RIP Alte Schule: Euer Hip-Hop ist tot.

Wie oft hab ich diese Aussage über mich ergehen lassen müssen: "Das ist ja nur noch Playback heutzutage, das sind ja gar keine Musiker mehr, die rappen ja nicht mal selber, für so eine Scheiße gebe ich doch kein Geld aus, voll der Beschiss [...]!"

Ich kann das im Prinzip verstehen, und es gibt ganz sicher richtig viele schlechte Playback-Konzerte. Auf der anderen Seite finde ich diese Haltung rückständig und falsch. Rap ist heute etwas komplett anderes als früher. Einen modernen Gig an der tatsächlichen Performance am Mikrofon zu messen, ist, als würde man Mozart für seine fehlenden E-Gitarren-Soli kritisieren.

Playback gehört dazu, Playback ist geil und wenn ihr weiterlest, dann lernt ihr entweder, warum das so ist, oder ihr werdet mich lynchen wollen, weil ich eurer "guten Alten Schule" den Sargdeckel auf den Kopf schlage.

Hip-Hop ist tot

Steile These, oder? Aber es ist die Wahrheit. Irgendwie hielt man Hip-Hop immer für die gesamte Kultur; für einen Musikstil, einen Lifestyle, vier Elemente. Rap war sozusagen nur eine Dimension des großen Ganzen. Was wir in den letzten Jahren gelernt haben, ist, dass das genaue Gegenteil der Fall ist: Hip-Hop war eine Spielart des Rap. Rap ist das große Ganze, und Hip-Hop (nur) eine kulturelle Ausprägung davon. Eine Ausprägung, deren letztes Stündchen mit dem Paradigmenwechsel von Boom bap zu Trap geschlagen hat.

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Alles, was Hip-Hop war, ist verschwunden: der Charakter der Subkultur, die Werte und Ideale (Authentizität, Skills haben), der Klang der Musik und ihre Geschwindigkeit, die Art, zu rappen, die Art, Texte zu schreiben, das Nischige, Widerständige. Bitte welcher moderne Rapper redet noch von Hip-Hop? Das Einzige, was geblieben ist, ist das Ding an sich: Beats basteln und drauf rappen – RAP.

Die "gute alte Zeit"

Deswegen ist das nur konsequent und logisch: Rap-Konzerte sind nicht mehr die steifen Baggy-Hosen-Events, die sie "in der guten alten Zeit" mal waren – sowohl auf, als auch vor der Stage. Bei Rap ging es früher darum, Geschichten zu erzählen und das in krasse Rhythmen und eindrucksvolle Worte zu packen. Natürlich und echt sollte das klingen, Autotune oder andere Stimm-Effekte waren undenkbar. Klar wurde das live gespittet. Alles andere hätte überhaupt keinen Sinn gemacht, zumal es ja auch genau darum ging: ein krasser Rapper sein, ein virtuoser Sprachkünstler.

Im Publikum wurde dazu so szenebewusst mit erhobenem Arm gewackelt, dass man sich fragen konnte, ob man versehentlich in eine andere Zeit geraten sei. Ich formuliere das gerade ein bisschen böse, aber finde das eigentlich alles total legit und nice. Es war einfach eine andere Zeit, andere Musik, eine andere Kultur.

"Die rappen ja nicht mal mehr live."

Richtig, denn "die" haben heute anderes zu tun, nämlich Stimmung machen. Man darf einen zeitgenössischen Rapper nicht mit einem der Alten Schule vergleichen. Es geht nicht mehr um Rhetorik, Geschichten oder handwerkliches Geschick. Es geht darum, eine Stimmung einzufangen und in einen catchigen Hit zu vertonen. Es geht um Ekstase, Party, tanzen und eine gute Zeit. Und genau dafür sorgen Rapper live on Stage. Wie ein DJ, der seine Songs zuhause produziert, bei einem Auftritt auf Play drückt, sein Ergebnis präsentiert und dabei zusammen mit den Fans abfeiert, tanzt und das Leben genießt.

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Rap 2019 heißt, ein Gefühl einzufangen, einen Vibe, einen transzendenten Sound kreieren und vor allem: einen fetten Banger schreiben. Das kann man weder live mit der Stimme machen, noch kann man da still zu stehenbleiben, geschweige denn im Publikum nur den Arm bewegen. Das kann man nur, wenn man sich fallen lässt und ganz dem Gefühl hingibt – sowohl auf, als vor der Stage.

Und das geht raus an alle Oldschool-Dogmaten! Macht euch einfach mal locker, hört auf, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, pullt up zu einem Trap-Konzert und feiert 'ne Runde. Ernsthaft, das macht hella Spaß.

Playback ist nicht gleich Playback

Außerdem! Auf Rapkonzerten tut kein Rapper so, als wäre das gerade seine Live-Stimme, die da lupenrein aus den Boxen schallt. Die Karten liegen offen auf dem Tisch: Der Song kommt komplett vom Band beziehungsweise vom Macbook Pro, und die "Live-Performance" wird einfach darüber gerappt beziehungsweise komplett ungekonnt ins Mic gebrüllt. Alles cool. Das ist vom Ding her schon mal etwas ganz anderes als etwaige Popstars, die den Anschein erwecken wollen, als könnten sie nebst akrobatischen Tanzeinlagen auch noch Vocals delivern, die Autotune für alle Zeit in den digitalen Papierkorb verbannen würden. Denke, nuff said.

Schade ist es trotzdem

Hands down: Einen Menschen zu sehen, der live Musik macht, ist einfach nur wunderschön. Ich wünsche mir wirklich sehnsüchtig, meine Lieblingsrapper mal sehen und hören zu können, wie sie ohne Playback-Songs performen. Ohne Turn-up, ohne Animation. Mein Traum ist ein Konzert, an dem beides seinen Platz bekommt. Und es ist nicht so, als gäbe es keine guten Live-Performer unter den Trap-Stars (siehe Trippie Redd, siehe Kodak Black, siehe Rich the Kid).

Zu guter Letzt bleibt nur eine Frage offen, auf die ich leider keine Antwort habe: Wieso zur Hölle habe ich letztes Jahr auf dem Splash! tetrapackweise Sangria getrichtert, einen ganzen Bach gekotzt und den halben Tag im Zelt verpennt, anstelle mir diesen Rin-Gig reinzufahren und die Zeit meines Lebens zu haben? Wer die Antwort kennt -> dm. Danke.

Quelle: Noizz.de