Wie viele andere Kunstformen, gäbe es ohne Schwarze Künstler*innen keinen Techno. Viele wissen das nicht – und das ist Teil des Rassismus-Problems. Eine kleine Geschichtsstunde für Raver.

Ich weiß, David Guetta ist nicht gerade das beliebteste Aushängeschild der Techno-Szene, aber er gehört zu den Vertreter*innen, die die breite Masse mit elektronischer Musik in Verbindung bringt. Es hat daher eine ganz besondere Komik, dass genau dieser Typ, die "weißeste Antwort auf Rassismus" liefert. Denn von Techno über EDM bis Jungle gibt es ein großes Problem: Die Schwarzen Wurzeln der Musik werden nicht wertgeschätzt. Tatsächlich sind sie den meisten nicht einmal bekannt.

Wenn David Guetta nach einem rassistischen Mord einen "Shoutout gibt"

In einem aktuellen Video hört man Guetta sagen, er habe gestern einen besonderen Track zu Ehren von George Floyd produziert. "Ich hoffe wirklich, dass wir mehr Einigkeit und mehr Frieden sehen können, wenn die Dinge schon so schwierig sind", sagt er und dann legt er los: Über einen Track mit Martin Luther King "I Have a Dream"-Sample schreit Guetta ein "Shoutout an [Floyds] Familie" und lässt den Beat droppen.

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Man hat das leise Gefühl, er hat die Sache noch nicht richtig verstanden und dient für diesen Artikel daher als perfekter Aufhänger dafür, welche Diskrepanz zwischen dem Schwarzen Ursprung von Techno und dessen heutiger Mainstream-Wahrnehmung sowie den im Mainstream führenden Künstler*innen (weiße Cis-Männer) liegt.

Es folgt deshalb eine kleine Einführung in die Geschichte, der Tracks auf denen du beim letzten Rave auf Teilen durch den Club gerollt bist.

Techno-Gott Juan Atkins (1991)

Techno ist Schwarz und kommt aus Detroit

Die Geburtsstätte des Techno ist Detroit, eine Stadt im Südosten des US-Bundesstaates Michigan. Als Gründerväter oder "Heilige Dreifaltigkeit des Techno" kennt man Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May, aka "The Belleville Three". Die drei Schwarzen Männer wachsen gemeinsam auf und machen Beats, entwickeln sich zu professionellen Produzenten, gründen ihr eigenes Label "Metroplex" und definieren so in den 1980ern eine neue Underground-Szene in Detroit. Wenig später wird Detroit Techno auch im Ausland zu einer der beliebtesten Musikformen – und damit haben die "The Belleville Three", allen voran Juan Atkins, den Grundstein für die Techno-Tracks auf deinem letzten Rave gelegt.

Der Name "Techno" stammt übrigens von diesem Track von Juan Atkins:

Die Musik mit der "The Belleville Three" in den 1980er-Jahren die Detroiter Szene definieren, ist eine Mischung aus Funk, Jazz, Soul, Chicago House, New York Disco, deutschem Synth-Pop (Kraftwerk!), Italio-Disco und Motown.

Techno-Gott Kevin Saunderson

Viele der ersten Techno-Partys fanden übrigens in Underground-Schwulenclubs statt. Techno ist also nicht nur Schwarz, sondern auch queer.

Deine Lieblingsmusik existiert wegen Schwarzen Menschen

Die US-amerikanische Journalistin Jenzia Burgos fasste es in ihrem Instagram-Post wunderbar zusammen: "Wenn du die Geschichte Schwarzer Künstler*innen hinter deiner Lieblingsmusik nicht kennst, dann kennst du deine Lieblingsmusik gar nicht wirklich."

𝙄𝙛 𝙮𝙤𝙪 𝙙𝙤𝙣'𝙩 𝙠𝙣𝙤𝙬 𝙩𝙝𝙚 𝙝𝙞𝙨𝙩𝙤𝙧𝙮 𝙤𝙛 𝘽𝙡𝙖𝙘𝙠 𝙖𝙧𝙩𝙞𝙨𝙩𝙨 𝙗𝙚𝙝𝙞𝙣𝙙 𝙮𝙤𝙪𝙧 𝙛𝙖𝙫𝙤𝙧𝙞𝙩𝙚 𝙢𝙪𝙨𝙞𝙘, 𝙮𝙤𝙪 𝙙𝙤𝙣'𝙩 𝙧𝙚𝙖𝙡𝙡𝙮 𝙠𝙣𝙤𝙬 𝙮𝙤𝙪𝙧 𝙛𝙖𝙫𝙤𝙧𝙞𝙩𝙚 𝙢𝙪𝙨𝙞𝙘.⁣⁣⁣ ⁣⁣⁣ File this under ⤵⁣⁣⁣ How we can honor Blackness and confront racism in our everyday hobbies, interests, and creative pursuits.⁣ ⁣ Something my work as a music journalist has taught me is to always ask questions about the music I’m consuming, rather than being an idle listener. Those questions can look like these and more:⁣ ⁣ ⇁ What’s the story behind this music?⁣ ⇁ What’s the artist’s identity? How does that inform their music?⁣ ⇁ What might this music mean to its intended audience?⁣ ⇁ What does it mean to me? If it means something else, why’s that?⁣ ⁣ These questions almost always unravel conversations about race (and class, gender, sexuality, religion, and nation). I know many might avoid asking these questions for fear of “complicating” their experience with music. Instead you might focus on things like instrumentation, craft, production, danceability, etc. But as someone who loves music as their Literal Job, I’m here to share why that alone is not enough. ⁣ ⁣ This hands-off approach completely fails to acknowledge the WORK that Black artists put into an industry we all consume on the daily—one that still fails to credit, support, and protect them fairly to this day. It’s where we get appropriative, revisionist, and racist ways of dealing with music. Your willful ignorance is exactly what music corporations want. They *want* to be able to easily categorize (a.k.a. segregate) Black artists into monolithic genres—i.e. “urban.” They don’t want you to know that American music is Black music, period.⁣ ⁣ Please also consider this as applicable to any art or entertainment we consume—be it film, dance, fashion, or beauty. If you admire and/or work within any of these fields and haven’t learned about the Black people who built these industries, I urge you to begin now. That’s even if you think you already ride for Black artists just by watching or listening to them—you must also work to support a culture that protects them.⁣⁣ #amplifymelanatedvoices #blacklivesmatter

Viele wollen sich mit der Frage nach der Bedeutung von Musik im Sinne von race, Klassen, Gender, Sexualität, Religion und Nation nicht auseinandersetzen, schreibt Burgos – aber "dieser 'hands-off'-Ansatz verkennt völlig die Arbeit, die Schwarze Künstler*innen in eine Industrie gesteckt haben, die wir alle täglich konsumieren – eine Industrie, die es bis heute versäumt, [Schwarze Menschen] fair anzuerkennen, zu unterstützen und zu schützen."

"Amerikanische Musik ist Schwarze Musik"

"Vorsätzliche Ignoranz ist genau das, was die Musikkonzerne wollen. Sie wollen in der Lage sein, Schwarze Künstler*innen leicht in monolithische Genres zu kategorisieren (aka zu segregieren) – siehe "urban". Sie wollen nicht, dass du weißt, dass amerikanische Musik Schwarze Musik ist. Period", so die Journalistin. (Den Mic-drop musst du dir dazu denken.)

Das gilt übrigens nicht nur für Musik: Deine liebsten Filme, Mode, Kunst, Hobbys und sonstigen Interessen haben nicht selten ihren Ursprung in Schwarzer Kultur. Sich damit auseinanderzusetzen, woher die Dinge, die man liebt, eigentlich kommen, schließt deshalb nicht nur Wissenslücken, sondern hilft auch dabei, Schwarzer Kultur und Schwarzen Künstler*innen die Stellung und Wertschätzung zu geben, die ihnen gebührt.

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Quelle: Noizz.de