Wenn man sich den Rap der 90er anhört und danach ein paar Songs aus unserer Zeit, dann kann man sich ganz wertfrei fragen: Wie zur Hölle konnte das passieren? Vom Vier-Elemente-Hip-Hop der Realkeeper zum Autotune-Turn-up der Generation Mumble hat sich das Game auf den Kopf gestellt. Hier sind die einflussreichsten Rapper der letzten 15 Jahre, die dieser 90-Grad-Wendung den Weg geebnet haben.

"Das ist doch überhaupt kein Rap mehr", sprach der in der Vergangenheit verwurzelte Boomer – und hatte recht. Mit seinem Rap hatte das nichts mehr zu tun, was er da im Laufe der 2010er von YouTube, Spotify und dem Rest der Welt auf die Ohren serviert bekam.

Über Erfolg in Zahlen lässt sich nicht streiten. Um den solls hier aber gar nicht gehen. Ja, Drake und Post Malone sind wohl die kommerziell erfolgreichsten Rapper zur Zeit, aber sind sie auch die stilistischen Impulsgeber der Szene? Nein. Ich will folgende Geschichte erzählen: Welche Rapper, Alben oder auch nur Songs der letzten 15 Jahre sind aus heutiger Sicht Meilensteine, die die Transition vom Boom Bap der 90er zum Trap der 2010er und -20er bewirkt haben? Eine kleine Zeitreise über verloren geglaubte Drumcomputer, Männer mit Gefühlen und den Reiz der Unverständlichkeit.

Disclaimer: Klar, das kann man anders sehen. Muss man aber nicht.

Gucci Mane (2005)

Gucci Mane 2020: Der Boy ist in Shape. Früher sah das anders aus.

Vom damaligen Sound des Dirrty South ist heute nicht mehr viel übrig, aber Guccis Verdienste waren wohl mehr als alles andere die des Role-Models, des Zentrums einer neuen Welle. Deswegen ist das Datum auch nicht so wichtig, obwohl seine Single "Icy" vielleicht als erste Wiederentdeckung von Autotune gelten kann. Exzentrische Tattoos im Gesicht und süchtig nach Codein und Gras, releast GuWop gefühlt im Wochentakt neue Mixtapes und erzählt vom Leben in der Trap. Ja, bei Outcast ist der Begriff "Trap" vorher auch schon gefallen und Rapper T.I. hat sein Album "Trap Muzik" bereits 2003 rausgehauen. Aber am Ende ist es Gucci, der das Leben in der Trap über die Grenzen Atlantas hinaus trägt und zum neuen thematischen Schauplatz der gesamten folgenden Generation werden lässt – auch, wenn er den richtig großen Sprung selbst erst etliche Jahre später schaffen wird.

>> Trap-Lexikon #3: Drogen

Lil Wayne (2008)

Lil Wayne. Das Gesicht einer Generation.

Ein paar Jahre später am Superstar-Firmament. Lil Wayne, zu dieser Zeit der wohl erfolgreichste Rapper der Welt, bringt seine Single "Lollipop" und – da wird ja gar nicht richtig gerappt. Ist das noch Hip-Hop? Weezy, der im Video mit E-Gitarre posiert und damit einen Vorgeschmack auf etliche Rapper nach ihm gibt, die sich selbst als Rockstars beschreiben werden, beantwortet die Frage selbst: Nein, mit dem bisherigen Hip-Hop hat das wenig zu tun, hier wird dem Mainstream eine neue Ära präsentiert.

Kanye West (2008)

Kanye West. Damals, als er noch unchristliche Songs performt hat. Vor seiner Neugeburt, sozusagen.

Nur wenige Monate später bringt Kanye West ein Album heraus, das ein bisschen da weiter macht, wo Lil Wayne aufgehört hat. Hier wird gesungen, was das Zeug hält und die ehemalige Software zur Tonkorrektur wird zum Genre bildenden Stilmittel emporgehoben. Autotune ist ein neuer Stil. Und ein weiterer neuer Hauptdarsteller betritt die Bühne: der Drumcomputer Roland TR-808, eigentlich ein Relikt. Wo auch immer Kanye den ausgegraben hat, die Wiederentdeckung der 808 ist ein Schlüsselmoment moderner Rapgeschichte. Wie schwer es infolge werden sollte, irgendeinen Rapsong zu finden, der ohne diesen ikonischen Basssound auskommt, wird Kanye nicht im Schlaf geahnt haben.

Kid Cudi (2009)

Kid Cudi, Urvater des Emo Trap.

Kid Cudi, der Urvater des Emo Trap, hat es nach seinem sensationellen Album "Man on the Moon: The End of Day" verpasst, an seine Pionierarbeit anzuschließen. Wie quasi keiner vor ihm hat Cudi seine innere, emotionale und vor allem unstabile Seite in Rap-Musik vertont. Kontrastprogramm zum bis dato traditionell männlich starren Rap, in dem neben Muskeln, Ketten und teuren Autos wenig Platz für Depressionen und andere mentale Laster war.

Waka Flocka Flame (2010)

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wer auch nur ein paar Sekunden in Wakas "Flockaveli" hört, der merkt sofort, dass es hier nicht mehr um chillige Dudes in Baggyhosen geht, die auf Konzerten mit den Armen auf und ab wippen. Rap ist jetzt Turn-up und Party, Rap ist Moshpits bilden und ausrasten – und damit zu Teilen näher am Heavy Metal als am Vibe der "guten, alten Schule". Lex Lugers Produktionen eröffnen ein komplett neues Schlachtfeld für 808s und Drums. Seine schnellen Hit-Hats machen im Anschluss Schule und sind heute Grund-Repertoire.

Future (2011)

Future: So krass auf Dröhnung, dass er aus Versehen ein neues Genre erfunden hat. Weird flex, but okay.

2011, die Geburtsstunde des Mumble Rap? Für viele ja. Future bringt mit "Tony Montana" eine Single raus, die er im Studio dermaßen bedröhnt recordet hat, dass er kaum mehr richtig sprechen konnte. Klang aber irgendwie dope, fanden er und seine Leute – und schließlich auch die Fans sowie ziemlich schnell etliche andere Rapper. Irgendwie ins Mikro reinnuscheln und sich anstelle sauberer Aussprache auf anderes konzentrieren: Flows, Vibe, Performance. Oder eben so auf Droge sein, dass sowieso nichts mehr geht. Mit Nuscheln als Stilmittel verschwindet langsam aber sicher auch ein anderer ehemaliger wichtiger Bestandteil von Rap: lyrischer Anspruch. Wenn man eh nichts versteht, ist auch egal, was man sagt. Und wenn man eh nicht mehr richtig sprechen kann, was bringen da die schönsten Texte? Und wer soll sich die bitte ausdenken, kurz vor dem Delirium? Ciao, Lyrics. War nett mich euch, aber die 2010er haben andere Pläne. Lean sippen und Autotune auf die Stimme, nicht nur beim Singen, auch beim Rappen. Hits machen und Vibes kreieren.

Migos (2013)

Die Migos, die Migos, die Migos, die Migos, die Migos, die Migos, die Migos.

"Versace, Versace, Versace, Versace (woah), Versace, Versace [...]" (Migos – "Versace"): Die Migos reduzieren sich aufs Wesentliche. Die Schneide zur Stumpfheit mag schmal sein, aber die Migos machen ihre repetitiven Texte und die immer gleichen triolischen Rhythmen zum Stil und Aushängeschild. Die Triole, der Flow der Zeit, bis heute. Natürlich haben die Migos diesen Rhythmus nicht erfunden und man findet ihn auch immer mal wieder in alten Songs der Three 6 Mafia. Aber mit so einer Konsequenz triolisch zu rappen, auf die Idee ist vor ihnen niemand gekommen. Ihre Art zu rappen lässt außerdem viel Platz für – Adlibs, Füllwörter für den Hintergrund. Was an sich seit jeher Teil des Raps ist, bekommt nun ein Spotlight, für das es bisher schlicht keinen Raum gab. Adlibs werden vom kaum wahrnehmbaren Nebendarsteller zur Kunstform.

Young Thug (2015)

Young Thug bei den Grammys 2019. Zwischenzeitlich änderte er seinen Namen zu "Sex", das wollte aber niemand wirklich sagen. Deshalb heißt er heute wieder Young Thug.

Wo soll man hier Young Thug bringen? Für 2015 spricht "Barter 6". Aber real rap: Thugger ist schon ewig im Game und stilistisch eigentlich der Anschluss an Lil Wayne. Das Weirdo-Role-Model machte seine Anfänge in Guccis Studios, hat sich mit seinem exzentrischen Stimmeinsatz zum Avantgardisten geformt und beeinflusste etliche Star-Rapper bei der Stilfindung. Und das seit Jahren. Ohne Thug kein Lil Baby, kein Gunna, kein Lil Keed. Trotz etlicher Hits fehlten aber bislang die ganz großen Zahlen. Eine Koryphäe unterm Radar sozusagen. Bis 2019. Da räumte er mit seinen Adlibs in Childish Gambinos "This is America" einen Grammy ab und gönnte sich mit seinem Album "So Much Fun" die lang ersehnte und längst überfällige eins in den Billboard-Charts. Für Drake das beste Album 2019.

Travis Scott (2015)

Travis Scott in einem seiner Sci-Fi-Bühnen-Gadgets. Seit Travis sind Vergnügungspark so Hiphop wie Knarren und Drogen dealen.

Ja, der kommt natürlich auch. Travis hat mit seiner synthetischen Stimmbearbeitung und dem düsteren und atmosphärischen Vibes einiges zum modernen Sounddesign beigetragen und par excellence vorgeführt, wohin uns Rap auf untypischen und Genre erweiternden Instrumentals führt. Neue Songstrukturen, ungewohnte Einarbeitung von Features, und dann dieser ungekannte Sound: Travis Scott macht keine Songs mehr, Travis erschafft Welten und sprengt bisherige Grenzen von Rap-Musik an allen Ecken und Kanten.

Lil Uzi (2016)

Lord Uzi startete durch, in dem er seine Musik kostenlos auf Soundcloud veröffentlichte. Weil deswegen lange das Gerücht umging, er besäße kein Geld, rappte er ein komplettes Album davon, dass er in Wahrheit sehr viel Geld besäße. Danke für die Klarstellung.

Uzi kommt entweder 2016 mit seinem Magnum Opus "Lil Uzi Vert vs. The World" oder ansonsten im März 2017 mit Release seines Hits "XO Tourlife 3", dem bis heute größten Emo-Trap-Song aller Zeiten. Lil Uzi steht ein bisschen in der Ecke von Travis, ein bisschen mehr Emo, ein bisschen mehr Pop, ein bisschen bunter in der Musik. Ein Weirdo mit großer Atmosphäre, mit einem Händchen für Melodien. Um diese Zeit wird klar, dass man als Rapper nicht mehr rappen muss. Singen geht auch, auf Albumlänge. Bei Uzi wird außerdem als erstes angedeutet, was wir nachher von Trippie Redd, Juice Wrld, XXXTentacion oder natürlich Lil Peep als Emo Trap Wellen schlagen soll. Hier könnte man auch Post Malone nennen, aber der "Whie Iverson"-Sänger war eigentlich sofort auf dem Pop-Kurs, um noch großartig im Rap-Game zu wirken und beeinflussen. Bei Uzi ist das anders.

Lil Pump, XXXTentacion, Smokepurpp, Skimask the Slumpgod (2017)

Lil Pump. Wenn man heute erzählt, wie genial und innovativ er mal war, wird man ausgelacht. War er aber, ungefähr ein Jahr lang.

Übersteuerte Bässe und noch reduziertere Texte – das ist die Soundcloud-Wave aus Miami. Weil der Sound wegen fehlendem Equipp eh kein Hochglanz werden konnte, machten X und Skimask einfach einen Stil draus und rappten auf komplett übersteuerten Bässen. Lil Pump hingegen, der vor seinem Major-Sign tatsächlich an der Avantgarde gerappt hat, reduzierte seine Flows und Texte auf ein bisher nicht gekanntes Maß an Minimalismus und lieferte in diesem Jahr Hit auf Hit. Songlängen von über drei Minuten gehören seitdem zur Vergangenheit. Hook, Strophe, Hook, feddich ist die Kiste. Eine Formel, die auch heutige Newcomer wie Comethazine benutzen.

Gunna (2019)

Gunna und seine beiden Hausproduzenten Turbo (links) und Wheezy (rechts). Der Thug-Zögling brüstet sich damit, das Wort "Drip" erfunden zu haben. Auf Social Media ist der Fashion-Liebhaber ein Meme, weil er sich überhaupt nicht anziehen kann, seine weirden Outfits aber für das Wahre hält.

Kleiner Zeitsprung in die Gegenwart zum aktuell einflussreichsten Rapper der Welt: Gunna. Egal, ob in Deutschland oder in den USA – gerade springt so ziemlich jeder auf den Gunna-Train, der kann. Der Thug-Zögling hat die Gitarre wieder chic gemacht und mit seinen melodischen Triolen-Flows alles vereint, was in den letzten zehn Jahren an Vorarbeit geleistet wurde. Gunnastrophen sind Hits, es ist, was es ist. Irgendwie ironisch, dass Gunna bislang eben das fehlte, wonach auch Thugger so lange suchen musste, obwohl er längst Stilikone war: das richtig große Album. "Drip Harder" mit Lil Baby ist ein Szene-Liebling, sein letztes Solo-Projekt "Drip or Drown 2" ein Projekt, das die Chart-Eins easy verdient hätte. Kam aber wohl ein bisschen vor dem Hype-Peak, den Gunna seitdem gebucht hat. Sein kommendes Album "Wunna" wird vielleicht auch in Zahlen spiegeln, was die Rap-Szene ohnehin schon weiß: Gunna ist der Mann der Stunde.

Playboi Carti (2020?)

Playboi Carti. Seine Lyrics sind mittlerweile dermaßen unverständlich, dass Fans seine Songtexte gerne in kryptischen Hieroglyphen in die Youtube-Kommentare schreiben.

Pure Spekulation zum Ende und damit alle Augen auf Playboi Carti und sein lang ersehntes Album "Whole Lotta Red". Ewig angeteast, ewig verschoben. Etliche Songs wurden bereits geleakt und machten sich zu viralen Geheimtipps. Keinen einzigen Solosong, bloß eine Handvoll Features gab es von Carti 2019, alle waren genial und bahnbrechend: Der Typ, der seit 2017 das Adlibs-Game revolutioniert, rappt heute wie ein Baby, teils in Kopfstimme, und klingt wie aus einer anderen Welt. Wie viel Impact er damit haben wir, sei mal in den Raum gestellt. Dafür, dass es der neue heiße Scheiß ist, auf den alle immer hinfiebern, stehen die Chancen günstig.

>> Trap-Lexikon #1: Adlis

Quelle: Noizz.de