"Am Ende des Tages wollen wir alle irgendwie dazugehören."

Leise hat sie sich angeschlichen, laut ist sie auf uns heruntergeprasselt: Die neue Emo-Welle der Musikbranche nimmt seit einigen Jahren Fahrt auf. Ganz vorne mit dabei surft Yungblud die Welle der musikalischen Renaissance und hat sich mit seinem Genre-fluiden Mix aus Rock, Indie und Pop in kürzester Zeit eine massive Fanbase aufgebaut. Dominic Harrison, wie der Sänger mit bürgerlichem Namen heißt, verkaufte seine Konzerte in Deutschland in kürzester Zeit aus und hat in unserer Anwesenheit das Astra in Berlin komplett abgerissen. Vor seiner epischen Liveshow haben wir den Musiker zum Interview getroffen und mit ihm über seine Fans, Männlichkeit und My Chemical Romance geredet.

Wen kümmert es, was Männlichkeit bedeutet?

Wer auf YouTube nach Yungblud sucht, stößt nach wenigen Sucheinträgen auf ein "GQ"-Video über die zehn Dinge, ohne die der Brite nicht auskommt. Mit dabei ist nicht nur Schwarztee aus seiner Heimat Yorkshire, sondern auch ein schwarzes Seidenkleid, dass er leidenschaftlich gerne auf der Bühne trägt – "Einfach aus dem Grund, dass ich mich fantastisch darin fühle." Generell gibt Dominic ziemlich wenig auf traditionelle Geschlechterrollen. Stunden später trägt er auf der Bühne dunkelroten Lippenstift, pinke Socken und einen Rock und sieht darin einfach wahnsinnig gut aus.

Dass der Hauptteil der Gesellschaft noch immer nach veralteten Normen lebt, kann er nicht verstehen. "Es ist unsere Schuld, wir haben uns diese Grenzen gesetzt. Irgendwer hat mal gesagt, Frauen tragen jetzt Kleidung die ihren Körper betont, um zu sagen: Sie kann Babys machen. Ich denke mir einfach nur, wenn ich etwas tragen will, dann fuck it", so der 22-Jährige im NOIZZ-Interview. Die Einordnung nach weiblich und männlich trifft Yungblud schon gar nicht mehr: "Männlichkeit, Weiblichkeit, was auch immer, das ist für mich einfach ein altmodischer und überholter Weg, um Dinge zu beschreiben."

"Am Ende des Tages wollen wir einfach nur dazugehören"

Trotzdem fühlt sich der Engländer im Alltag eigentlich "immer" unter Druck gesetzt, einem gewissen Bild von Maskulinität zu entsprechen. In seiner Community, wie er seine Fanbase nennt, fühlt er sich dagegen frei, seine Identität komplett authentisch zu leben. Als Teenager hatte er Probleme dazuzugehören und wollte daher einen Safe-Space für alle schaffen. "Meine Ambition ist es, eine Community zu schaffen, die so groß ist, dass alle Menschen, die das Gefühl haben, sie gehören nirgends dazu, einen Ort finden, an dem sie dazugehören. Das ist die ganze Idee, die hinter Yungblud steht", erklärt Dom. Bei seinem ersten Konzert in London seien nur 20 Leute aufgetaucht. Seine Freunde bekundeten sofort ihr Mitleid, der 22-Jährige war dagegen komplett begeistert. Er habe mit allen persönlich geredet und war einfach glücklich darüber zu wissen, dass es 20 weitere Menschen gibt, die sich "genauso wie er" fühlen.

Diese Mentalität ist ihm auch Jahre später noch erhalten geblieben: "Meine Fans sagen mir immer: Dom, mach mal ‘ne Pause, du bist müde. Aber das Ding ist, ich möchte keine Pause machen. Da draußen sind noch so viele Leute, die das Gefühl haben, das es nicht okay ist, wenn sie sie selbst sind." Gut, dass nicht nur Yungblud diese Menschen auffängt, in seinen Augen ist auch Billie Eilish ein Mensch, dessen Authentizität gerade viel bewegt: "Sie hat das, was bedeutet eine weibliche Pop-Ikone zu sein, auf den Kopf gestellt. Es geht überhaupt nicht darum, irgendetwas zu sexualisieren. Es geht darum, darüber zu reden, was du fühlst. Und das ist großartig.”

Die Kultur von sexueller Gewalt, die wir pflegen, ist "normal und akzeptiert"

Zu welchen Problemen, die immer noch viel zu intensive Sexualisierung von Frauen in den Medien und im Alltag führen kann, zeigt Dom in seinem Song "Polygraph Eyes". Es ist einer der Songs, dessen Lyrics ihm besonders am Herzen liegen. "Ich bin in einer sehr industriellen Gegend aufgewachsen. Wenn du an einem Samstag in Leeds ausgehst, dann siehst du eine Menge Dinge. Ich bin mit 14 mit einem gefälschten Ausweis in Clubs gegangen”, erinnert sich Yungblud. "Der fundamentale Mindfuck, mit dem ich aufgewachsen bin, ist, dass man dir beibringt der Himmel ist grün. Für dich sieht der Himmel so lange grün aus, bis du selbst herausfindest, dass er eigentlich blau ist."

Für ihn habe es immer so gewirkt, als wäre es einfach so, dass Männer (minderjährige) Frauen, die weit betrunkener sind als sie, in Taxis verfrachten und mit nach Hause nehmen: "Es ist akzeptiert und normal. Und ich dachte mir nur: Was zur Hölle? Ich war in dieser gebrochenen Gesellschaft gefangen und konnte damals nichts dagegen tun. Jetzt kann ich als Künstler etwas dagegen tun. Es muss darüber geredet werden. Denn 'Polygraph Eyes' basiert lose auf den Erfahrungen einer Freundin von mir."

"Leave it alone mate

She doesn't want to go home with ya, home with ya

She can't even run

She can't even walk

She slurs when she speaks

But you hear what you want when she can't even talk"

Die Emo-Renaissance als Reaktion auf oberflächlichen Pop

Schwierige Themen wie diese anzusprechen, hat sich die Emo-Szene schon lange auf die Fahne geschrieben. Und während das Genre in den 2000ern und 2010ern noch belächelt wurde, gibt es jetzt auch im Mainstream wie Rap ein starkes Bedürfnis, nach ehrlicher, emotionaler Musik, die soziale Missstände aufdeckt und Emotionalität und Verletzbarkeit abfeiert. "Emo kommt auf jeden Fall zurück. Post Malone, Travis Scott, Juice Wrld und Billie Eilish sind Emo. Ich würde über mich auch sagen, dass ich Emo bin. Die Szene wurde nur auf eine Art neu erfunden." Es klingt anders, es sieht anders aus, doch "sie sagen immer noch dieselben Dinge". Das Comeback von My Chemical Romance dürfte für alle (ehemaligen) Emo-Kids wie Yungblud die Renaissance endgültig besiegelt haben. "Ich habe so Bock, du wirst mich direkt im Pit bei ihrer Show treffen", schwärmt er von der Band von Sänger Gerard Way.

Für Yungblud ist es eine Gegenbewegung zu der ausdruckslosen Popmusik der 2010er, deren bestreben Perfektion zu sein schien: “Ich war gelangweilt von Popmusik, sie hatte ihre Edge verloren. Niemand hat mehr über irgendetwas geredet. Immer wenn ich eine Idee hatte, wollten es andere zurückschrauben, damit es im Radio gespielt werden würde. Viele Popstars sind am strugglen, weil du nicht mehr fake sein kannst. Junge Menschen wissen genau, was ehrlich ist und was nicht. Deswegen funktionieren manche Dinge nicht mehr. Billie ist gerade der größte Popstar der Welt, weil sie komplett authentisch und echt ist.”

Doch auch der 22-Jährige versucht, immer ehrlich mit seiner Community zu sein, spricht in Songs wie "California", "Doctor Doctor" oder "Medication" offen über sein ADHS, Mental-Health-Struggles und Medikamente. Andere Popstars hätten vielleicht Angst davor, sich dadurch verletzlich zu machen, nicht so Yungblud: "Verletzlichkeit ist für mich eine Stärke. Denn wenn du alles über mich weißt, wie sollst du mich dann verletzen können?"

Trotzdem sei es manchmal schwer, Grenzen zu ziehen, wenn es um sein Privatleben geht. "Ich habe immer gesagt, dass ich ehrlich bin. Wenn mir jemand eine Frage zu meiner Trennung stellt, dann werde ich sie beantworten. Wenn alles was ich sage, zu 100 Prozent ehrlich und authentisch ist, dann können Leute darauf basierend entscheiden, ob sie dich mögen oder nicht. Wenn du so viel Zeit damit verbringst, zu versuchen, dass dich jeder mag, dann wirst du dich selbst verlieren. Dann gehörst du allen anderen, aber nicht mehr dir selbst", so Dominic über die absolute Direktheit, für die er bei seinen Fans bekannt ist.

Wenn du jetzt auch Bock bekommen hast, dir die Musik des Künstlers aus Doncaster anzuhören, dann kannst du hier seine aktuelle EP "the underrated youth" streamen:

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Quelle: Noizz.de