BTS-Fans haben uns endlich das Phänomen K-Pop erklärt

Juliane Reuther

Popkultur, Politik & Feminismus
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Die Fans können den Auftritt von BTS kaum erwarten Foto: Juliane Reuther / Noizz.de

Wir haben uns vor ihrem Konzert in Berlin in der Schlange umgehört.

K-Pop ist ein weltweites Phänomen – das unsere Redakteurinnen Lisa und Juliane einfach nicht so richtig verstehen. K-Pop, das steht für Korean Pop, also Popmusik aus Korea mit koreanischen und teilweise englischen Texten. Die bekanntesten Vertreter dieses Genres sind die Jungs von BTS, eine der erfolgreichsten Bands aus Südkorea.

Die siebenköpfige Boygroup wurde 2013 von der Unterhaltungsfirma Big Hit Entertainment gegründet. Seitdem haben sich die Jungs in eine weltweite Sensation verwandelt – das aktuellste Album von BTS „Love Yourself 轉 ,Tear‘“ hat sich fast 2,4 Millionen mal verkauft. Auf Instagram haben die Musiker schon 13,7 Millionen Follower und 7,4 Millionen Likes bei Facebook.

Am Dienstag sind die Bangtan Boys (dafür steht die Abkürzung BTS) mit ihrer „Love Yourself“-Welttournee in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin aufgetreten, und wir haben die Chance genutzt, um uns das Phänomen unter die Lupe zunehmen – vor allem die Fans.

Tausende Fans tummeln sich vor der Arena, als wir circa eine Stunde vor Einlass dort ankommen. Es herrscht Chaos, der ganze Vorplatz der Arena ist voll mit Menschenschlangen. Die einen stehen für Fotos vor einer riesigen BTS-Leinwand an, die anderen holen sich in einem schwarzen Zelt merkwürdige Plastikleuchten ab (mehr dazu später).

Die Schlange beim Merch ist so lang, wie wir es bei noch keinem Konzert gesehen haben. Trotzdem scheint K-Pop 2018 noch immer eine Bubble zu sein, in der eigentlich nur Fans stecken.

Und so sind nicht nur wir verwirrt, sondern auch alle Touristen, die sich an diesem Nachmittag hierher verirrt haben. Im Mainstream scheint die Musik von BTS und Co. noch nicht angekommen zu sein, denn abgesehen von den Konzertgängern, kennt hier kaum jemand die Bangtan Boys. Wir wollen gerade deshalb verstehen, warum Menschen schon Tage vor dem Konzert anstehen um Jin, Suga, J-Hope, RM, Jimin, V und Jungkook live zu sehen.

Darum haben wir uns die größten BTS-Fans geschnappt und ausgequetscht. Wir wollten rausfinden, warum zur Hölle allein in Berlin 17.000 Menschen diese Boyband sehen wollen. Schließlich erkennen wir auf den ersten Blick keinen Unterschied zu Bands wie One Direction. Doch BTS sind ganz anders, denn sie sind nicht nur süße Jungs, sondern sprechen sogar Tabuthemen an, wie wir von den Fans lernen.

Zunächst wollen wir natürlich wissen, wie man überhaupt auf K-Pop aufmerksam wird. Schließlich haben wir erst in den vergangenen Monaten von Bands wie BTS gehört. Die 21-jährige Janine aus München ist ganz zufällig auf die Musik aus Korea gekommen: „Das erste Mal bin ich 2014 auf BTS gestoßen. Ich habe mittags Fernsehen geschaut und auf VIVA ihr Musikvideo gesehen.“ Danach war sie Fan. Mittlerweile hat sie eine ganze Gruppe an Freunden über die Community gefunden.

Janine (21) aus München ist zufällig auf BTS gestoßen Foto: Juliane Reuther / Noizz.de

„Wir waren eine Twitter-Gruppe und haben uns wegen des Ticketverkaufs random zusammengesucht und immer mehr angefreundet. Zu den meisten anderen Fans hat man eine ganz besondere Verbindung: Die wissen, was man fühlt, was man denkt“, sagt sie uns – vor ihrem allerersten BTS-Konzert. Das Gemeinschaftsgefühl scheint vielen hier sehr wichtig zu sein.

Auch Julia und Anna aus Oberbayern haben K-Pop gemeinsam für sich entdeckt. Sie sind sogar schon seit dem Beginn der Boygroup dabei: „Wir haben das entdeckt, damals als der erste Artikel in der ,Popcorn‘ dazu war.“ Seit 2012 sind sie sogar schon BTS-Fans. „Sie waren damals noch total unbekannt, und jetzt explodiert es so langsam.“ Damals waren die Bangtan Boys noch gar keine richtige Band, sondern teilten nur Cover auf Soundcloud. Mittlerweile sind die Jungs zumindest verkaufstechnisch im Mainstream angekommen, wie uns die 18-Jährigen verraten.

Julia (18) und Anna (18) aus Bayern haben extra Plakate designt Foto: Juliane Reuther / Noizz.de

„Man kann jetzt einfach in einen Saturn gehen. Da konnte man früher nie K-Pop-Alben kaufen, und die gibt es jetzt halt da. Dass BTS jetzt im Mainstream ist, ist irgendwie komisch, aber es freut einen auch, dass sie so erfolgreich sind.“ Klar, wenn die Lieblingsband plötzlich nicht mehr das eigene kleine Geheimnis ist, kann das schwer sein. Doch Anna und Julia sehen auch die positiven Seiten. Schließlich ist es auch toll, wenn man in einem stinknormalen Elektromarkt die Alben von BTS kaufen kann.

Was die Jungs von anderen Boybands oder Popmusik im Allgemeinen unterscheidet, lernen wir zwei Außenseiter vor der Konzerthalle ziemlich schnell. Janine aus München findet, „man kann mit der Musik von BTS schwere Zeiten überwinden, weil die Texte eine ganz tiefe Bedeutung haben“.

Lea aus Berlin klärt uns noch weiter auf: „Sie behandeln wirklich erwachsene Themen wie Depression oder schwierige Situationen im Leben, und ich muss sagen, das zieht mich am meisten an.“ Mit diesem Tiefgang heben sich die Bangtan Boys laut unseren Gesprächspartnerinnen auch vom Rest des K-Pop ab.

Lea (21) aus Berlin liebt das Gemeinschaftsgefühl des BTS-Fandoms Foto: Juliane Reuther / Noizz.de

Julia aus Oberbayern nennt das Kind beim Namen und lässt uns wissen, dass die Band wirklich alle Tabus bricht. „BTS haben wirklich tiefgründige Texte zu wichtigen Themen wie Selbstliebe. Wenn man denkt, sie kommen aus einem Land wie Korea, und da ist die Selbstmordrate gerade bei Jugendlichen extrem hoch, und sie scheuen sich auch nicht, über dieses Thema zu reden.“ Gerade das schätzen die wartenden Fans in Berlin an ihren Idolen.

Tatsächlich hatte Südkorea 2012 die höchste Selbstmordrate der Welt. 37 pro 100.000 Einwohner begingen Suizid. Vor allem der Erfolgsdruck der koreanischen Kultur soll für diese hohe Zahl verantwortlich sein. Mittlerweile befindet sich das Land nur noch auf dem zehnten Platz der Nationen mit den höhsten Selbstmordraten. Ob BTS wohl mit ihrer Selbstliebe zu diesem Wandel beigetragen haben?

Obwohl BTS aus sieben gut aussehenden Typen besteht, sticht uns aber doch ins Auge, dass vor der Mercedes-Benz-Arena eigentlich nur Mädels warten. Nach langem Suchen finden wir dann aber doch noch einen männlichen Fan. Der 16-jährige Denis aus Berlin kann gar nicht aufhören zu zittern, als er uns davon erzählt, dass er seine Lieblinge heute das erste Mal live sehen wird.

Dass das Fandom hauptsächlich aus Mädels besteht, findet Denis wenig überraschend. Denn er glaubt zu wissen, welches Problem Jungs mit der Boyband haben könnten: „Vielleicht liegt es daran, dass sie alle geschminkt sind und hier in Deutschland viele Leute schwulenfeindlich sind. Aber das bessert sich, glaube ich.“ Der Schüler kennt zwar andere Kerle, die die Bulletproof Boy Scouts auch feiern, trotzdem ist er mit einer Freundin hier.

Eine Frage haben wir aber doch noch: Was sind diese mikrofonähnlichen Plastikteile, die hier jeder in der Hand hat? Jela aus Essen klärt uns auf: Es sind Lightsticks, den in Korea jede Band selbst entwirft. „Die gibt es in vielen verschiedenen Arten, je nachdem, welchem Fandom man angehört. BTS hat eine Bombe, BTS heißen nämlich auch Bulletproof Boy Scouts. Deswegen passt die Bombe ganz gut. Außerdem ist eine kleine Weltkugel, weil es ihre Welttournee ist.“ Super, dann hätten wir das auch geklärt.

Diese Lightsticks sehen wir an diesem Abend überall Foto: Juliane Reuther / Noizz.de

Schlappe 50 Euro kosten die Leuchtstäbe übrigens. Trotzdem hat gefühlt jeder Fan einen davon. Für viele war's das wohl mit dem Taschengeld für diesen Monat ...

So richtig überzeugt wurden wir von dem Merchteil übrigens erst beim Anschauen eines Videos einer BTS-Show. Darin haben wir erfahren, dass die BTS-Kugeln mit einer App gesteuert werden können, was für eine beeindruckende Lichtshow sorgt.

Nach unserem Ausflug in die Welt des K-Pop glauben wir jetzt endlich zu verstehen, wieso das Genre und gerade die Bangtan Boys aus Südkorea so viele Anhänger haben. Tiefgründige Texte, Selbstliebe, Freundschaften und Gemeinschaftsgefühl – all das gibt BTS den vorwiegend jungen Fans. Die Boyband macht Popmusik mit Mehrwert, die vor allem eins vermittelt: Egal was du durchmachst, du bist nicht allein!

Quelle: Noizz.de

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