Inklusive geheimer Geheimtipps.

Wir befinden uns im Jahr 2019, Hip-Hop ist in der Mitte der Gesellschaft und seinem wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkt angekommen. Das alljährliche Splash ist weniger ein Musikfestival und mehr eine Pilgerreise für alle Realkeeper unter 40.

Hier kommt sie mal wieder zusammen, die Hip-Hop-Community. Von den 187-Fuckboys mit den nachgemachten Yeezys an den Füßen, über die Shirin-David-Bauchfrei-Hotpants-Mädels, bis hin zu den Bodybuilder-Lümmeln von der letzten Hantelbank sind alle dabei.

Doch genug der Vorurteile!

Dieses Jahr soll und will ich mich endlich zum ersten Mal ins Getümmel stürzen. Kurz bevor ich auf den Ticket-Kaufen-Button klicke, überfallen mich jedoch tiefe Selbstzweifel: Ich bin zu alt für Ufos Dr.-Sommer-Sex-Beschreibungen, finde Eistee-Vodka und Russenhocke zu schäbig, um mich guten Gewissens zu den Bratans da draußen stellen zu können, bin zu wenig Pop für die "Alles endet, aber nie die Musik"-Fraktion und war die Erste, die beim Red Bull Culture Clash Battle alle ausgelacht hat, als die Jugglerz aufs Maul bekommen haben.

Man könnte sagen, ich bin kein Realkeeper. Also bloß nicht als Judas in diesem Haifischbecken auffallen und der sozialen Kreuzigung noch mal von der Schippe springen, kommt es mir in den Sinn. Panisch bitte ich meinen guten Freund, Hip-Hop-Journalist und Splash-Gänger Niklas per WhatsApp um ein paar Insiderinfos (damit kann man den Pöbel normalerweise immer blenden): "Sorry, von mir gibt’s keine Geheimtipps. Wenn es erstmal im Netz steht, kann ich es ja selbst nicht mehr machen."

Cool, danke für nichts.

Nicht mal hinter einer vernünftigen Tarnung kann ich mich verstecken: Mein Kreislauf ist ein Hurensohn und macht Party auf meinem Grab (das ist wohl das einzige, bei dem K.I.Z. und ich uns mal einig sind), das heißt Caps sind aufgrund der Hitze auf meinem Kopf schon mal raus. Weiße Sneaker will ich ungern der Staubwüste Ferropolis aussetzen und meine übergroßen T-Shirts aus Papas Kleiderschrank sind beim letzten Waschen eingelaufen.

Auch die Drogenpolitik macht mir zu schaffen: Ich meine, es ist ja nicht so, als ob bei mir nicht mehr als meine Halsschlagader im Berliner Straßenverkehr poppen würde: Rote Pillen, grüne Pillen, auch mal ‘ne Aspirin … aber Hustensaft? Ich weiß nicht so genau. Vielleicht noch der mit dem gelb-rosafarbenen Etikett, den mir meine Mama immer als Himbeersaft verkauft hat, aber sonst …

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Es ist hoffnungslos, bis ich das Line-up sehe. Dann weiß ich, der ganze Quatsch lohnt sich, es gibt gute Musik: 

1. Brockhampton

Bisschen Boygroup-Deluxe-Feling: Das us-amerikanische Hip-Hop-Kollektiv Brockhampton setzt seine Visionen vielseitig um: Zu dem 14-köpfigen Team gehören Produzenten, Grafik-, Rap- und Effektkünstler. Dass somit immer ganze Visionen umgesetzt werden können, merkt man spätestens an der Qualität der Musik: Irgendwo zwischen Pop-Rap und R’n’B, genauso cute wie One Direction und immer vom Allerfeinsten.

2. Cassie Rytz

Wie kann man eigentlich mit 18 schon so heftig sein? Innerhalb der letzten zwei Jahre rappte sich die Londonerin ihren Weg von Instagram-Freestyles zu den großen Radiosendern Londons wie Rinse FM. In ihrer Musik lassen sich die Stile raushören, mit denen sie aufgewachsen ist: Dancehall, Afroswing und Grime. Spannende Mischung und perfekt um sich richtig schön in der Sonne zu entspannen.

3. Erotic Toy Records

Ähm, hier, aufpassen, Geheimtipp. Komisches Hip-Hop-Kollektiv straight outta … Bremen. Irgendwo zwischen Parodie und Realness, zwischen Popmelodien, R’n’B und Rap ist ihre Musik so subversiv, dass sich viele Hip-Hop-Fans davon angegriffen fühlen. Der Vorwurf: Die Musik sei zu ironisch. Dabei zeigen diese Jungs eigentlich nur die Grenzen eines Genres auf, dass sich viel zu oft selbst welche setzt. Hier wird es mal neu gedacht. Richtig und wichtig.

 4. Saweetie

Voller Referenzen auf 90er- und 00er-Jahre Hip-Hop macht die Rapperin Saweetie einen vielversprechenden Eindruck. Nachdem "ICY GRL" schon 2017 so ein viraler Überhit war, ist es spätestens jetzt an der Zeit herauszufinden, was die Amerikanerin live so kann. In erster Linie ist Diamonté Harper, wie Saweetie eigentlich heißt, ein richtiger Boss, der sich durch das immer noch hart männerdominierte Rapbusiness kämpft und weiß, was sie will. Word.

5. Sheck Wes

Wenn sich fucking Kanye West UND Travis Scott darum streiten, mit wem du gemeinsame Sache machst, dann weißt du: Du hast es geschafft. Im Hip-Hop-Game, aber auch so ziemlich im Rest deines Lebens. Der Sound des New-Yorker hat Härte, die seinesgleichen sucht: Bedrohliche Basslines treffen auf aggressiven und energiegeladenen Rap. Mein Hirn möchte dazu nur sagen: ballert.

Zum Ende dieses Artikels erscheint Niklas Name doch nochmal auf meinem Handy. Einen Geheimtipp haut er nochmal raus: "Yo, kannste ruhig reinschreiben: Immer schön auf dem Festival-Gelände kacken gehen. Da gibt es festinstallierte Toiletten und die kosten im Gegensatz zum Campingplatz gar nichts."

Ähm, ja, ok Niklas, vielen Dank …

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Quelle: Noizz.de