Neuer Dream-Pop at it's best.

Bei The Japanese House war man sich bei den musikalischen Anfängen nicht so sicher: Ein Name, der dahinter eine ganz Band vermuten lässt, eine Stimme, die sowohl androgyn weiblich als auch sanft männlich sein könnte und irgendwo im Hintergrund George Daniel, der Drummer von The 1975.

Begeisterte Fans und Verschwörungstheoretiker dachten schon, es handele sich um ein Side-Project der erfolgreichen Brit-Awards-Abräumer. Alles Quatsch: The Japanese House ist der Name des Solo-Projekts von Amber Bain. Die 24-jährige Britin schreibt und produziert ihre Songs selbst, erwähnter 1975-Drummer geht ihr dabei zur Hand. So wurden schon die ersten vier EPs gemacht und so hat auch das heiß ersehnte Debüt Good At Falling den Weg ins Leben gefunden.

Kurt Cobain ist ein Mädchen

Bain mag es, mit Geschlechter-Klischees zu spielen. Deshalb hat sie zu Anfang ihres musikalischen Weges auch nicht sofort aufgelöst, wer sich denn nun hinter The Japanese House verbirgt. Der Name geht auf Schauspielerin Kate Winslets und Bains eigene Kindheit zurück: Winslets Anwesen im britischen Cornwall wurde als Hotel geführt und war im japanischen Stil eingerichtet. Als Bain dort mit ihren Eltern einen Urlaub verbrachte, stellte sie sich als Junge mit dem Namen Danny vor. Sie beschreibt diese Erfahrung als wichtig für die eigene Entwicklung.

Geht auch gut: gedankenverloren zur Seite schauen. Foto: Jonas Gödde / Noizz.de

Dass ihre Stimme mitunter auch die eines Mannes sein könnte, macht sie kurz nachdenklich. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es das gibt: männlich oder weiblich klingen. Ich finde es jedenfalls unwichtig.“ Bain sitzt in gemütlicher Strickjacke und Weinglas vor uns. Man wundert sich tatsächlich ein wenig, dass aus diesem zierlichen Mädchen mit den feinen Gesichtszügen eine derart tiefe Stimme kommt. Ihre blonden, glatten Haare lassen sie wie einen sehr jungen, hübscheren (und heroinfreien) Kurt Cobain erscheinen. „Ja, das höre ich öfter,“ sie grinst schelmisch.

Verträumter Herzschmerz

Amber Bain macht Musik, die ein bisschen klingt, als hätte man Dance-Pop einen ordentlichen Baldriantee verabreicht: Sehnsüchtige Lyrics, ein bisschen Elektronic, weich-wabernde Synthies. Halt ein bisschen wie The 1975, Lany, The Pale Waves oder all die anderen Bands, die derzeit eine emotionale Neuauflage der Lila-Glitzer-verspühenden 80s vollführen. Gleichzeitig klingt Bain aber auch weit weniger dramatisch als vergleichbare Acts. Bains Debüt-Album handelt von Trennungen, von zu wenig Sex in Beziehungen, von Bodenlosigkeit und am Ende vom Suchen nach sich selbst, so heißt es in Maybe You're The Reason „I found myself, I am someone else.“

„Ich reflektiere wahnsinnig viel. Meine Songs handeln immer von mir. Ich breite sozusagen mein ganzes Innenleben aus“, erklärt Bain. Und das macht sie wahnsinnig intensiv und ohne Rücksicht auf Verluste. Im Video zu Lilo etwa spielt die Ex-Freundin mit, um die es passenderweise auch in dem Song selbst geht. Im Clip wird sozusagen die Trennung verarbeitet, teilweise mit dem Pärchen in glücklichen Posen oder knutschend unter der Dusche. „Trennungen sind immer schmerzhaft. Ich habe das Glück, dass ich sie künstlerisch verarbeiten kann.“ Ob sie glaube, dass sie Emotionen besser kanalisieren und thematisieren kann, weil sie die Möglichkeit hat, Songs darüber zu schreiben.

Ich glaube, ich achte definitiv anders auf mein Innenleben. Es ist nicht besser oder schlechter. Aber ich bin verdammt froh, dass ich mich durch die Musik mit den Dingen auseinandersetzen kann.

Einfach mal loslassen

Neben dem grandiosen Songwriting ist die Musikerin auch noch besonders gut im Loslassen, wie sie selbst betont. Deshalb auch der Name des Albums Good At Falling. „Ich nehme alles an und lasse mich hineinfallen. Dann schaue ich, was passiert“, erklärt sie. Hat ja bisher super geklappt die Taktik: The Japanese House war mit The 1975 auf Tour, alle warten auf das Debüt, das am 1. März erscheint und auch sonst kann sie sich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beschweren.

Das Konzert in der Berliner Berghain-Kantine ist jedenfalls sehr gut besucht und das Publikum begeistert. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass Bain mit derselben Strickjacke auf die Bühne geht, mit der sie im Interview saß und dennoch die Coolness in Person ist. Sie kreiert einen absorbierenden Sound, der einen davonträgt und kurz alles vergessen lässt. Und wie man da so steht in der schwitzenden Menge und Bain zuhört, wie sie darüber singt, dass alles abhandenkommt, merkt man: Das Mädchen scheint so gut im Fallen zu sein, dass sie alle Mithörenden sanft und wunderschön verführt, ebenfalls loszulassen. Mal schauen, was passiert.

Vor dem Spiegel und Chipstüten: Amber Bain. Foto: Jonas Gödde / Noizz.de

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Quelle: Noizz.de