Die Anschuldigungen an R. Kelly sind uralt – die Empathie ist neu.

R. Kelly und Harvey Weinstein miteinander zu vergleichen ist einfach: Beides sind mächtige Männer, die ihren Status benutzen, um unzählige Frauen sexuell zu missbrauchen. Beide sind in ihrer Branche Mogule, an denen der Weg zum Erfolg vorbeiführt. Beides sind aber auch Männer, die von sehr vielen anderen Menschen lange Zeit toleriert und sogar geschützt worden sind.

Weinsteins (versuchter) Missbrauch von Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow oder Angelina Jolie war in Hollywood ein offenes Geheimnis. In Interviews berichten Schauspielerinnen, dass man sich sogar gegenseitig vor Weinstein warnte, weil jeder wusste, was er für ein Typ ist. Genau so verhielt es sich mit R. Kelly.

Spätestens seit der illegalen Heirat 1994 mit der damals 15-jährigen Aaliyah wussten alle bescheid. Es war bekannt, dass man seine Nachwuchskünstlerinnen besser nicht mit Kelly alleine arbeiten ließ. Im Laufe der Zeit wurden die Anschuldigungen an den Musiker immer wieder laut: Der Vorwurf des Missbrauchs und der Vergewaltigung hielt sich wacker. Irgendwann wurde bekannt, dass R. Kelly sich minderjährige Sexsklavinnen halten würde.

Und ähnlich wie bei Weinstein brauchte es einen aktuellen Impuls, um das gesamte Grauen zu offenbaren. Bei Weinstein waren es die vielen Stimmen der Frauen, die immer lauter wurden und sich irgendwann nicht mehr überhören ließen. Bei Kelly die kürzlich veröffentlichte sechsstündige Doku „Surviving R. Kelly“. Plötzlich kann keiner mehr die Augen davor verschließen, dass hier brutale und schreckliche Straftaten geschehen sind. Oder besser gesagt: Plötzlich ist es nicht mehr in Ordnung, die Vorfälle zu ignorieren.

Man möchte beinahe lachen, wie betroffen sich auf einmal alle geben – wenn einem das Lachen angesichts der traumatisierten und ruinierten Opfer nicht im Halse stecken bleiben würde. Ein Jay-Z aber auch eine Lady Gaga haben davon gewusst, dass sie mit jemandem zusammenarbeiten, der Kinder vergewaltigt – es war ihnen offenbar aber einfach egal.

Vielleicht waren ihnen aber auch einfach die Milliönchen, die durch eine Zusammenarbeit mit Kelly auf ihr Konto wanderten, wichtiger. Die vielen Menschen, Musiker, Manager, Produzenten und Vertrauten von R. Kelly, die teilweise in erwähnter Doku zu Wort kommen oder namentlich genannt werden, wussten bescheid.

Keiner kann behaupten, dass die Anschuldigungen an R.Kelly neu sind – teilweise hat selbiger von seiner Neigung zu kleinen Mädchen sogar in seinen Songs gesungen und tut dies auch aktuell noch („I admit“). Der Name des Debüts, an dem Kelly zusammen mit Aaliyah arbeitete „Age Ain't Nothing But A Number“, sagt da auch Eindeutiges aus.

In der Doku zu R. Kellys Vergehen verweigern die Fat Cats der Branche ihre Aussage – lediglich John Legend sagt eindeutig gegen seinen Musiker-Kollegen aus. Vor allem die Forderungen von Lady Gagas Fans, sich zu den Vorfällen zu äußern, wurden immer lauter. Erst daraufhin veröffentlichte die Musikerin letztendlich ein Statement zu dem gemeinsamen Song „Do What U Want (with my body)“.

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Sie verbucht die Kollaboration von 2013 mehr oder weniger als Jugendsünde: Ihr noch untherapiertes, vergangenes Ich, dass sich noch nicht mit dem eigenen Missbrauch beschäftigt hatte, hat aus irgendeinem bigotten Grund einen Song mit einem Vergewaltiger aufgenommen, in dem sie ihn dazu auffordert, frei über ihren Körper zu verfügen.

Das mag man ja sogar so hinnehmen – Lady Gaga ist aber schon länger erwachsen und therapiert und spätestens zur Doku hätte die Musikerin ein Statement zu R. Kelly bringen können – oder ging es da immer noch um die Kohle, die einem dabei in Zukunft flöten gehen könnte?

Die Tatsache, dass immer noch nicht so richtig was zu den schrecklichen Vorfällen gesagt und den Opfern nur zaghaft beigestanden wird, lässt einen ratlos zurück.

Die Tatsache, dass Täter wie Weinstein und Kelly so lange ungestraft ihr Unwesen treiben konnten, beweist, dass sie von einem undurchlässigen Netz aus Verleumdung, Geldgier und Macht profitieren. Vor allem aber auch, dass wir immer noch in einer geld- und männerdominierten Welt leben – und weder Lady Gaga noch sonst wem, der oder die bisher wohlweislich geschwiegen haben, möchte man heute ihr Entsetzen und ihr Mitgefühl abnehmen. Denn hier haben wir einmal mehr die traurige Wahrheit bestätigt: Ein Frauenleben ist nun mal nichts wert. Zumindest solange die Kohle stimmt. An dieser Stelle zitieren wir R. Kelly aus seinem Song „I Admit“ und lassen ihn diese These noch einmal selbst untermauern:

„I admit that this is no disrespect to the parents. But this is my advice to you ‘cause I’m also a parent. Don’t push your daughter in my face, and tell me that it’s okay. Cause your agenda is to get paid, and get mad when it don’t go your way.”

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Quelle: Noizz.de