet. Wenn du Menschen erklärst, dass Klimagerechtigkeit soziale Gerechtigkeit ist, dann kannst du Menschen dazu bewegen, sich zu engagieren. Reichen Menschen sagen wird, wie viel Geld sie sparen, wenn sie umsteigen. Und älteren Menschen? Nunja, sie sind zu einem gewissen Maße schuld daran, doch wir wollen keine Finger zeigen, wir brauchen die Hilfe von allen. Wir sagen ihnen: Wenn ihr eure Unternehmen auf erneuerbare, nachhaltige Energien und Produktion umstellt, werden wir euch mit unserer Kaufkraft unterstützen und für euch kämpfen.

Was mir aufgefallen ist, ist das Menschen, die Dinge verändern wollen, meistens nur auf Politiker*innen zugehen. Doch wir können nicht auf die Regierung warten; darauf, dass sie Unternehmen und Cooperations regulieren. Wir müssen direkt zu den Firmen und ihnen sagen, dass wir sie boykottieren, wenn sie nicht selbst diese Regulierungen umsetzen. Wir als Gesellschaft haben so viel Einfluss auf jeden Bereich unseres Lebens. Manchmal wollen Menschen nicht mit uns reden, weil sie denken, dass wir enttäuscht sind, wenn sich nicht alles über die Klimakrise wissen. Doch das stimmt nicht, wir wollen mit dir reden, selbst mehr lernen und anderen Menschen Dinge beibringen. Ich habe Hoffnung, weil ich sehe, wie sich Dinge verändern – wegen unseres Youth Movements."

Du willst selbst Klimaaktivist*in werden? Dann sind hier 10 Tipps von Xiye, die dir dabei helfen:

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  • Quelle:
  • Noizz.de