Von einem Treffen mit dem US-Rapper am Rande seines Berliner Konzerts.

„Was zur Hölle ist das? Auf gar keinen Fall, das ziehe ich dir nicht an“ – Aminé grinst so breit, wie es wohl nur der Rapper aus Oregon kann. In Merch-Jogger, Northface-Jacke und Slippern steht er da, hält eine weiße Fake-Fur-Weste in die Luft und schüttelt den Kopf. Das gute Stück gehört mir. Ich habe es vor rund 500 Jahren bei TK Maxx erstanden. In jugendlichem Fashion-Leichtsinn redete ich mir ein, dass ich die Kreuzung aus Möchtegern-St.-Moritz-Tussi-Item und Wikinger-Piece „irgendwann mal gebrauchen kann“.

Mein Teenie-Instinkt sollte mich nicht täuschen. Jetzt, genau in diesem Moment, zahlt sich die Horterei eines Teils aus, das ich nie getragen habe. Warum? Ich stehe im Festsaal Kreuzberg vor einem Haufen Kleiderkreisel-reifer Klamotten aus meinem Schrank. Neben mir: US-Rapper Aminé. Der „Spice Girl“-Interpret macht für einen Stopp seiner „ONEPOINTFIVE“-Tour Halt in Berlin. Wenige Stunden, bevor er mir und dem restlichen Hauptstadtpublikum einheizt, wird er von mir mit der Aufgabe betraut, mich zu stylen.

Rapper Aminé zu Gast im Festsaal Kreuzberg Foto: Daniel Flamme / Noizz.de

Was Aminé zum Stylisten qualifiziert? Gute Frage. Zumindest designt dieser grinsende Typ neben mir seine eigenen ziemlich lässigen Merch-Klamotten. Und Aminé kloppt für seine selbstironischen Musikvideos eigene Looks aus dem Knopfloch. Zuletzt geschehen für seinen Hit „BLACKJACK“. Die Schuluniformen inklusive Emblem stammen aus der Designfeder des Musikers.

Der „Los Angeles Times“ sagt der 24-Jährige mal: „Ich hasse es, Leute darin zu bestätigen, was sie von mir denken.“ Dieser Aussage macht der Rap-Star alle Ehre, als es um die Planung unseres Interviews geht. Ich denke, ich bewege mich in sicherem Aminé-Gewässer, als ich vorschlage, dass wir uns während des Gesprächs gegenseitig die Fingernägel lackieren. „Ich bringe die besten Trash-Farben mit“, tippe ich in die Mail. Meiner Bonding-Idee wird der Hahn abgedreht, bevor ich Frenchnails sagen kann.

Dass Aminé darauf steht, mit der Erwartungshaltung seiner Zuschauer zu spielen, zeigt sich aber nicht in der Absage meines Nailart-Szenarios. (Wahrscheinlich ist er ein einfach kein Fan des splitternden Lacks). Dafür umso mehr in seiner Musik und seinen Videos. Aminés Kunst hat das, was jeden noch so albernen Adam-Sandler-Filme unabschaltbar macht: An jeder Ecke wartet eine neue Überraschung.

Im Video zu „Spice Girl“ liegt eine nackte Frau auf dem Schoß des Rappers – anstelle ihres Kopfes rappt Aminés Grinse-Face in die Kamera. In „Reel it in“ leckt eine Carwash-Brünette für wenige Sekunden das Lenkrad eines Pick-up-Trucks – dann schreit sie Comedian Rickey Thompson aus der stereotypen Hip-Hop-Video-Szenerie heraus: „Entschuldigung?! Was machst du da?! Das ist weder für dich hygienisch, noch für den Kunden!“ Und während Aminé „Baby you can call me Baba“ rappt, trägt er on stage gerne mal Glitzer-Eyeshadow.

Trotz Vorliebe für Make-up zieht die Nagellackidee – wie erwähnt – nicht. Der Styling-Vorschlag tut es. Es ist 15 Uhr und Aminé gibt vor mir zwei anderen Journalistinnen Interviews im Festsaal. Danach schreitet er geradewegs auf mich zu. Auf mich und meinem Haufen ausgedienter Looks. Ich komme mir kurz vor, wie ein Trottel. Ich zwischen alten Glitzertops und Fake-Fur.

Das Gefühl verfliegt instantly, als der lächelnde Aminé anfängt, im Klamottenhaufen rumzuwühlen. Er ist nicht besonders hyper. Ganz im Gegenteil: super-chill und mit einem verschmitzten Grinsen ausgestattet. Wir lachen über die Hässlichkeiten aus meinem Schrank. Er bewertet den Großteil als unbrauchbar. Am Ende tausche ich nur meinen beigefarbenen Longsleeve gegen ein XL-Leo-Hemd, das Drogendealer schreit. Wieder nicht das, was ich erwartet hatte. Ich war darauf vorbereitet, am Ende des Stylings richtig hart albern und bunt auszusehen. Nicht mit Aminé. 

Vielleicht ist er so vorsichtig, weil er sich selbst nie von jemanden stylen lassen würde. „Ich habe gerne alles unter Kontrolle. Ich weiß, was ich mag. Neun von zehn Mal, wenn jemand anderes was für mich aussucht, mag ich es nicht“, erklärt er grinsend. Nie im Leben würde dieser Mann einen Stylisten engagierten. Egal, wie oft er Gold geht.

Ich setze ihm die Styling-Klinge an die Kehle und bestehe darauf, dass er mir jemanden nennt, an den er die Outfit-Kontrolle für sein nächstes Video abgeben würde. Es blitzt in seinem Blick. Diesem Kreativkopf fällt direkt jemand ein. Er sucht aufgeregt in seinem Smartphone nach einem Instagram-Account. Nach „Wow, mein Internet ist so scheiße, weil ich Amerikaner bin“ und ein paar Klicks präsentiert er mir:

Isamaya Ffrench, ihres Zeichens Make-up-Artist. „Sie hat gerade erst das ‘Dazed Beauty‘-Cover mit Travis Scott gemacht und sie macht einfach verrücktes Make-up! Ich trage nämlich gerne Make-up auf der Bühne. Sie macht so viel wierden Shit“, qualifiziert er sie für eine Kollabo.

Ich bohre in Aminés Style-Vergangenheit. Ich will wissen, was diesen Typen Klamotten-technisch geprägt hat, der vor mir in Jogginghose und Northface-Jacke sitzt und die Schuljungen-Outfits seiner Musikvideos selbst entwirft. Ich frage mich, ob Aminé von seinem Vater beeinflusst wurde. Dass er seinen Eltern nahe steht, erfährt man schnell, wenn man sich mit ihm befasst. Aber auch sonst es ist nicht zu übersehen: Der Rapper trägt oft zwei diamantenbesetzte Ketten um den Hals. In den Anhängern: Schwarz-Weiß-Bilder seiner Eltern.

„Mein Vater trug diese riesigen XL-Bob-Marley-T-Shirts. Als ich ihn früher in seinen Baggie-Klamotten gesehen habe, hab ich das nie richtig verstanden. Und jetzt trage ich nur Baggie-Klamotten. Ich bin vor drei Monaten nach Hause und hab drei von den Bob-Marley-Shirts mitgenommen.“ Sein Vater sei Äthiopier, habe früher Weed geraucht, und er liebe Bob Marley nunmal wie verrückt.

Rapper Aminé zu Gast im Festsaal Kreuzberg Foto: Daniel Flamme / Noizz.de

Aminé kommt anscheinend nicht nur in Sachen Shirt-Geschmack nach seinem Dad. Nachdem wir das Interview beenden, kommt er noch einmal kurz zu mir. „Guck, das hab ich mir heute gekauft“, sagt er grinsend – natürlich – und hält mir eine Louis-Vuitton-Box entgegen, in die ziemlich passgenau eine Coca-Cola-Dose fitten würde. Er öffnet sie. Darin liegen drei perfekt gedrehte Joints.

Ein Hoch auf Aminés Papa!

Quelle: Noizz.de