„Bloom“ ist schon sein zweites Album.

„Spark up, buzz cut. I've got my tongue between your teeth“ – eine der lyrischen Aussagen, mit der sich Troye Sivan Anfang des Jahres musikalisch mit seiner Single „My My My!“ zurückmeldete.

Einen kleinen Knall hat der in Südafrika geborene und in Australien aufgewachsene Sänger damit definitiv ausgelöst. Zumindest bei seiner immer größer werdenden Fanbase und in der queeren Community.

Aus dem einst unschuldigen Jungen, der auf seinem 2015 erschienenen Debüt „Blue Neighbourhood“ über die ersten Gefühle und den Drang nach Ausbruch aus der Gewohnheit sang, wurde ein aufreizendes Vamp.

Klingt nach dem Imagewandel von aktuell allen wohlbekannten Popsternchen, doch bei Sivan wirkt das Prozedere etwas reduzierter und daher authentischer.

Nicht, weil er darauf verzichtet, sich halbnackt zwischen muskulösen Typen zu wälzen – das passiert in kleiner Dosierung in dem Video zur oben erwähnten Single. Sondern vor allem deswegen, weil „Bloom“ nicht das gewünschte Album ist, das ihm einen Platz auf den Vorstufen zum Pop-Olymp garantieren wird. Das schafft Charakter. Dazu später mehr. Denn:

Wer ist Troye Sivan eigentlich?

Kurz und knapp: Seine größte Anhängerschaft hat sich der heute 23-jährige Musiker über YouTube verschaffen können, als noch nicht jeder Zweite der Ansicht war, er* oder sie* müsse jedes Detail aus dem eigenen Leben ins Internet stellen. Danach kamen nicht nur Teilnahmen in australischen Casting-Formaten, sondern auch schauspielerische Auftritte.

Die wohl bekannteste Rolle ergatterte er 2008 als junger James Howlett in dem Marvel-Ausleger „X-Men Origins: Wolverine“. Im Jahr zuvor veröffentlichte er bereits eine erste EP, „Dare To Dream“, bestehend aus fünf Coversongs.

Der musikalische Durchbruch kam dann 2014 mit seinem nächsten Extented Play, „TRXYE“ – die Platte erreichte weltweit in 55 Ländern Platz eins der iTunes Charts, mit „Youth“ wurde sogar ein weltweiter Hit ausgekoppelt. Ein Jahr später erschien dann das besagte erste Album und der Hype um Troye als „offen schwuler Musiker“ wurde immer größer.

Das passierte wiederum aus einem bestimmten Grund: Der Sänger hat noch nie ein Geheimnis aus seiner sexuellen Orientierung gemacht. Sein Coming-out präsentierte er sogar öffentlich in einem YouTube-Video. Bis heute wurde der Clip mehr als acht Millionen Mal angeklickt.

Queere Identität als Marke – Troyes Erfolgsrezept, denn bereits in seinen ersten offiziellen Musikvideos zu „Wild“ oder „Heaven“ sind gleichgeschlechtliche Paare zu finden, er selbst schwebt in einer Romanze mit einem Jungen seines Alters.

Es ist ein Rezept, mit dem der Sänger sich bereits zu Anfang seiner Karriere selbst in Schutz nimmt. Er braucht keine Befürchtungen zu haben, von Medien ahnungslos geoutet zu werden. Ebenso wenig muss er fürchten, weibliche Fans zu verlieren, deren Bild vom perfekten Schwarm dadurch zerstört werden könnte.

Diese Girls wissen seit Anbeginn, dass es sich bei Troye höchstens um einen guten Freund handeln könnte, mit dem man genüsslich über Jungs reden kann.

Manche mögen diese Dinge lesen und denken, warum ich sowas 2018 überhaupt noch erwähnen muss. Doch lange ist es nicht her, als sich Latino-Superstar Ricky Martin zu seiner Homosexualität bekannt hat und verdeutlichte, unter welchem starken psychischen Druck er litt, jahrelang den Frauenschwarm vorzugeben.

Troye Sivan ist er selbst und stellt damit für junge queere Menschen ein Idol dar, die vielleicht selbst noch gar nicht wissen, dass sie queer sind. Gemeinsam können sie es mit ihm und seiner Musik herausfinden. Denn in den wenigsten Fällen werden die eigenen Eltern oder das Personal der Lehrer*innenschaft an Schulen da behilflich sein.

Erst kürzlich äußerte sich der Sänger selbst zu seiner Position und bemerkte, wie wichtig es ihm sei, dass sich junge LGBTQ+-Leute auf seinen Konzerten treffen und kennenlernen können. Vor allem, wenn diese noch nicht alt genug sind, in Szenekneipen zu gehen, um Kontakte zu knüpfen. Wahre Worte!

Für die schwule Community setzt er gerade ebenfalls einen starken Trend: Mut zu Femininität, Schlankheit und Verletzlichkeit. Die Fachbezeichnung aus der Gay-Bible wäre dazu der Twink. Gut so – denn durchtrainierte Schönlinge als Aushängeschild fürs Schwulsein gibt es so ziemlich auf jeder billigen Werbetafel.

Auch nett: Troye wird als Twink bezeichnet und IST dabei auch noch homosexuell! Als der amerikanische Schauspieler Timothée Chalamet (bekannt aus dem nicht-so-queeren-aber-doch-irgendwo-schwulen Filmhit „Call Me By Your Name“) laut der New York Times die „Ära des Twinks“ eröffnen haben soll, war der Aufruhr queerer Medien zurecht negativ. Wenn dies einer tut, dann ist es Troye, trotz der genialen schauspielerischen Leistung von Chalamet.

Doch wie sieht es nun aus mit „Bloom“, der heiß ersehnten zweiten Platte?

Gerade mal zehn Songs kurz, überwiegen langsamere, melancholische Stücke fasst das Gesamtwerk. Nach „My My My!“ ist der Titelsong des Albums der wohl größte Pop-Hit der Platte. Und Oh Boy – da hat man sich beim Verfassen der Lyrics so ziemlich genau überlegt, was man den Hörer*innen vermitteln möchte:

„I need you to tell me right before it goes down. Promise me you'll hold my hand if I get scared now. Might tell you to take a second, baby, slow it down.”

Willkommen in der Welt der rosa-roten Brille, der Ebene der Verliebtheit, in der alles möglich und perfekt ist! Oder anders gesagt: dem Anal-Verkehr. Denn was Troye mit seinem Team hier auf die Beine gestellt hat, ist eine Ode an alle Bottoms (sorry, wieder Fachjargon) und deren erste Penetrationserfahrung. Ideal vermischt mit tanzbaren Beats, ohne gleich ein Club-Banger zu sein.

Troye blüht in seinem Song richtig auf, und das anscheinend auf mehr als nur auf sprichwörtliche Weise. Im dazugehörigen Video dürfen natürlich die Blüten nicht fehlen. Die Zweideutigkeit der Pop-Lyric – was wären wir bloß ohne sie?!

Eine ebenfalls starke Nummer stellt das Duett mit Powerhouse-Sängerin Ariana Grande dar. Beide schwärmen immer wieder von ihrer innigen Freundschaft – die positive Stimmung lässt sich definitiv aus „Dance To This“ raushören. Erneut kein Bass-lastiger Pop, sondern eine atmosphärische Nummer über die kleine private Party zu zweit.

Weitere Lieder wie „Seventeen“, „Postcard“ oder „What A Heavenly Way To Die“ zeigen die sensible Seite des Künstlers. Unerfahrene Liebe, Verlust und Herzschmerz – Themen des Pop, mit denen wir uns doch alle sehr gut auskennen und immer wieder gerne anhören.

Mit „Bloom“ zeigt Troye Sivan, dass er kein Nummer eins Album erschaffen wollte, keinen geradlinig produzierten Bubblegum-Pop, der die Charts stürmt, aber abgesehen von fetten Beats leblos daher kommt.

Auf „Bloom“ wird den Zuhörer*innen die Entwicklung eines jungen Künstlers gezeigt, der zu wissen scheint, wo seine musikalische Reise hingeht. Persönlich, nicht eindimensional, eher ruhiger und verträumt.

Ein frischer Sound, der perfekt zum Sommerausklang passt. Man nehme alleine den akustisch-angehauchten Track „The Good Side“, setzt sich die Kopfhörer auf und genießt die letzten heißen Sonnenstrahlen vor dem trüben Herbst. Noch genügend Zeit zum Öffnen und Aufblühen.

Quelle: Noizz.de