Das Festival ist Deutschland um Jahre voraus.

In einem hellblauen Kleid kommt Robyn auf die weiß geschmückte Bühne, im Licht der Scheinwerfer sieht sie aus wie ein Engel, der gekommen ist, um zu verkünden, dass der Male Gaze im Sterben liegt und um Vergebung bittet. We made it to the other side, in eine Welt, in der weibliche Körper nicht mehr kontrolliert werden, in der Weiblichkeit einfach das ist, was auch immer du draus machst. Zumindest träume ich von dieser Welt, als ich der Schwedin so dabei zu sehe, wie sie auf der Bühne des Flow ihre Weiblichkeit zelebriert und dabei einfach zero fucks gibt.

Willkommen in der Zukunft

Im Schnitt haben deutsche Festivals genau zwei Probleme: Erstens, sie produzieren so viel Müll, dass man damit Neuschwanstein nachbauen könnte, zweitens, sie sind noch immer eine weiße Pimmelparade. Das mag den gemeinen, besoffenen Festivalbesucher nicht stören – mich schon. Deshalb habe ich mich auf den Weg nach Helsinki gemacht, dort soll es nicht nur Mumins, sondern auch das coolste und fortschrittlichste Festival Skandinaviens geben: das Flow Festival.

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Ein großes Industriegelände inmitten der Hauptstadt ist seit einigen Jahren das Zuhause des Festivals, das bereits seit 2004 stattfindet und der ganze Stolz Helsinkis ist. 85.000 Besucher machten sich in diesem Jahr auf den Weg zu dem komplett klimaneutralem Event. Nur wenige Schritte gehe ich auf dem Gelände und das Konzept des finnischen Festivals ist sofort klar: Hier soll wirklich etwas bewirkt werden. Wiederverwendbare Wasserflaschen dürfen mit aufs Gelände, an vielen Stellen kann man sie mit Wasser und frischen Kräutern befüllen. Alle verbrauchten Materialien auf dem Gelände sind recycelt oder recycelbar. Nach Plastik sucht man hier vergebens.

Dafür gibt es im Food Court des Festivals massenweise vegane Optionen und pro Stand mindestens ein pflanzliches und nachhaltiges Essen, das mit einem fetten "Sustainable Meal"-Sticker ausgezeichnet ist. Mal ganz davon abgesehen, dass es wohl auf keinem Festival in Deutschland derart geiles Essen gibt. I'm talking Tacos mit frittiertem Blumenkohl, veganer Double Cheeseburger mit Beyond-Meat-Patty und Mac and Cheese in einer Waffel. Uff.

Vegane Burger von Bun2Bun auf dem Flow 2019 Foto: Andrew Taylor / Flow Festival

Auf Dosen, Becher und Flaschen gibt es einen Euro Pfand, den man sich entweder zurückholen kann, oder man spendet das Geld und pflanzt damit stattdessen indirekt einfach einen Baum. 11.869 Bäume haben Flow-Besucher über das Wochenende gesponsert, die Initiator Reaktor in Madagaskar für die grüne Lunge der Welt pflanzen wird. "Mit dieser Menge werden insgesamt 11.869 Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernt. Das entspricht drei Tagen im Leben von 141.297 Menschen, was das ohnehin schon ehrgeizige Ziel aller 85.000 Flow-Besucher übertrifft", so die Organisatoren bei Twitter.

Die Ära der alten weißen Männer geht zu Ende

Das Line-up ist ein weiterer Punkt, der einem das Gefühl gibt, in der Zukunft angekommen zu sein. 65 Prozent der Artists, die auf dem Flow gespielt haben, identifizieren sich als weiblich oder nonbinär. Am Freitag gehörte das Flow dann auch gleich den schwarzen Frauen. Solange, Erykah Badu und Neneh Cherry haben so hart abgeliefert, dass es allen "Es gibt einfach nicht so viele große Künstlerinnen"-Bookern dieser Welt die Schamesröte ins Gesicht peitschen würde. Solange zeigte auf der Hauptbühne vor allem, dass sie genauso begabt, aber viel lässiger als Schwester Beyoncé ist und keine komplizierten Choreos braucht, um die Bühne zu beherrschen. Erykah Badu hielt dagegen einen regelrechten Gottesdienst ab, der alle leicht angetrunkenen Festival-Gänger ganz überraschend in seinen Bann zog.

Erykah Badu hat uns auf dem Flow von unseren Sünden befreit Foto: Riikka Vaahtera / Flow Festival

Alma, Tove Lo und Robyn sollten dann auch am Samstag die Pussy Power zum Flow bringen. Abseits der große Bühnen durften sich nicht nur queere Zuschauer außerdem über Drag-Performances und Auftritte vieler LGBTQ*-Künstler*innen freuen.

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Musiknerds pilgerten am Samstag dagegen zu der Show von Blood Orange und setzten nach nur wenigen Riffs ein breites, zufriedenes Grinsen auf, das man so nur von Stonern kennt. Devonte Hynes und seine Backup-Sänger*innen Eva Tolkin und Ian Isiah wurden nicht nur für ihre Diversität, sondern auch für ihr einzigartiges musikalisches Zusammenspiel so laut bejubelt wie niemand anderes an diesem Wochenende. Nah dran war allerdings der Berliner Export Modeselektor, der am Sonntag die müden Festivalbeine noch einmal zum Tanzen brachte, bevor James Blake die letzte Energie aus den schlaffen Körpern der erschöpften Zuschauer presste.

Eigentlich wäre das Flow Festival auch so schon cool genug, doch regelmäßig erwischte ich mich, wie ich mit einem klimafreundlichen Hafermilchshake in meiner Hand den Besuchern hinterherguckte, die derart cool angezogen waren, dass man auch direkt ein Impromptu-Musikvideo für Miley Cyrus hätte shooten können.

Hach Flow, du hast mein Herz gestohlen du liberales, nachhaltiges, geiles Ding.

Quelle: Noizz.de