Der Musiker wählte am 5. April 1994 den Freitod.

Kurt Cobain wurde schon zu Lebzeiten gerne als blonder, viel zu zierlicher Messias inszeniert. Als einer, der die Jugend rettet und der am Ende in ihrem Namen am Kreuz hängt – beziehungsweise die Knarre in den Mund nimmt. Er ist gestorben, für unser aller "Teenage Angst".

Ja: Das ist jetzt wahnsinnig romantisiert ausgedrückt. Und pathetisch. Und verharmlost den Suizid eines Menschen. Warum Cobain sich am Ende das Leben nahm, werden wir niemals erfahren. Was wir wissen: Er war schwer drogenabhängig, hatte zu Lebzeiten mit seiner fragilen Gesundheit zu kämpfen und kam mit seinem Fame nicht so wirklich klar. Warum aber interessiert das – ein viertel Jahrhundert nach seinem Tod – noch? Klar: Die Musik von Nirvana ist gut, aber sie könnte auch von irgendwelchen alten Leuten gehört werden, die mit "Come As You Are" ihre Jugend konservieren wollen. Warum berühren Nirvana immer wieder neue Jugendgenerationen?

Die Underdogs übernehmen die Weltherrschaft

Schwülstig, überladen und zu glatt – Anfang der Neunziger waren Rockbands wie Aerosmith oder Jon Bon Jovi an der Spitze der Charts. Ja, die Jungs in engen Leopardenleggings, Dauerwelle, großer Geste und breitbeinig gespielten Gitarrenriffs (weil man ja irgendwohin musste mit dem vielen Testosteron). Whitney Houston und Michael Jackson wiederum teilten sich den Pop-Thron. Alles schön radiotauglich, alles fürs Easylistening aufgehübscht.

Nirvana kamen da als Außenseiter ran. Sie waren unprätentiös, hatten drei Akkorde, Punk-Attitüde aber Gespür für Pop-Refrains. Sie hatten keine Cowboy-Stiefel an, sondern die löchrigen Chucks, weil sie sich halt nichts anderes leisten konnten. Als sie das billig produzierte Video zu "Smells Like Teen Spirit" raushauten, änderten sie das Pop-Game. Der Song ging durch die Decke, ihr Album "Nevermind" verkaufte sich wie warme Semmeln und die Band brach sämtliche Rekorde.

Jede Jugendgeneration ist verloren

Glaubt man der Legende, ist das Video zu "Smells Like Teenspirit“ mehr oder weniger zufällig entstanden: Die Sporthalle und die Band waren natürlich schon durchaus gewollt am Start. Ebenso die Zuschauer und die Anarchie-Cheerleader. Aber das am Ende alle ausrasten und das Set auseinandernehmen, war angeblich nicht gewollt, sondern ist einfach so passiert. Wie auch immer der Clip entstanden ist: Er ist sinnbildlich. Dafür, dass Nirvana nicht zu bändigen sind und die Szene übernehmen. Aber auch für eine Jugend, die nicht stillsitzen möchte, die ein wohlformuliertes „Fuck You!“ an die Gesellschaft rausjagt und keinen Bock hat, der Norm zu entsprechen. In den Neunzigern bricht ein neues Zeitalter an: Der Computer hält Einzug in die Haushalte – die Technik ersetzt den Menschen. Mit Reagon regiert ein konservativer Politiker, unter dem der Turbokapitalismus gedeiht.

Aber die Teens der Neunziger entlarven den viel gepredigten amerikanischen Traum als Albtraum: Es wird vorgegaukelt, dass jeder durch harte Arbeit vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann, dass jeder ein Stück des Kuchens abbekommt – wenn er oder sie nur möchte. Für die abgehängten Kids, die überfordert sind, die ihren Platz noch nicht gefunden haben und die ganz genau merken, dass sie aus ihrer sozialen Schicht niemals rausgelangen werden, ist keine Stimme da. Bis Kurt Cobain sie ihnen gibt "I'm worse at what I do best and for this gift I feel blessed" – so die Ansage an die Leistungsgesellschaft in a nutshell.

An "die Jugend" werden immer wieder Erwartungen gehängt und jeder bewertet sie: Heute sei die Jugend ja viel zu unpolitisch, Greta Thunberg und ihre Anhänger sollen doch aber bitte brav im Unterricht sitzen bleiben. Wir sind alle beziehungsunfähig, weil wir zu viel tindern, gleichzeitig wird von uns erwartet, dass wir maximal flexibel sind, wenn es um die Wahl des Jobs und der damit verbundenen Heimat geht. Wir sollen an eine Gemeinschaft und ein geeintes Europa glauben, gleichzeitig veranstalten die Pappenheimer in Großbritannien mit dem Brexit eine tragische Komödie, die ihresgleichen sucht. In Amerika soll eine Mauer zu Mexiko gebaut werden, in Europa brodelt die braune Suppe wieder und die Gesellschaft scheint sich einig, dass Ausgrenzung der beste Weg zum Leben ist – und wir merken, dass das "FCK NAZIS"-Shirt niemandem hilft.

Das Ding ist: Egal, wann man „die Jugend“ bildet – man hat immer zu kämpfen und man hinterfragt alles. Und das ist auch gut so. Nur entstehen dadurch Unsicherheiten, denen man sich manchmal nicht gewachsen fühlt. Das alles ist wahnsinnig intensiv und die Tatsache, dass man das alles auch noch zum allerersten Mal fühlt, macht es noch viel intensiver. Kurt Cobain hat das mit dem Weltschmerz in Musik übersetzt – mit vier Alben und einem Unplugged-Konzert. Er ist unsere Verzweiflung, unser Schmerz, unsere Ohnmacht und unsere Wut, wenn er krächzt "Things have never been so swell and I have never failed to fail".

Cobain ist weg, sein Erbe bleibt

Es braucht gar nicht unbedingt jede Generation wieder einen neuen Messias – Kurt Cobain hat im Leben und Sterben alles zusammengefasst, um auch die heutigen Generationen abzudecken. Deshalb ist sein Wirken und seine Musik bis heute aktuell und wird immer wieder neu entdeckt.

Sein Erbe ist aber auch sonst immer wieder zu finden. Natürlich am prominentesten bei den Foo Fighters. Dave Grohl war nach dem Tod seines Frontmannes desillusioniert – und stellte sich irgendwann selbst ans Mikro. Den Impact Cobains auf sein eigenes Leben und seine Musik betont Grohl auch heute noch ständig in Interviews.

Aber auch im Emo-Rap kommt die Figur Cobain und seine Aussagen immer wieder aufs Podest – manche Stimmen behaupten gar, Cloud-Rap sei der Grunge unserer Zeit (ja ok, wir haben das behauptet. Den Artikel findet ihr hier).

Cobains Look, seine Attitüde und seine Aura haben auch in 25 Jahren nach seinem Tod nicht an Wirkkraft verloren. So spielte erst kürzlich Macauly Caulkin eine Art gekreuzigten Cobain im Video von Father John Misty. Zum Vergleich: Nirvanas Video zu "Heart Shaped Box“ kommt sehr ähnlich daher.

Kurt Cobain ist tot – aber das, was er zu Lebzeiten geschaffen hat, bleibt. Wer weiß, auf wieviele Jugendgenerationen Cobain noch heilsam einwirken wird? Wie viele Kids in ihren dunklen Momenten noch alleine in ihrem Zimmer sitzen, sich missverstanden und abgefuckt fühlen und die Worte "Here we are now, entertain us" mitsingen werden?

>> Wer noch ein Andenken braucht: Kurt Cobains legendäres Krankenhaus-Shirt wird versteigert.

Hier bekommst du umgehend Hilfe, wenn du selbst betroffen bist

NOIZZ berichtet in der Regel nicht über Selbsttötungen, um keinen Anreiz für Nachahmung zu geben – außer, Suizide erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit.

Wenn du selbst depressiv bist, Selbstmord-Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de).

Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Quelle: Noizz.de