Alleine auf Spotify gibt es mehr als 30 Millionen Songs – die könnt ihr natürlich alle in der Corona-Isolation durchsuchten, aber womit anfangen? Wir haben bei Künstler*innen nachgefragt, welche Songs ihr Quarantäne-Soundtrack sind und im Moment rauf und runter gespielt werden. Diesmal: wavvyboi.

Durch Connections zu Musikerin Kira und taddl taucht wavvyboi auch im Kontext Rap immer mal wieder auf, eigentlich gilt der 22-Jährige aber als Zugpferd einer neuen Form von R'n'B. "Neo-R&B", could be, seine Songs erinnern kompositorisch aber eigentlich viel mehr an Emo- oder Hard-Rock-Balladen aus den 70ern und schlagen die Brücke in den Zeitgeist durch moderne, Trap-affine Produktionen – und natürlich durch wavvyboi selbst, der als androgynes Rolemodel nicht nur für geschlechterlose Ästhetik steht, sondern mit seinem offenen Ausleben von Weltschmerz und Melancholie auch Symbol für die Mental-Health-Issues seiner Generation ist.

Angst vor Kitsch hat der gebürtige Simon nicht, im Gegenteil. Er träumt vom ausgelassenen Tollen durch grüne Frühlingswiesen und freiem Schlaf unter Sonnenuntergängen, inszeniert sich mit Weinglas voller Tränen, sehnt sich danach, von Teufels-Schwingen zu Grabe getragen zu werden.

Obwohl die Lockerungen der Corona-Maßnahmen uns Stück für Stück wieder unser altes Leben zurückgeben, ist noch lange nichts wie früher – und wird es vielleicht nicht wieder. Der perfekte Zeitpunkt für wavvybois Quarantäne-Playlist: "Songs, wenn man sich selbst verliert".

Wavvyboi im Interview

Der rising Star hat uns hier eine kleine Collage zusammengestellt, die ihm hilft, "mit dem Lärm der Welt umzugehen, wenn ich im Kerzenlicht auf dem Bett liege und an die Decke starre." Es folgen: Anekdoten aus seiner Kindheit über seine Anfänge als Rockstar, ein fiktiver Tag mit Kurt Cobain, der sich über Kippen rauchen und Hello-Kitty-Face-Filter im ausgelassenen Schlaf unter freiem Himmel verliert, und eine knappe Stunde Lieblingslieder von Deutschlands traurigstem Vampir.

NOIZZ: Ein normaler Tag in der Corona-Quarantäne. Wie gehts los bei dir?

Wavvyboi: Den Morgen beginne ich zum Frühstück gerne mit einem Stück von Bill Evans: "B Minor Waltz". Es fühlt sich an wie der Sonnenaufgang in meinem Herzen, auch wenn mich meine Gedanken meistens eher in ein Nirvana – "Something In The Way" reiten. Wenn ich "Something In The Way" höre, fühle ich mich beim ersten Gitarrenanschlag wie in einer düsteren Idylle, die erst endlos erscheint, aber im Refrain das ganze Bett öffnet und mir eine warme Decke gibt.

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Hard Rock x Dracula x 21. Jahrhundert: wavvyboi verschmilzt zeitgenössische Melancholie mit Vampir-Romantik und Rockstar-Allüren.

Was bedeutet Musik für dich?

Wavvyboi: Ich bin ein melancholischer Mensch und bade stets in meinen Gedanken und meiner Befangenheit. Die Musik ist dabei mein Begleiter und gibt mir Kraft, um durch den Tag zu kommen. Wie sagte Jim Morrison damals: "Music is your only friend". Sie ist die einzige Konstante und der bester Freund, den ich in meiner zerbrechlichen Welt finden kann. Töne lösen in mir etwas aus, wovon ich nicht genug kriegen kann. Gitarre spielen oder Jimi Hendrix dabei zuzuhören ist meine größte Sucht und eine Form von Therapie. Musik ist für mich dasselbe, wie Blut für einen Vampir oder Glitzer für die Seele.

Wie verbringst du deine Zeit momentan?

Wavvyboi: Durch die Quarantäne hat sich in meinem Leben nicht sehr viel verändert, da ich die meiste Zeit sowieso alleine verbringe, mit meinen Instrumenten und meinen Gedanken. Wenn ich auf dem Bettrand sitze, umsummt von Dunkelheit, während mein ganzes Wesen bebt, kann mich nur die Musik retten und mir den Zweck des Lebens erklären.

Was tust du beim Musik hören? Irgendwas bestimmtes?

Wavvyboi: Für mich gibt es immer bestimmte Musik für bestimmte Aktivitäten. Beim Schminken höre ich momentan sehr gerne The Beatles und Post Punk aus den 80s. Auch meine typischen Emo-Balladen dürfen nicht fehlen, wenn ich mich fertigmache. Geduscht wird meistens mit The Weeknd, weil ich da alles mitsingen kann und der Hall im Badezimmer dabei so schön ist! Wenn ich meine Gedanken sammle und mein Tagebuch schreibe, höre ich meistens etwas, was entspannter ist und wenig Text beinhaltet, damit ich mich besser auf meine eigene Poesie konzentrieren kann.

"Leben lang den Tränen nah" (wavvyboi auf "weisse rosen")

Welchen der Songs aus der Playlist hättest du selbst gerne geschrieben?

Wavvyboi: Es gibt sehr viele Songs, die ich gerne selber geschrieben hätte, z.B. die ganze Diskografie von "The Neighbourhood". Spontan wäre es "Don’t" von Bryson Tiller, weil der Song damals meine Wahrnehmung von modernem R&B total verändert hat und es für mich zum springenden Punkt wurde, warum ich selber R&B komponieren wollte. Ansonsten hätte ich sehr gerne "Rolling Stone" von The Weeknd geschrieben, weil der Song eine ganz spezielle, warme Nähe zu mir erstellen kann. Die Stimme liegt so unfassbar zerbrechlich soft und warm auf den drei melancholischen Gitarren-Chords, es ist so unfassbar fragil und schön.

Kannst du eine Geschichte zu einem dieser Lieder erzählen?

Wavvyboi: Es gibt ein Szenario, das ich als Teenager immer wieder hatte, zum Beispiel als ich Nirvana entdeckte, aber auch bei etlichen anderen Bands. Es geht so:

Stundenlang krame ich in den CDs und Platten von meinem Dad, lerne so alle Blues-Gitarristen kennen, von Stevie Ray Vaughan über Eric Clapton zu Jimi Hendrix. Dabei stelle ich mir vor, wie ich selbst auf der Bühne stehe und diese Songs spiele. Es ist ein endloses Träumen; einfach Nirvana-Songs anhören und mir ausmalen, wie ich sie selber singe und performe. Chester Bennington (Linkin Park) macht mich so zum Sänger. Ich kaufe mir dieselben Klamotten, die er auf der "Live in Texas"-DVD trägt, mache seine Bewegungen nach und tue so, als wär ich er. Mein Bruder steht dabei direkt hinter mir und spielt den Schlagzeuger. Ich tue das unzählige Stunden lang, es ist mein größter Traum, so cool auszusehen und zu singen wie meine Idole.

Du darfst mit einer*m Musiker*in dieser Playlist einen Tag zusammen Musik machen!

Wavvyboi: Ich entscheide mich für Kurt Cobain. Wir würden auf unseren kaputten Akustik-Gitarren rumschlagen und Zigaretten rauchen. Ich würde ihn schminken und wir würden Face-Filters ausprobieren, es wäre süß, ihn mit den Glitzer-Effekten zu sehen! Ich glaube, der Eyeliner würde ihm stehen, kombiniert mit meinem Vampire-Make-Up. Wir könnten auch Tribals auf seine Jeans malen oder entscheiden, welches Kleid wir für das nächste Konzert tragen. Ich frage mich, was sein Face-Filter wäre? Wie wäre es, wenn er diese drehenden Hello Kittys über seinem Kopf hätte? – Süß! Danach würde ich im Frühling mit ihm durch eine Wiese rennen und mich anschließend fallen lassen um dann langsam und tief im Abendrot einschlafen.

Quelle: Noizz.de