Anti Polizei bis in den Tod.

"Snitching" ist ein Begriff aus dem US-amerikanischen Rap-Game, den spätestens mit dem aktuellen 6ix9ine-Case jeder auf dem Schirm hat (oder: haben sollte). Aber was hat es mit dieser ominösen Todsünde eigentlich auf sich? Wir wollen das Snitchen und die "Anti-Snitching-Kultur" mal ein bisschen aufrollen und schauen, was genau eine Snitch ist und wieso Snitchen von vielen im Rap involvierten Menschen als absolutes No-Go gilt.

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Das ist eine Snitch

Wenn zwei Leute vor Gericht stehen, weil sie zusammen Straftaten begangen haben und einer von beiden mit der Polizei kooperiert und seinen Kompagnon verpfeift, um eine mildere Strafe zu bekommen: Das ist eine Snitch – eine Petze.

Damit ist 6ix9ine ein Musterbeispiel: Er hat gemeinsame illegale Sache mit den "Nine Trey Bloods" gemacht, alle wurden hochgenommen, und nun verpfeift er nicht nur seine ehemaligen Gang-Mitglieder, sondern auch andere Rapper wie Cardi B oder Trippie Redd, um einem lebenslangen Urteil zu entgehen.

Klingt unehrenhaft und feige, aber das ist noch nicht alles.

>> Wie viel Gangster steckt eigentlich in 6ix9ine?

Anti Polizei

In den US-amerikanischen Hoods beziehungsweise Traps herrscht eine strikte Anti-Polizei-Kultur.

Das hat 2015 schon "Noisey" in seiner mehrteiligen Doku über Trap in Atlanta "Noisey Atlanta" eindrucksvoll eingefangen. Folgende Szene ist in Folge 5 zu sehen: Irgendeine Nachbarschaft in Atlanta, irgendein Typ hat eine Kugel abbekommen. Er lebt noch und wird mit einem Krankenwagen abgeholt. Mehrere Polizeiwagen sind auch am Tatort. Zur Zeit des Geschehens waren schätzungsweise 100 Leute auf der Straße und in der Umgebung. Keiner will was gesehen haben. Der Verletzte schweigt ebenfalls. Fazit: Die Polizei kann nichts machen. Keine Infos, keine Fahndung, keine Rechtssprechung.

Der gemeinsame Feind

Auch wenn sich Gangs gegenseitig hassen und rivalisieren: Die Polizei und damit der Staat sind der schlimmste und vor allem: gemeinsame Feind. Mit dem macht man aus Selbstschutzgründen keine gemeinsame Sache. Den hält man so klein, wie nur irgend möglich. Wenn sich alle darauf verlassen können, dass keiner mit den Bullen quatscht – dass keiner snitcht –, dann haben die Cops keine externen Infos und damit am Ende des Tages kaum Macht, Gangs hochzunehmen und Leute einzusperren.

Snitchen als Schneeballsystem

Denn was passiert beim Snitchen? Die Polizei bekommt neue Infos über Straftaten und Straftäter. Snitchen ist ein Schneeballsystem, bei dem immer mehr Leute mit reingezogen werden und am Ende im Gefängnis landen. Für die Polizei genial, für die Gangs das Todesurteil.

Und genau deshalb ist es die Todsünde: Weil du aus Feigheit und Egoismus richtig viele andere Menschen begräbst. Weil du lieber mit dem Feind kooperierst, als für deine Taten Verantwortung zu übernehmen. All dies in einer ohnehin schon weniger privilegierten Gesellschaft mit größtenteils afroamerikanischen Wurzeln, die in der Vergangenheit lernen musste, mit einer rassistischen Obrigkeit zu leben und sich dementsprechend traditionell nicht gut mit der Polizei versteht.

Damals vs. heute

Die Zeiten haben sich geändert, und nach Einschätzung eher betagter Rap-Experten ist die Szene im Umgang mit Snitches deutlich milder geworden.

Moderator und Interviewer Charlamagne tha God denkt, dass 6ix9ine seine Karriere deshalb genau an dem Punkt weiterführen können wird, wo er vor seiner Inhaftierung aufgehört hat, wie er in der Radiosendung "The Breakfast Club" erzählte.

"The Inc. Records"–Labelchef Irv Gotti sieht das ähnlich. In einem Statement für "TMZ" gab der OG an, dass 6ix9ine früher keine Chance mehr gehabt hätte. Da hätte Snitching ein unabwendbares Karriere-Aus bedeutet: "In der neuen Generation kann er einen Hit aushauen, und er wird gespielt werden. Die sind nicht so wie ich oder andere der alten Generation, die wirklich starke Meinungen über das Snitching haben. Du kannst das auch in vielen Kommentaren zum Thema lesen. Viele Leute schreiben: 'Ich würde auch snitchen, wäre ich an seiner Stelle.' Das ist eine andere Welt. Wenn das gerade in meiner Generation passieren würde, hätte er keine Chance, jemals wieder Musik zu veröffentlichen. Wirklich, keine Chance. Damals hätte ihn einfach irgendjemand umgelegt, irgendjemand, der nicht einmal was mit der Sache zu tun gehabt hätte. Einfach, weil er eine Snitch ist."

>> 6ix9ine will nicht ins Zeugenschutzprogramm – sondern?

6ix9ine – eine Bilderbuch-Snitch?

Ja und nein. Nach außen sieht es erst mal danach aus. Aber 6ix9ine wurde von seiner Gang um mehrere Millionen Dollar betrogen, gekidnappt und ausgeraubt, wie es der YouTube und Moderator DJ Akademiks damals treffend gecovert hat. Geht man für solche Leute in den Knast oder sagt man da nicht lieber die Wahrheit und entgeht der lebenslangen Haft?

Dass er jetzt zusätzlich noch andere Rapstars (Trippie Redd und Cardi B) verpfeift, klingt nach mehr, als es eigentlich ist. Denn dass Rapper in den USA Gangs hinter sich haben, ist total normal und kein Geheimnis. Allein in Deutschland besitzen fast alle großen Rapstars Support von arabischen Großfamilien. Diese mafiösen Kulturen sind in den USA natürlich noch viel ausgeprägter als hier. Weder Cardi noch Trippie werden durch das "Snitching" große Probleme bekommen. Die Cops werden das eh schon gewusst haben.

Das ist in etwa so, als säße in Deutschland Kollegah im Knast und würde verraten, dass Farid Bang zu den Miris gehört und Spongebozz zu den Saados. Für normale Bürger mag das krass klingen, im Rap-Game ist das aber common knowledge.

Wie es in Zukunft um das Snitching steht, werden wir sehen, sobald 6ix9ine den Knast verlässt. Wird er auf der Stelle umgelegt, ist es die Todsünde, von der alle sprechen. Macht er die nächsten Jahre weiter Karriere und neue Hits, haben sich die Zeiten tatsächlich geändert. 6ix9ine selbst hat da eine klare Haltung zu: 6ix9ine glaubt, er wird nach dem Knast noch erfolgreicher

Quelle: Noizz.de