Ihre Platte "Lover" ist so glattpoliert, dass man sie fast mögen MUSS.

Desto länger manche Popkünstler im Pop-Business als Popstars Pop produzieren, desto mehr scheinen sie auch selbst zu Pop zu werden. Das ist in diesem Fall kein Kompliment. Da wäre zum Beispiel Katy Perry, die mit ihrem Debüt "One Of The Boys" das "girl next door" gab und mit sympathischen und frechen Songtexten zu begeistern wusste. Es folgte "Teenage Dream", ein aufwendiges, sehr lebendiges und kreatives Popalbum. Danach fiel Perry dem Erfolg, den überproduzierten Songs und dem Pop-Allerlei zum Opfer.

Perry ist nun auch im letzten Musikvideo von Taylor Swift zu sehen. Eine Art Friedensangebot, nachdem die Sängerinnen sich über die Jahre mehr oder weniger bekriegten. Perry soll zuerst Tänzer bei Swift für ihre Tour geklaut haben, es folgten Songs wie "Bad Blood", "Swish Swish" und eindeutige Tweets. Ergo: Bitchfight!

Nun kam es endlich zur großen Versöhnung. Und wie sollte es anders sein, sie fand medienwirksam statt: In Swifts neuem Musikvideo zur Single "You Need To Calm Down" kuscheln die Sängerinnen ganz versöhnlich, Perry als Burger verkleidet und Swift als Portion Fritten. Die Botschaft: Was auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirkt, gehört trotzdem zusammen. Damit liefert Swift nicht nur Schlagzeilen und Promo für ihr Album "Lover", das am Freitag erschienen ist, ab, nein, mit dem Song setzt sie auch ein politisches Statement: Sie möchte für Inklusion stehen, setzt sich für LGBTQ*-Rechte ein und bringt gleich viele Stars der Szene, wie Ellen Degeneres und RuPaul, in ihrem Musikvideo unter. Klingt nach einer reinen Marketingstrategie – und im Fall von Taylor Swift kann man davon auch sehr sicher ausgehen.

Kommen wir nun zu "Lover", Swifts neuer Platte.

Mit dem Vorgängeralbum "reputation" brachte die Amerikanerin 2017 eines der meist diskutierten Alben auf den Markt, das vor allem durch smarte Texte, starke Melodien und seine versteckten Botschaften zu begeistern wusste. Es schien, als würde Taylor Swift am hellsten strahlen, wenn sie wütend ist. "reputation" war Swifts Abrechnung mit den Medien, mit anderen Stars (Kim und Kanye West) und der Liebe.

Zwei Jahre später macht die 29-Jährige jedoch genau dort weiter, wo sie mit "1989", ihrem Album von 2014, aufgehört hatte: Seichter Pop über toxische Beziehungen, der niemandem wehtun möchte – allerdings auch so austauschbar ist, dass er nicht nennenswert auffällt. Bereits die erste Single "ME!" haben wir bei "NOIZZ", milde gesagt, für nicht gut befunden. Der Song klingt, als hätte Swifts Produzenten-Team drei Flaschen Weichspüler über das "reputation"-Image gekippt, alle Ecken und Kanten wegretuschiert, Schwarz mit Pink ausgetauscht – und rausgekommen ist etwas, das sehr klebrig und unangenehm ist: "ME!" von Taylor Swift.

>> Shirin, warum gibst du dich für Flers homophoben Steinzeit-Rap her?

Gut, dass nicht das ganze "Lover"-Album nach dem Vorbild der ersten Auskopplung kommt. Stücke wie "Lover" und "The Archer" zeigen Swifts Stärken, die seichten Country-Anleihen, ihre Verträumtheit und ihre Verletzlichkeit. Auf der anderen Seite stehen dann allerdings wieder Stücke wie "I Forgot That You Existed", "London Boy" und "Paper Rings", die zwar hervorragend produziert sind, so oder so ähnlich nur leider schon von anderen Künstlern zu hören waren. "Paper Rings" hätte zum Beispiel perfekt auf Keshas "Rainbow"-Album von 2017 gepasst. Durch ihre Überproduktion verlieren Swifts Stücke an Dynamik und somit auch an Gefühl. Die Stärken der Sängerin, die Texte und das Erzählen von Geschichten, gehen in den Songs unter und werden damit austauschbar.

Taylor Swift gehört zu den größten Popstars, die unser Planet beherbergt und nach all den Schlagzeilen um ihre Person ist es nur allzu verständlich, dass sie Musik machen möchte, die ihr ein gutes Gefühl gibt. Alles ist schön, alles ist süß. Nichts eckt an. Was Swift produziert, sieht nach Zuckerwatte aus und riecht sicher auch so – es geht nur nicht besonders tief. Das erwartet man von Popkünstlern wie Britney Spears aber auch nicht.

>> #Raptags: Alle Updates zum Rap-Wettbewerb von Chapter ONE

Und dann ist da eben noch der Song "Soon You'll Get Better", auf dem Swift über die Krebserkrankung ihrer Mutter singt. In diesen 3,21 Minuten kommt man der Sängerin ungewohnt nah. Vielleicht reicht das an Nähe, die Swift auf diesem Album zulassen möchte. Als wolle sie sagen: "Das hier, das ist mein Herz, das bekommt ihr für ein paar Minuten. Das reicht aber auch an Schwere. Ich möchte nicht mehr schwer sein."

Das Beste, was man mit "Lover" tun kann: Die gute Laune nehmen, die Perlen genießen, die Erwartungen runterschrauben und "You Need To Calm Down" zum Mantra machen.

Anspieltipps: "Cornelia Street", "I Think He Knows", "Soon You'll Get Better", "False God".

Quelle: NOIZZ-Redaktion