Sängerinnen wie Sarah Connor gelten beim jungen Publikum als peinlich, heute sind sie jedoch relevanter als je zuvor. Ein Loblied auf unsere Pop-Poeten.

Der VW-Bulli mit polnischem Kennzeichen rollt durch Berlin-Charlottenburg. Die Spiegel sind zersprungen, der Auspuff röhrt. Das ist aber nicht unbedingt der Grund, wieso sich die Leute nach dem Bus umdrehen. Am Steuer sitzt DJ Tomekk. Aus den Boxen dröhnt Jeanette Biedermann. Auf dem Beifahrersitz sitze: Ich. 

"Ich will leben, wie ein offenes Buch", singt Jeanette auf ihrem neuen Song "Wie ein offenes Buch". Ein bisschen kitschig, denke ich und habe dabei das Gefühl, genau so etwas denken zu müssen. Die Biedermann – wenig cool, viel peinlich. DJ Tomekk sieht das anders: "So sind Gefühle und die wichtigen Themen im Leben meist: kitschig und auch unangenehm."

Damit kommen wir zum Thema dieses Textes: Deutscher Pop-Poetismus wird immer wieder belächelt und nicht ernst genommen. In meinem Bekanntenkreis wird mit den Augen gerollt, wenn ich mit der neuen Platte von Biedermann oder Sarah Connor ankomme. Ich werde nicht ernst genommen und mit Kommentaren wie "Das ist doch scheiße" abgespeist. Zuletzt sagte meine Freundin Audrey zu Sarah Connors Song "Ruiniert" nur: "Cringe". 

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Wir können deutsche Künstler natürlich nicht ernst nehmen und behaupten, dass eine Connor für Leute sei, die Laith Al-Deen oder Andreas Bourani gut finden. Es ist aber so, dass Connor sich zu den wichtigsten Musikerinnen dieses Landes gemausert hat. Während sie in den Nullerjahren mit Öl eingerieben in ihren Musikvideos tanzte, ist sie heute politischer als die meisten anderen deutschen Acts.

Auf "Runiert" singt sie zum Beispiel: "Alle Bomben, Panzer und Despoten / Und AfD-Idioten, mein Herz kriegt ihr nicht". Der Song ist ein Appell an das Gute, an das Kindliche. Auf "Vincent" thematisiert sie gleich zu Beginn Homosexualität: "Vincent kriegt kein' hoch, wenn er an Mädchen denkt". Damit löste sie eine nationale Diskussion aus, da einige Radiosender den Song wegen eben dieser Zeile nicht spielen wollten. Connor sagte danach, dass viele Hörer wohl überrascht waren, dass ausgerechnet sie eine solche Zeile singt. Bestätigt wurde sie durch Magazine wie VICE, das kürzlich titelte : "Ausgerechnet ein Sarah-Connor-Song zeigt, wie konservativ einige Format-Radiosender sind". Die Betonung liegt auf "Ausgerechnet". 

Menschen wie Sarah Connor mögen nicht die coolen Berliner Kids in der Berghain-Schlange erreichen, sie erreichen aber die große Masse in Deutschland und werden damit zum wichtigen Botenträger. Connors Album "Muttersprache" erschien 2015 und war ihre erste Platte auf Deutsch. Sie verkaufte sich 1,2 Millionen Mal. Wir reden nicht von Streams, es geht um tatsächliche Verkäufe. So viele Platten setzen vielleicht gerade noch internationale Künstler um.

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Ein wenig unangenehm ist es hingegen schon, wenn Connor zum Beispiel "Herz" auf "Schmerz" reimt. Oder Jeanette Biedermann sich Metaphern wie "leben wie ein offenes Buch" bedient. Allerdings sind das in Zeiten von Instagram, politischen Unruhen und den Kardashians auch die Bilder und Worte, die wir brauchen. Offensichtliches auszusprechen. Gefühle zum Ausdruck bringen. Auf Englisch mögen uns Kitsch und Floskeln nicht stören. Auf Deutsch jedoch schon.

Warum? Weil es unsere Muttersprache ist und uns somit noch viel näher kommt – und eben auch schmerzt. Aus diesem Grund bin ich dankbar dafür, dass im Deutsch-Pop "Herz" auf "Schmerz" gereimt wird, dass über Politik gesungen wird, dass Beziehungen thematisiert werden.

Quelle: Noizz.de