#WirSindMehr: Warum die Bands in Chemnitz die falschen waren

Teilen
22
Twittern
Casper und Marteria beim #wirsindmehr-Konzert Foto: Sebastian Kahnert / dpa picture alliance

Warum schweigt der Mainstream?

#WirSindMehr war das Motto des Gratis-Konzerts, das nach den Unruhen der letzten Tage in Chemnitz stattfand. Am Montagabend kamen fast 65.000 Zuschauer, um gegen Rechtsextremismus ein Zeichen zu setzen. Damit hätte sich die Losung auch bestätigt: Es waren mehr, wesentlich mehr, als bei den Neonazi-Aufmärschen davor.

Das lag sicherlich auch an der Strahlkraft der Künstler: Neben den Lokalmatadoren Trettmann und Kraftklub kamen Casper und Marteria, zum Schluss auch die Toten Hosen. Musikalisch mag das zwar vielen gefallen haben, doch ob es die richtige Mischung für ein solches Event war? Wohl eher nicht.

Denn jene Musiker, die am Montag in Chemnitz auf der Bühne standen und gegen die Rechtsradikalen ansangen, hatten nichts zu verlieren: Die Fans von K.I.Z, Casper oder Kraftklub finden sich ohnehin fast nur im linken Spektrum wieder – von der Extremisten-Kapelle Feine Sahne Fischfilet ganz zu schweigen.

Man sollte sich mal in Erinnerung rufen, was der Anlass für dieses Konzert war: Bei den Neonazi-Aufmärschen gab es Hitlergrüße, es wurden Fußball-Slogans umgedichtet, um dem Führer zu huldigen, Journalisten wurden bedrängt. Sich gegen die Menschen zu stellen, die das tun, sollte ein Minimalkonsens in der deutschen Musikszene sein – eigentlich.

Denn von jenen Mainstream-Musikern, die auch ein rechteres Publikum erreichen, hörte man zu Chemnitz herzlich wenig. Zum Beispiel im Schlager: Helene Fischer und Andrea Berg wären vielleicht nicht die beste Wahl gewesen, um Party-Publikum aus Berlin in die Regios zu locken, aber wer aus „wir sind mehr“ ein „wir werden mehr“ machen will, sollte nicht nur die üblichen Verdächtigen ins Rennen schicken.

Mit Mark Forster setzte ein sehr mainstreamiger Künstler immerhin einen Social-Media-Post ab, um seinen Zuspruch zu bekunden. Doch von vielen anderen hörte man selbst dort nichts. Die deutsche Popwelt leidet mal wieder darunter, chronisch unpolitisch zu sein, selbst in Momenten, in denen es eigentlich nicht so schwer sein kann, sich einen Ruck zu geben.

Hip-Hop-Journalist Rooz sprach auf Twitter noch ein anderes Thema an: Wo sind die Straßenrapper? Auch hier gab es bei der Veranstaltung ein Defizit. Auch wenn Deutschrap im Allgemeinen stark repräsentiert war, fehlten große Gangster- oder Straßenrapper, insbesondere mit migrantischem Hintergrund. Auch hier gab es auf Social Media ein lautes Schweigen: Mitgliedern der 187 Strassenbande, Bushido, Kollegah oder Capital Bra war Chemnitz keinen Mucks wert.

Das kann wiederum viele Gründe haben: Vielleicht eine mangelnde persönliche Identifikation mit dem Land, für dessen Werte es jetzt einzutreten gilt. Doch der Rap krankt auch selbst. Da, wo er zu sehr mit seinen eigenen Kleinkriegen beschäftigt oder schlicht zum Geldzähler-Genre verkommen ist, ist er unpolitisch geworden. Vielen Künstlern scheint ein Reflex zu fehlen, sich in eine solche Debatte einzuschalten. In Anbetracht des riesigen vor allem jungen Publikums, das sie erreichen, ist das mehr als schade.

So war das Konzert in Chemnitz ein klassischer Fall von „preaching to the choir“: Wenn man nur die schon Überzeugten überzeugen will, hat man ein leichtes Spiel. Der harte Teil kommt erst danach.

Update:

Inzwischen hat auch Helene Fischer einen Facebook-Post abgesetzt, in dem sie zumindest den Hashtag benutzt.

Quelle: Noizz.de