Die Tickets für die Deutschland-Konzerte kosten bis zu 499 Euro.

Man kann den alten Männern auf der Bühne wirklich keinen Vorwurf machen. In „verblüffender Form“ sei Mick Jagger bei seinem letzten Konzert in Hamburg zweieinhalb Stunden über die Bühne gezappelt. Das Alter der Rock-Opis habe „gar keine Rolle“ gespielt. Eher hätten sie heutigen Langweiler-Bands gezeigt, wo der Rock’n Roll-Hammer hängt, Glamour statt Umweltschutz, jawohl!

82.000 Stones-Fans lagen sich seligen in den Armen, ebenfalls eher hochbetagte Feuilleton-Redakteure ergingen sich mal wieder in Lobeshymnen. Rock’n Roll scheint 2018 weit über die Rente mit 70 hinaus – und schaufelt sich damit sein eigenes Grab.

Frontmann Mick Jagger und Bassist Bill Wyman (dahinter) 1965 am Flughafen Berlin-Tegel Foto: Konrad Giehr / dpa picture alliance

Rentner-Rock für Besserverdiener

Wenn VIP-Tickets für den Preis eines Gebrauchtwagens über den Tresen gehen, wirkt man damit nicht etwas dem Ticket-Schwarzmarkt entgegen. Man macht das Popkonzert zum Luxusprodukt für Besserverdiener. Marktwirtschaftlich klug greift die sterbende Musikindustrie nach dem scheinbar letzten Strohhalm: den zahlungskräftigen Babyboomern.

Gutsituierte 60-Jährige machen für ein paar Stunden Jungendnostalgie gern mal ein paar hundert Euro locker. Kein Wunder, dass der Vinylmarkt vor allem mit exklusiven Re-Issues-Boxen boomt. Rock’n Roll wird zur gut geölten Verwertungsmaschine mit kunstmarktähnlichen Dimensionen.

Vom emanzipatorischen Aufschrei der Jugend bleibt da wenig übrig. Dabei muss gerade in aufstrebende Acts investiert werden. Rock’n Roll ist mal als Utopie angetreten, um den Mief der Alten wegzublasen. Wenn er nur noch auf durchchoreographierten Megaevents stattfindet, ist er bald wirklich reif für’s Museum.

Quelle: Noizz.de