Ein Heiliger in Zeitlupe.

Luxushotel Waldorf Astoria, erster Stock, irgendeine edle Suite. Fotografin Ney und ich stehen vor einem 20-jährigen Multimillionär, der sich dermaßen unter den Tisch geraucht hat, dass Ney ihn ernsthaft fragt, ob er krank sei. "Nein, ich hab einfach nur richtig hart gekifft." Wie ein Wesen aus einer anderen Welt bewegt er sich – in Zeitlupe – unfassbar träge und trotzdem schwerelos; ein Drittel Mensch, ein Drittel Gott, ein Drittel THC.

Bunte Dreadlocks, zügellose Gesichtstattoos und dermaßen abgefuckte Augenlider, dass mich allein der Blickkontakt mit ihm high macht. Seit über zwei Jahren ist er einer der erfolgreichsten Rapper der Welt: Trippie Redd, Aushängeschild seiner Zeit und einer der stärksten Künstler einer ganzen Generation. Neben Lil Uzi Vert und Juice WRLD ist der DAS Gesicht des Emo-Trap – die verstorbenen Lil Peep und XXXTentacion mal ausgeklammert.

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Wenn man so einen Menschen sieht, ist sofort klar, dass es nicht nur um Musik geht. Es geht um künstlerischen Ausdruck an sich; durch Songs und Kunst, durch Mode und die gesamte Art des Seins. Als wär ich blind, habe ich mir von Trippie Stück für Stück erzählen lassen, wie er aussieht. Zu jeder Körperpartie haben wir im Anschluss über Themen geredet, die auf einer symbolischen Ebene zu den von ihm beschriebenen Körperteilen passen.

Viel Spaß mit einem (Selbst-)Porträt eines Rappers, der als Paradebeispiel für eine komplette Ära lebensmüder Superstars steht.

Trippie Redd

Teil 1: Der Kopf

Trippie Redd: Stell dir ein Kohlkopf-Kind vor. Mit Twizzlers (Anm.d.Red.: rote, länglich gedrehte Weingummis), Gesichtstattoos und Hai-Zähnen. Wenn du in mein Gesicht blickst, dann siehst du zuerst eine rote 14 in der Mitte meines Kopfes, darunter einer schwarze 8. Danach "Love Scars" unter meinem linken Auge und eine richtig fette tätowierte Narbe unter meinem rechten. Vielleicht wirke ich ein bisschen böse, aber auch nur ein bisschen, weil ich lächele. Wenn du in meine Augen blickst, dann siehst du sowohl Trauer als auch Glück. Und so klingt auch meine Musik.

Obwohl ich schon immer wusste, dass ich singen kann, habe ich eigentlich nie wirklich gesungen. Das kam erst, als ich wirklich angefangen habe, Musik zu machen. Ich singe auch jetzt nur im Studio oder bei Perfomances. Oder im Auto, wenn ich meine Musik höre. Meine Melodien improvisiere ich im Studio. Ich versuche, einfach coole Sachen zu summen, immer und immer wieder. So lange, bis ich was summe, was wirklich crazy klingt. Dann leg ich Worte drunter und nehme auf. Ich höre übrigens nur meine eigene Musik, oder wenigstens so viel es geht. So kann ich meine Kunst studieren und besser werden.

Trippie Redds Oberkörper

Teil 2: Der Oberkörper

Dieser Interviewteil war leider total unergiebig. Teils, weil ich Pech mit seinem Outfit hatte (keine Ketten), teils, weil ein komplett zugedröhnter Rapstar nicht die geistreichsten Antworten in petto hat. Dabei hatte ich beim Oberkörper richtig coole Themen am Start: das Herz – die Liebe, der Magen – Hunger auf mehr, der Rumpf an sich – Angst vor Gewalt und Tod.

Die Sache ist: Moderne Rap-Superstars sind durch und durch intuitive Menschen. Geniale Künstler, Visionäre, hella intelligent und selbstbewusst, aber eben nicht auf einer Metaebene. Alles geschieht nach Gefühl. Der Musik tut das gut – bei Trap geht es allein darum, Gefühle zu vertonen – dem Gespräch über Musik dreht das den Saft ab. Zum Thema Liebe (das sich durch seine gesamte Diskografie zieht) oder zur Vision seines nächsten Albums musste ich also mit folgenden floskelhaften Einwort-Antworten leben:

Trippie Redd: Ja, ich fühle Liebe. Find ich cool. Der Sound vom nächsten Album wird crazy. Meine Melodien sind der Hammer. Die Beats auch. Das Album flowt einfach hammer. Alles klingt ein bisschen anders, aber supercrazy.

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Immerhin habe ich etwas über seine Selbstwahrnehmung herausfischen können. Zeitgenössische Rapper sehen sich nämlich kaum noch als "Rapper". Das ist aus der Mode gekommen. Die meisten halten sich für Rockstars (Post Malone, Lil Uzi, Lil Pump, Smokepurpp), andere sehen sich als Mogul (Lil Yachty), echte Street N**** (21 Savage) oder einfach als Hustler (Gucci Mane, Lil Baby). Bei Trippie ist das nicht anders.

Trippie Redd: Ich sehe mich selbst als Künstler. Das war schon immer so und ich wollte auch immer schon so gesehen werden. Zu meiner künstlerischen Entwicklung kann ich sagen, dass ich immer eine Vision vor Augen habe, aber sich trotzdem alles natürlich entwickelt und intuitiv entsteht. Mein Kleidungsstil ist ziemlich unorthodox. Um meinen Hals hängen richtig fette Ketten und ich trage fast immer eine Tasche um den Körper. Ansonsten hab ich einfach irgendein Shirt an. Dieser Hang zum Exzentrischen liegt übrigens in meiner Familie, wir sind alle so. Auch, das mit den ganzen Tattoos. Ich komme aus einer Stadt, die extrem gefährlich ist, aber das ist jetzt zum Glück kein Teil mehr meines Lebens. Deshalb versuche ich, nicht mehr darüber nachzudenken, dass mir körperlich etwas zustoßen könnte. Ich kenne keine Angst – außer vor Spinnen. Security habe ich natürlich trotzdem.

Trippie Redds Arme

Teil 3: Die Arme

Trippie Redd: Meine Arme sind voll mit Tattoos und jedes Tattoo bedeutet etwas. Ich lasse mir einfach immer was stechen, wenn ich gerade eine Idee habe oder halt zufällig ein Tattoo-Artist am Start ist. Obwohl ich ständig high und betrunken bin, mache ich Gesichtstattoos aber überlegt. Generell treffe ich schlaue Entscheidungen in meinem Leben und überlege mir alles gut.

Ich fühle mich stark. Ich bin das Größte. Und ich habe das Gefühl, alles passiert aus irgendeinem Grund. Ich habe das Gefühl, einfach die ganze Zeit zu wachsen. Und ich fühle auch, dass es immer so weiter geht. Es geht nicht um den Hype, es geht um die eigentliche Musik. Und wenn es um die eigentliche Musik geht, dann kann ich nicht fallen.

"Ich bin das Größte" sagt er. Ich musst kurz auflachen, und mich sofort danach vergewissern: "Ist das wirklich, was du fühlst?" "Ja", antwortet er und ich merke, dass darin nichts Aufgesetztes oder Gespieltes liegt. Er meint und fühlt es wirklich so. Niemand auf der Welt ist der oder das Größte, aber vielleicht muss man sich so fühlen, um derart erfolgreich zu sein? Um über so lange Zeit so gute Songs zu improvisieren? Um sich aus dem Ghetto zum Multimillionär aufzuschwingen – als Teenager?

Wer zweifelt, verliert. Und so kommen nur die wirklich Furchtlosen an das Firmament der Superstars. Hochbegabt, künstlerische Genies, kein Gefühl von Angst und Zweifel. Die Trap produziert Stars, wie aus dem Bilderbuch: Stars, wie Götter.

Trippie Redds Beine

Teil 4: Die Beine

Trippie Redd: Ich habe crazy ass Designer-Sweats an, mit Slippern oder Sandalen an den Füßen. Ich bin mein eigenes Movement und connecte nicht mit allen meiner Generation. Mit manchen fühlt es sich organisch an, mit anderen nicht. Ich bin einer der ersten, der Facetatts und bunte Haare hatte. Was das angeht, bin ich eh schon unsterblich. Manche sind die Anführer, und andere nehmen die Vorarbeit der Anführer und machen etwas Eigenes daraus. So ist das.

Manchmal ist mein Leben echt anstrengend. Halt immer, wenn Business-Time ist. Aber es gibt auch viele Tage, an denen ich einfach chille, zocke und mit meiner Freundin telefoniere. Ich nehme immer auf, wenn ich will. Das ist immer die Entscheidung des Künstlers. Wenn du grinden willst und dich fokussierst, dann gehst du auch ins Studio, obwohl du müde bist. Wo ich hingehen will? Ich will einfach mehr Gold- und Platinplatten. Ich will größer werden. Eine Legende werden. Mein nächstes Album kommt Anfang Herbst. Jetzt spiele ich erst mal ein paar Festivals, auch in Deutschland. 30.000 Besucher auf dem Splash! – das ist riesig.

Trippie Redd und NOIZZ-Redakteur Till Böttcher im Interview

Kleiner Nachtrag

Tja, das ist er also – Trippie Redd. Irgendwo zwischen generischem Rumgelaber und einer glasklaren Vision und Identität. Ein Mensch, dem man sein junges Alter zu null Prozent anmerkt, der seinen messerscharfen Verstand mit Marihuana tötet und der – trotz seiner künstlerischen Brillanz – scheinbar von nichts anderem mehr träumen kann, als noch größer, erfolgreicher und legendärer zu werden.

Trotzdem: Das gesamte Interview lang hat er mir aufmerksam zugehört und mich total ernst genommen. Bedenkt man, wie oft er Interviews geben muss und dass er SO (!!!) bekifft war, ganz schön beeindruckend. Am Ende hat er mir dann tatsächlich noch unveröffentlichte Musik vorgespielt. Und die klang (wie immer) richtig gut (true Fanboy, aber auch true Musikkritiker). Vergleicht man ihn mit anderen Stars seiner Generation, ist Trippie einer der ganz, ganz wenigen, die es schaffen, konsistent gute Musik zu machen. Wahnsinns-Typ mit einer krassen Erfolgsstory, die gerade mal zwei Jahre alt ist – und aktuell keine Anzeichen eines Endes in Sicht stellt.

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  • Quelle:
  • Noizz.de