Von der Disney-Prinzessin zur Latino-Pop-Queen.

Tini wer? Den meisten über 18-Jährigen dürfte dieser Name wenig sagen. Dabei ist die Argentinierin für ihre 21 Jahre schon recht gut rumgekommen. Startschuss für die Karriere dürfte die unverschämt erfolgreiche Teenie-Telenovela „Violetta“ gewesen sein. Die Serie ist ein bisschen wie ein müder Aufguss von High-School-Musical mit noch platteren Charakteren und unfassbar rückständigen Rollenbildern (die Girls in der Serie leben in rosafarbenen Zimmern, rutschen bei Regen sofort aus und brauchen immer die starken Arme ihrer männlichen Mitschüler).

Man kann darüber sinnieren, ob Tini deshalb beim Interview in Madrid nichts mehr zu ihrer Fernseh-Vergangenheit sagen möchte. Der eigentliche Grund dürfte allerdings sein, dass mit ihrem heute erschienenen zweiten Album ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen wird: Dank „Quiero Volver“ präsentiert sie sich als junge Frau mit Verwurzelung zu ihrer lateinamerikanischen Herkunft.

Die meisten Songs der Platte sind auf spanisch, zum einstigen glatten Popsound ihres Debüts ist Reggeaton, sommerliche Latino-Vibes und R'n'B hinzugekommen. „Musik, die ich selber immer höre, zu der ich tanze“, erklärt sie stolz. Es ist eine große Sache für sie, dass ihre Meinung beim Produzieren der Platte zur Sprache kam. „Ich war am Entstehungsprozess beteiligt, konnte meinen Geschmack einfließen lassen. Manchmal saßen wir zusammen im Studio, jemand hat eine Gitarre vorbeigebracht und wir haben geschaut, wo es damit hingeht.“

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Ihr Label Hollywood-Records ist offensichtlich kein Risiko eingegangen: Das Power-Duo, dass als Produzenten hinter der Platte steckt, namentlich Mauricio Rengifo und Andrés Torres, ist auch für Chart-Brecher wie „Despacito“ verantwortlich. Konsequent ist auch Tini im Platten-Booklet bei jedem Song zumindest als Co-Writerin vermerkt. Wie beteiligt sie am Ende wirklich war, sei dahin gestellt. Schließlich spielt sie höchstens ein paar Akkorde auf der Gitarre und spricht extrem gebrochenes Englisch – so darf man zumindest bei den englischsprachigen Songs des Albums skeptisch sein.

Die Mode, sich als Songwriterin nennen zu lassen, dürfte von Beyoncé kommen: Obwohl diese eine ganze Mannschaft hochkarätiger SongwriterInnen hinter sich versammelt, steht überall ihr Name. Warum? Weiß keiner! Denn genau wie Beyoncé ist auch Tini in allererster Linie eine gute Sängerin und Entertainerin. Ihre Shows sind perfekt, wenn sie nicht zu sehr mit tanzen beschäftigt ist, singt sie ihre Songs auch mal Live oder im Halb-Playback und Tanzeinlagen und Kostüme tun ihr Übriges. Auch 2019 wird Tini wieder auf ausgedehnte Tour gehen.

Krasser Workload! Derzeit sitzt sie nämlich auch als Jury-Mitglied in der argentinischen Ausgabe von „The Voice“ (La Voz) auf dem Drehstuhl und stand kürzlich noch mit Jackie Chan vor der Kamera für dessen nächsten Kino-Streifen. „Ich habe dieses Jahr sehr viele neue Erfahrungen gemacht und alles Neue ist für mich eine Herausforderung“, erzählt sie.

Neben Neuem gab es auch das Zurückkommen zu Bekanntem: Tini ist seit Monaten wieder mit Ex-Boyfriend und Model Pepe Barosso zusammen. Ihm ist das Album gewidmet. In den elf Songs wird die Fernbeziehung, Sehnsüchte, das Verlieren und Finden der Liebe aber auch das tief empfundene Glück thematisiert.

Wenn Tini in der Welt unterwegs ist, kann man davon ausgehen, dass besagter Freund, ihre Eltern und vor allem eine Horde Fans um sie herum sind. Von „Normalität“ ist in ihrem Leben seit sie 14 Jahre alt ist nicht zu denken und dank Social Media dürfte auch ihr Privatleben auf ein Minimum geschrumpft sein. „Manche Dinge sind privat, die behalte ich für mich. Ansonsten versuche ich so zu leben, dass ich niemandem wehtue, dann ist es auch nicht schlimm, wenn ich auf Instagram auftauche“, erklärt sie.

Ihre Antwort klingt auswendig gelernt, oder einfach so, als hätte sie auf die Frage schon oft eine Antwort finden müssen. Während ihre Dolmetscherin Tinis Statement vom Spanischen ins Deutsche übersetzt schaut die Sängerin auf ihre weißen Lackstiefel. Sie wirkt kurz müde und abgekämpft. Hinter ihr liegt ein langer Promotag vor ihr Proben für den Auftritt bei der „Coca Cola Music Experience“. Ihre zierliche Statur lässt sie pltzlich zerbrechlich erscheinen. Ein Eindruck der verschwunden ist, sobald sie auf der Bühne steht und energiegeladen ihre Auftritte durchzieht. Dann merkt man ihr lateinamerikanisches Temperament, hat Lust mitzutanzen und den anstehenden Winter mit sommerlichen Vibes zu verschönern – gut, dass „Quiero Volver“ jetzt erscheint, wo bei uns langsam der Herbst anfängt.

Wohin Tinis Weg noch geht, weiß sie selber nicht. Mit ihrem Ehrgeiz und ihrem Talent könnte sie aber schon bald das junge, neue Gesicht der Latin Pop Welle sein. Wir hören schon das Meeresrauschen.

Quelle: Noizz.de