Ist das das Ende von CD, Vinyl und Co.?

Für mich als Musiknerd ist es eine unendliche Schatz- und Wühlkiste: Streaming-Dienste wie Spotify, Deezer, Apple Music oder Tidal. Alleine Spotify hat über 30 Millionen Titel im Angebot. Ich finde dort alles, was ich will: neue Alben von The XX, Ed Sheeran oder auch Klassiker von The Smiths oder Nirvana. Außer ich will Taylor Swift hören, dann muss ich zu Apple Music. Aber dazu komme ich später.

Jetzt ist etwas Ungeheuerliches in den USA passiert. Erstmals hat Streaming den Großteil der Musikerlöse im Jahr 2016 ausgemacht. Mit 51,4 Prozent machen laut der US-Branchenorganisation RIAA die Streamingdienste sogar mehr als die Hälfte aller Erlöse aus.

Eine gute Nachricht für die angeschlagene Musikindustrie: Endlich wieder etwas, mit dem sich Geld verdienen lässt. Die gesamte Branche konnte sogar ein Plus von 11,4 Prozent einheimsen und landete auf 7,7 Milliarden Dollar. Nach der Krise der Branche mit Aufkommen der digitalen Formate fast ein kleines Wunder.

Nur so zum Vergleich: physische Tonträger, also unsere heißgeliebte CD, Blue-Rays, Vinyl usw. machen nur noch um die 20 Prozent des Gesamtgeschäfts aus. Kaum ein US-Musikliebhaber will noch etwas in der Hand halten und Booklets durchblättern.

Hierzulande sind wir von solchen Zuständen noch etwas entfernt. Laut dpa ist bei uns noch immer die CD der Umsatzbringer mit etwas mehr als 53 Prozent. Das ist in etwa der Anteil, den das Musikstreaming in den USA hat. Streaming macht bei uns etwa ein Viertel der deutschen Musikindustrie aus. Faszinierend wie unterschiedlich Hörgewohnheiten sein können.

Aber profitieren alle gleichermaßen davon?

Diese Frage ist eine unendliche Geschichte und es scheint fast so, als wisse kaum einer, was wirklich abgeht. Zeit, Licht ins Dunkle zu bringen!

Das bekannteste Beispiel in Sachen Streaming und Geldverteilung ist Taylor Swift. Die hat sich ja bekanntlich geweigert, ihre Alben Spotify zur Verfügung zu stellen. Begründung: Es wäre einfach unfair, dass sie von den Millionen Plays beim schwedischen Streamingdienst so gut wie nichts finanziell abbekomme.

Auch bei Apple Music wollte sie aus gleichen Gründen zuerst nicht gelistet werden. Apple besserte nach, aber keiner weiß genau, wie hoch das Angebot wirklich ausgefallen ist. Jetzt ist das die einzige Streaming-Plattform, die Taylor Swift im Angebot hat.

Was zeigt uns das?

Anscheinend bekommen die Künstler selbst nicht so viel vom Kuchen ab. Für die Labels ist der Deal mit den Plattformen aber ganz okay. Spotify, noch immer der meistgenutzte Streamingdienst weltweit, schüttet 70 Prozent seiner Abo- & Werbeeinnahmen an die Plattenfirmen aus. Wieviel davon widerrum bei den Künstlern landet, hängt von deren Verträgen beim Label ab.

Also sind an der Misere der Künstler nicht die Streamingdienste, sondern die jeweiligen Deals mit dem Labeln schuld.

Die meisten Labels schütten den Künstlern aber auch mehr aus, wenn sie häufiger gestreamt werden. Deshalb sollten die US-Branchenzahlen Künstler wie Taylor Swift, Rihanna und Co. positiv stimmen. Immerhin wird mehr als die Hälfte der Milliarden Umsätze im Streamingbereich gemacht.

Ob sich in Deutschland Ähnliches entwickeln wird?

Wohl eher schleichend. So ganz vertrauen wir Kartoffeln den Streamingangeboten noch nicht, auch wenn es Spotify hier seit März 2012 gibt. Außerdem herrscht bei uns eine gewisse Spar-Mentalität. Wir haben Bock auf Kostenloses, wie etwa das gratis Spotify mit Werbung.

Eine Studie der deutschen Wissenschaftler Nils Wlömert und Dominik Papies von der Universität Tübingen hat 2015 herausgefunden, dass Menschen, die Spotify oder andere Streamingdienste nutzen, tendenziell viel weniger Geld für Musik ausgeben. Und zwar so viel weniger, dass auch die Werbeeinnahmen von Spotify das nicht ausgleichen – zumindest in Deutschland.

Das Ziel der Streamingangebote ist es daher, mehr Abonnenten für ihre Premiumangebote zu gewinnen oder aber gleich, wie Tidal oder Apple Music, nur gegen Bezahlung nach einer kostenlosen Probephase die Songvielfalt anzubieten.

So munkelt man etwa bei Spotify, dass noch in diesem Jahr die aktuellen Neuerscheinungen nur noch für Premiumkunden abspielbar sind. Ein Anreiz für Gratsinutzer auf das Bezahlmodell umzusteigen. Aber auch eingeschränkte Funktionen in den Appversionen der Streamingdienste ist ein Weg hin zu amerikanischen Verhältnissen.

Die Musikindustrie scheint nach einem Jahrzehnt bodenloser Umsatzeinbußen endlich einen Goldenen Gral gefunden zu haben. Zu welchem Preis für uns, und auch für die Künstler, werden wir bald sehen.

Quelle: Noizz.de