"Während der Finanzkrise von 2007 bis 2009 gingen die globalen Emissionen für einen Moment zurück – und explodierten dann einfach. Unsere Normalität vor dem Coronavirus hätte nicht unser "Normal" sein dürfen. Daran müssen wir uns trotz der Krise immer wieder erinnern. Die Gewinnung und Verbrennung von Kohle, Gas und Öl, das Fällen der wertvollsten und ältesten Wälder und die Erweiterung von Industriebetrieben, all das war und ist unsere Normalität." Wir haben mit Paweł Szypulski, Leiter von Greenpeace Polen, über die Corona- und die Klimakrise gesprochen.

NOIZZ: Sollte man während einer Pandemie über Ökologie sprechen? Viele Menschen haben derzeit nicht die Zeit und sind nicht bereit, Themen wie den Klimawandel zu diskutieren.

Paweł Szypulski: Natürlich sollte man das. Die Coronavirus-Pandemie ist nur eine globale Übung im Vergleich zur einer größeren Krise, die uns erwartet. Und das wird eine Klimakatastrophe sein. Der Coronavirus hat die ganze Welt destabilisiert, die Wirtschaft bedroht und gezeigt, dass Dinge möglich wurden, die eine Sekunde vorher unmöglich schienen. Er hat auch gezeigt, wie empfindlich die Struktur ist, auf dem das soziale Leben aufgebaut ist. Die aktuelle Situation ist aber nur ein Auftakt zu dem, was uns im Zusammenhang mit dem Klimawandel erwartet.

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Deshalb sollten wir so viel wie möglich über die Klimakrise sprechen. Ich weiß, dass viele Menschen nicht die Zeit und die Neigung haben, darüber nachzudenken, weil sie sich Sorgen um ihre Zukunft machen. Ganz klar. Die Klimakrise und das sechste große Artensterben dauern jedoch an und wir dürfen nicht wegsehen. Es ist wichtig, über das Klima zu sprechen, zumal die generelle Aufmerksamkeit aktuell durch die Medien von anderen Schlüsselthemen abgelenkt ist. Bergbauunternehmen und andere Energieverschmutzer nutzen das. Lobbyisten aus diesen Sektoren stehen in den Warteschlangen der Politiker und versuchen, zukünftige Aktivitäten nach der Krise zu beeinflussen.

Greenpeace-Mitglied während Corona-Zeiten

Die Klimakatastrophe wird aber nicht in einem bestimmten Moment eintreten, wie es bei der Pandemie der Fall war.

Paweł Szypulski: Stimmt, das wird nicht passieren, aber sie wird weitere unerwartete Probleme lostreten, die unser System destabilisieren. Zum Beispiel besteht die Möglichkeit, dass sich einige der Viren, die wir beim Schmelzen des Permafrosts [Anm.d.Red.: Dauerfrostboden, der das ganze Jahr hindurch gefroren ist] entdecken, auf den Menschen ausbreiten. Krankheiten, die derzeit nur im globalen Süden auftreten, werden sich Europa nähern. Und das ist nur ein Teil. Es erwarten uns extreme wetterbedingte Krisen – Tornados, riesige Hitzewellen, Dürre, die das Lebensmittelproduktionssystem destabilisieren. Wir dürfen nicht den Zustrom von Menschen vergessen, die von Orten fliehen, an denen es unmöglich sein wird, normal zu leben.

Das Schlimmste ist, dass einige Forscher durch die Analyse der Schlüsselfaktoren der Klimakrise – einschließlich der Geschwindigkeit, mit der der Permafrost schmilzt – zu dem Schluss kommen, dass dieser Prozess schneller ist, als bisher angenommen. Und das ist die Schuld des Menschen.

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In China sind die Kohlendioxidemissionen um ein Viertel gesunken, in Indien ist die Luft so sauber, dass der Himalaya zum ersten Mal seit Jahrzehnten zu sehen ist. Die durch das Coronavirus verursachten ökologischen Auswirkungen wurden in den Medien als gute Nachricht gemeldet. Was fühlen Sie, wenn Sie diese Informationen lesen?

Paweł Szypulski: Während der Finanzkrise von 2007 bis 2009 gingen die globalen Emissionen für einen Moment zurück – und explodierten dann einfach. Die Branche hat nach der Finanzkrise des letzten Jahrzehnts mehr als je zuvor produziert, was sich natürlich auf die Umwelt ausgewirkt hat. Es besteht die Gefahr, dass es jetzt ähnlich wird. Wir können das nicht zulassen. Unsere Normalität vor dem Coronavirus hätte nicht unser "Normal" sein dürfen. Daran müssen wir uns trotz der Krise immer wieder erinnern. Die Gewinnung und Verbrennung von Kohle, Gas und Öl, das Fällen der wertvollsten und ältesten Wälder und die Erweiterung von Industriebetrieben – all das war und ist unsere Normalität.

Wenn wir es ähnlich wie damals machen – und uns an die Wirtschaft halten und den Wirtschaftswachstum und den übermäßigen Konsum an erster Stelle setzen, wird es genauso enden wie in früheren Krisen. Das Problem ist, dass wir 2020 und nicht 2008 haben.

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Ist die Coronakrise eine Gelegenheit, die klimatischen Bedingungen zu verbessern?

Paweł Szypulski: Ich glaube schon. Dies ist eine Chance für eine neue Ordnung. Wir stehen vor einer grundlegenden Frage: Wie werden sich die Machthaber angesichts der COVID-19-Krise verhalten? Wird die Krise genutzt, um die Interessen von Kraftstoffunternehmen zu unterstützen, Unternehmen, die zur Zerstörung des Planeten beitragen? Oder nutzen wir diese Situation, um Gutes zu schaffen?

Was könnte das sein, das Gute?

Paweł Szypulski: Ich denke über den Wechsel des globalen Paradigmas nach. Wir müssen es einfach sagen: Zu unserem eigenen Wohl müssen wir uns von der Logik eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums entfernen. Wir müssen damit beginnen, den Boden für eine Welt zu schaffen, die auf anderen Werten als der Steigerung des Verbrauchs basiert.

Wissen Sie, wie Ihre Worte aufgenommen werden? Wahrscheinlich wird es heißen: "Der Träumer von Greenpeace erzählt utopische Märchen."

Paweł Szypulski: Ich bin mir dessen bewusst, aber andere Leute teilen meine Meinung. Wenn wir uns den letztjährigen Bericht der Europäischen Umweltagentur ansehen, stellen wir fest, dass es unmöglich ist, das wachstumsbasierte Modell mit einer nachhaltigen Umweltpolitik in Einklang zu bringen. Es ist eine offizielle EU-Agenda, keine utopische Rede, also bin ich damit nicht allein. Ein anderes Beispiel? Die Stadt Amsterdam hat eine Entwicklungsstrategie eingeführt, die nicht auf Wirtschaftswachstum, sondern auf anderen Indikatoren basiert. Die Vision der niederländischen Behörden ist es, immer noch, die Lebensqualität zu verbessern, aber diese Qualität wird nicht auf dem Kauf von mehr Smartphones und Flügen in den Urlaub beruhen. Ziel in Amsterdam ist es, sauberere und sicherere Orte mit billigeren und lokalen Lebensmitteln zu schaffen. Noch bevor die aktuelle Krise ausbrach, verabschiedete Neuseeland einen Haushalt, der nicht auf Wirtschaftswachstum, sondern auf die Verbesserung des Wohlergehens der Bürger abzielte. Dies sind keine Fantasien, es beginnt wirklich zu passieren.

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Ich werde trotzdem mal die Rolle eines Ultrapessimisten übernehmen. Ich sehe die nahe Zukunft so: Alle Subventionen werden zur Unterstützung der Industrie, des Verkehrs und zur Wiederbelebung des Verbrauchs verwendet. Wahrscheinlich auch im Gesundheitswesen, was richtig ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Investitionen in die "grüne" Richtung gehen werden.

Paweł Szypulski: Ich möchte den Menschen ein bisschen Optimismus geben, den ich auch begründen kann. Der Leiter der Internationalen Energieagentur, einer weiteren großen und sehr konservativen Institution, erwähnte kürzlich die "grüne Transformation" als eine der drei Säulen der wirtschaftlichen Erholung nach dem Coronavirus. Die beiden anderen Säulen sind Investitionen in die Gesundheitsversorgung und den Arbeitsschutz. Sicher, wir können uns Sorgen machen, ob die Änderungen schnell genug gehen, aber dass sie kommen – da gibt es überhaupt keinen Zweifel.

Woher nimmst du dieses Vertrauen?

Paweł Szypulski: Weil politische Prozesse und Investitionen zur Anpassung an den Klimawandel und zur Verhinderung der bevorstehenden Katastrophe schon wirklich weit gegangen sind. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Europäische Union die "grüne Ordnung" in den Mittelpunkt des Wiederaufbaus Europas nach COVID-19 stellt, ist, dass Brüssel trotz der Krise das Schaffen eines neuen Klimagesetzes für die EU nicht aufhält. Das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2050 wird in der gesamten Europäischen Union als rechtsverbindlich eingestuft. Dies ist großartig.

Immer mehr Länder kündigen nicht nur bis 2050 Klimaneutralität an, sondern präsentieren auch konkrete Wege zur Erreichung dieses Ziels. Über die Hälfte der EU-Mitgliedstaaten unterstützt auch die Forderung, die Emissionen bereits im Jahr 2030 um 55 Prozent zu senken. Frühere Pläne gingen nur von 40 Prozent aus. Es ist beeindruckend, aber immer noch nicht genug. Wenn wir die Ziele erreichen wollen, die die Länder im Pariser Abkommen zugestimmt haben, müssen wir 65 Prozent erreichen. Ein solches Ziel wird beispielsweise von der benachbarten Slowakei unterstützt.

Aus Ihren Worten folgt, dass in Europa eine große Veränderung stattfindet.

Paweł Szypulski: Das ist richtig. Die Europäische Investitionsbank, die Trends auf dem Finanzmarkt setzt, hat ihre Politik Ende letzten Jahres überarbeitet und wird ab 2021 keine fossilen Brennstoffe mehr finanzieren. Wir sprechen nicht nur von Kohle, auch von Gas und Öl. Interessanterweise zieht sich der Versicherungssektor auch langsam aus der Bergbau- und Energiewirtschaft zurück. Es hat einen echten Einfluss auf die Realität. Der gesamte europäische Markt erhält ein hartes Signal, dass das aktuelle Geschäftsmodell vorbei ist. Bei Investitionen in grüne und erneuerbare Energiequellen muss man ganz anders handeln. Es scheint, dass Europa endlich verstanden hat, dass Veränderungen notwendig sind. Die Veränderungen müssen viel weiter gehen, als sich nur von fossilen Brennstoffen zu entfernen. Wir können friedlich ohne Leo Messi und Cristiano Ronaldo leben, aber wir können nicht ohne Krankenschwestern und Menschen auskommen. Europa muss nicht nur sauberer, sondern auch sozial gerecht sein.

  • Quelle:
  • Noizz.de