Im Rahmen der Pariser Fashion Week hat man sich bei Dior entschieden, der neuen Kollektion trotz Corona eine echte Runway-Show zu widmen – fast ganz wie in alten Zeiten. Eine "Extinction Rebellion"-Aktivistin nutzte die Chance für eine Protestaktion. Doch die war so schlecht, dass man sich fast ein bisschen schämen möchte.

Ja, die Modeindustrie ist im Großen und Ganzen scheiße für die Umwelt, das wissen wir nicht erst seit gestern. Riesen-Konzerne lassen in Billig-Produktionsländern unter schrecklichem Umständen viel zu viel Shit herstellen, bei dessen Produktion Flüsse vergiftet, Ressourcen verbraucht, Menschen und Tiere ausgebeutet werden.

"We are all Fashion Victims" – und jetzt?

Umweltaktivist*innen und Tierschützer*innen weisen darauf zum Glück immer wieder hin. Mal richtig gut – manchmal auf fast schon erschreckend dämliche Weise. So geschehen bei der Dior-Runway-Show am Mittwoch: Eine "Extinction Rebellion"-Aktivistin stürmte am Ende der Show den Laufsteg, um ein gelbes Banner zu schwenken. Auf ihm zu lesen: "We are all fashion victims".

Protest-Aktion bei Dior

Was sie sich damit erhofft hat? Wahrscheinlich ein bisschen mehr Reaktion zu triggern, als das, was im Anschluss in der Front-Row der Show los war: nämlich gar nichts. Einen Aufschrei für diese Guerilla-Aktion gab nicht in der Fashion-Crowd – eher ein müdes Gähnen. Denn: Die meisten Gäste schienen nicht so ganz zu wissen, ob es sich tatsächlich um eine echte Aktivistin handelte – oder ob ihr Auftritt nicht sogar Teil der Show war.

Wenn sich echter Aktivismus und Show nicht mehr auseinanderhalten lassen

Wie das sein kann? Ganz einfach: Maria Grazia Chiuri, die Chefdesignerin des Luxuslabels, ist bekannt für ihre (zwar recht soften, aber immerhin) aktivistischen Botschaften. So etwa für ihr "We should all be Feminist"-Print-Shirt aus dem Jahr 2016. Und damit ist sie nicht alleine.

Aktivismus ist sexy – und wird nun mal auch gerne als Gimmick eingesetzt. Man denke an die berühmte Chanel Spring/Summer 2015-Show, in der Karl Lagerfeld einen kompletten feministischen Protest auf dem Runway inszenierte. Oder an Marina Hoermanseders letzte Fall/ Winter Show, in der ein Model mit einem Schild in "Fridays For Future"-Optik ausgestattet wurde.

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An Punk-Legende Vivianne Westwood, die 2017 selbst mit einem Julian-Assange-Shirt über den Runway lief, um ihren Support mit dem Wikileaks-Gründer zu zeigen. Protestkultur war und ist schon immer eine Inspirationsquelle der Mode.

Aber zurück zu Dior: Dort sprang gestern also eine Aktivistin auf den Runway, schwenkte ihr hübsches "We are all fashion victims"-Plakat, das so gar nicht provokativ daherkam, sondern ziemlich langweilig (ja, wir sind alle Modeopfer, wir haben verstanden, du meinst das nicht auf Trends bezogen, sondern auf die Umweltsünde Konsum, okay, spannender Wortdreh) und dachte anscheinen, damit irgendwas bewirken zu können.

Dass selbst Antoine Arnault, Head of Communications and Image beim Luxuskonzern LVMH nach dem Event dachte, die Aktion sei "Teil der Show" gewesen, ist da natürlich bitter. Ob irgendeiner der wegen Corona nur 350 geladenen Gäste (sonst sind es 1750) jetzt sein Verhältnis zur Mode überdenkt? Schwer vorstellbar – immerhin sind genau diese 350 Menschen Teil der Modeindustrie und damit von der Branche abhängig – als Einkäufer*innen, Influencer*innen oder anderweitig Kreativschaffende. Eine müde Message für die falsche Zielgruppe also.

Wie hätte man es besser machen können? Wir haben da mal 3 denkwürdige Aktionen aus dem Archiv gekramt:

1. Nina Ricci Spring / Summer 2014

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Im Jahr 2014 stürmten zwei Demonstrantinnen der ukrainischen Femen-Bewegung oben ohne den Runway der Nina-Ricci-Show, um auf die Sexualisierung von Frauen in der Modebranche aufmerksam zu machen.

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2. Gucci Spring / Summer 2020

Protest bei Gucci

Protest aus den eigenen Reihen: Dass Gucci Jacken in Zwangswesten-Optik zeigte, fand Model Ayesha Tan-Jones gar nicht gut. "Mentale Gesundheit ist keine Mode", schrieb sie sich auf die Handflächen – und hielt diese während ihres Gangs auf dem Catwalk provokativ offen vor sich ausgestreckt.

Victoria's Secret 2002

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Was eine Szene: Als Gisele Bündchen 2002 für Victoria's Secret über den Runway stolzierte, sprangen einige PETA-Aktivistinnen auf den Laufsteg – um gegen das Model zu protestieren, was kurz vorher in Echt-Pelz gesichtet worden war. "Gisele Fur Scum" (Giselle Pelz-Abschaum) stand auf ihren Schildern, die sie entsühnt in die Luft hielten.

  • Quelle:
  • Noizz.de