Eine Pop-Diva, ihre Jünger und eine Show voller Hits.

Eine Frau und ihr Ponytail, knapp 17.000 kreischende Gäste und mehr Hits als Hände in der Halle. So könnte man gleich zu Beginn das Konzert der US-Sängerin Ariana Grande am vergangenen Donnerstag in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin zusammenfassen. Könnte man – doch da ist noch so viel mehr.

Gleich zu Beginn, Grande eröffnet ihr Konzert mit dem Song "Moonlight", das eher ein Intro als ein kompletter Popsong ist, katapultiert die Sängerin die Halle zurück in die Neunziger. In eine Zeit, wo Stimmgewalt mehr zählte als ein guter Beat. Als Mariah Carey, Whitney Houston und Celine Dion die Charts regierten. Man könnte hier schon sagen, dass Grande das Erbe der drei Diven fortsetzt. Könnte man.

Spätestens beim zweiten Song "God Is A Woman" kommt das Publikum jedoch im Hier und Jetzt an. Beats zum engelsgleichen Gesang. Grande kann beides: Singen und die Masse zum Tanzen bringen. Anders als Mariah Carey. Sonst wäre Grande wohl auch kaum so erfolgreich im Jahr 2019, wo eine Produktion oft mehr zählt als Talent. Ihr sehr gut produziertes Album "thank u, next" und die dazugehörigen Singles brachen so manchen Rekord.

Was Grande an Stimme überzeichnet, hielt sich im Bühnenbild zurück: Wenig Opulenz schmückte das Podest der Charts-Königin. Stattdessen hing eine weiße Kugel über der Bühne, ein Vorhang dahinter fungierte als Projektionsfläche und zwei Bildschirme ließen auch die Grande-Jünger auf den hinteren Plätzen gut sehen. Ein Steg führte hinaus ins Volk.

Apropos Projektionsfläche: Im Publikum fanden sich überwiegend Frauen. Überwiegend junge Frauen. Aber da waren auch die, die alterstechnisch außerhalb Grandes Instagram-Reichweite liegen dürften. Hier zeigt sich, dass Grande ein Vorbild für verschiedene Generationen ist. Für die Kleinen ist sie die große Schwester, für die Gleichaltrigen ist sie eine Identifikationsfigur und ein Vorbild, für die Älteren ist sie die Tochter, die kleine Schwester und vermittelt sicher auch einen Hauch Coolness und Jugend. Wie Ariana Grande das schafft? Sie ist schön, aber nicht sonderlich sexy. Sie macht Frauen keine Angst. Ariana Grande ist die gute Freundin, nicht die bedrohliche Konkurrentin.

Wenn die 26-Jährige darüber singt, dass sie so harten Sex hatte, dass sie von links nach rechts taumelt, klingt auch das noch süß und nett und nicht allzu aufreizend. So ist das eben in der Welt der Grande: Alles ist mit Zucker glasiert – selbst die Songs, die sich mit psychischer Gesundheit beschäftigen, sind in ein Image-kompatibles Songkleid gepresst ("Breathin").

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Während Grandes Performance laufen im Hintergrund Instagramfilter-würdige Animationen. Sterne, Monde und Regenbogen ziehen am Publikum vorbei. Zum Finale läuft Grande während ihres Songs "thank u, next" mit Pride-Flaggen über die Bühne, "Break free" wurde zuvor zur Pride-Hymne erkoren. Damit setzt die Sängerin kleine politische Statements und zeigt auch, dass sie sich bewusst ist, wer ihre Fans sind und was diese von ihr erwarten: Grandes Konzert ist ein Platz der Akzeptanz und des Spaßes. Damit kann ihr auch verziehen werden, dass nicht alles live ist, was aus den Lautsprechern kommt, und hier und da Autotune zu hören ist. Vor allem bei der Ballade "Tattooed Heart", welche auf Grandes ersten Album erschien, schlägt das Live-Autotune etwas zu sehr zu.

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Das Highlight des Abends ist die Performance von "7 rings". Ein Hoch auf den Kapitalismus. Der Mega-Hit, der wochenlang die Charts dominierte – vor allem im sehr materialistischen Amerika. Aber auch hier in Deutschland werden sich nach dem Konzert Videos von Grande in den Instagram-Feeds ihrer Fans finden, neben den Michael-Kors-Taschen und den Starbucks-Kaffees und den Primark-Jeans.

High-Notes, Overacting, Kostüm-Wechsel, die Heels, die Haare, das Drama – Ariana Grande beherrscht all das. Letzten Endes verkauft sie damit das Produkt, mit dem ihre Tournee titelt: Sweetener.

Quelle: NOIZZ-Redaktion