In der estländischen Hauptstadt findet jährlich die Tallinn Music Week statt.

Tallinn ist, drücken wir es mal vorsichtig aus, nicht unbedingt das Herz Europas. Es ist nicht ganz slawisch und nicht so richtig skandinavisch und deshalb immer ein bisschen dazwischen. Die diesjährige 11. Ausgabe der Tallinn Music Week vom 25 bis 31. März 2019 hat nun aber eindrucksvoll bewiesen, dass die Stadt sehr gute Chancen hat, bald zum Ohr Europas aufzusteigen.

Mit über 170 KünstlerInnen und Bands aus über 30 Genres, 21 Showcases aus 21 Ländern (vorzugsweise aus Skandinavien und Osteuropa) und zahlreichen Pannels und Diskussionen findet eines der interessantesten Showcase-Festivals tatsächlich in Tallinn statt – who would have thought?!

Durch unzählige Kunstausstellungen, Kochabende, Workshops und Stadttouren wird das komplette Festival irgendwie zu einer ganz geilen Dauerwerbesendung für eine junge, kreative Stadt, die bisher von Stiefmutter Europa eher als Underdog verstanden wurde. Glanz, Gloria und fragliche Mega-Headliner, für die man stundenlang anstehen muss, gibt es nicht. Dafür wirklich sorgfältig ausgewählte Newcomer aus allen erdenklichen Genres in intimen Showcases – quasi zum Anfassen also. Zum hinterher Anquatschen und gemütlich ein Bier mit ihnen Trinken.

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Wo wir beim Thema gemütliches Biertrinken sind: Das gab es auch beim kanadischen Abend! Folk-/Rockband Hello Delaware kamen ein bisschen zu spät, die Rede des kanadischen Botschafters kam betrunken und mit piepsiger Stimme (an dieser Stelle: Shoutout an ihn, dass er trotzdem auf die Bühne gegangen ist und ihm keiner das Mikro weggenommen hat), und Singer-/Songwriter Nick Faye kam ohne seine Band. Völlig egal –ihnen allen wurde sowieso ziemlich schnell der Rang von der bezaubernden Megan Nash abgelaufen: Die noch relativ unbekannte Folk-Künstlerin überzeugte mit einer kristallklaren Stimme und einer Live-Erscheinung, die ihresgleichen sucht. Absolute Hörempfehlung!

Auch im Electro-Pop gibt es News: Die Isländerin ROKKY ist gekommen, um zu bleiben. Nach ziemlich erfolgreicher, aber dennoch lahmer Debütsingle "My Lips" (die auch prompt von Esprit für Klamotten aufgekauft wurde, von wem denn sonst) überzeugt sie mit etwas, das vorher nicht zu erwarten war: Zartheit, Persönlichkeit und Verletzlichkeit geben in ihren weiteren Songs Preis, dass ihre Wurzeln im Singer/Songwriter-Akustik liegen. Und, dass genau dies ihr Vorteil im oft seelenlosen "Irgendwas-mit-Electro" ist. Vielleicht baut sie diesen so aus, dass es auch bald zum Vergleich mit Größen wie Sia oder Robyn reicht.

Mit derben Flows und irgendwo zwischen Borscht, billig Eistee-Vodka und Semitschki krempelt Alyona Alyona mal eben das Hip-Hop-Game um. Die gebürtige Ukrainerin war eigentlich mal Kindergärtnerin. Vorstellbar, dass zahlreiche quengelnde Kinder sie einst ihre "Fuck you all"-Attitüde lehrten, die sie jetzt auf der Bühne ausmacht. Nach ihrem Übererfolg der viral gegangenen Single "Fishes" gab es dann so einen heftigen Fanansturm nach dem Auftritt, dass die Security einige Mühe hatte, die Dame zurück in den Backstage zu bekommen.

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Ans Herz gelegt werden muss auch das 19-jährige Rap-Talent MAZ. Der Belgier vermischt Melodie und Lyrik, macht sich über Sexismus und Größenwahn seiner Hip-Hop-Mitstreiter lustig, riss mit seiner neuen Single "Next Level" ziemlich ab und ist insgesamt ganz schön großartig.

Neben diesen musikalischen Höhepunkten, ist das Bemerkenswerteste aber wohl die Symbiose an diversen Besucher, die sich bei den Showcases aufs Weirdeste vermischen: Vom klapprigen Kunststudenten der Tallinn Art Academy, der hier nur mal eben die Lichtinstallation aufbauen will, bis zum alteingesessen "meine Kinder spielen mit Dave Grohls Kids Fangen"-Tourmanager-Daddy, dem der Alkohol tiefe Falten unter die Augen gezeichnet hat, und der zum Socializen hier ist. All diese Menschen treffen sich bei Schnaps, weißen Adidas Tennissocken und fraglichen Brillengestellen, um den Aufschwung und den Austausch Tallinns zu feiern – Kunst, Kultur und Foodtrucks (ich wurde von mehreren Einheimischen darauf verwiesen, dass Foodtrucks momentan der letzte Schrei in Tallinn sind, und ich das doch bitte in diesem Artikel erwähnen soll, verdammt nochmal!) weit weg von den Metropolen Europas, deren urbaner Hipsterscheiß hier sowieso fehl am Platz wäre.

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Zusammengefasst lässt sich also sagen: Das bis vor wenige Jahrzehnte kommunistisch gepolte Tallinn feiert auf der Music Week erst einmal sich selbst. Bei diesem Line-Up an bald relevanten Künstlern, dieser Herzlichkeit und dieser Leidenschaft haben wir aber absolut Grund, einfach mal den nächsten Wodka zu schnappen und mitzufeiern. Viel Platz, viele Ideen, viel Bock auf neu und anders. Ein bisschen ausgehungert, ein bisschen übermotiviert, dafür aber viel Herz – das ist einfach ne freshe Kombi.

Quelle: Noizz.de