Die Videos wurden auf Pornoseiten hochgeladen.

Das Reportageformat "STRG_F" von Funk hat am 7. Januar eine Dokumentation hochgeladen: "Spannervideos: Wer filmt Frauen auf Toiletten?" In der Reportage kann man Reporterin Patrizia Schlosser dabei begleiten, wie sie ins Spannernetzwerk eintaucht. Was sie dabei entdeckt, dürfte die nächsten Festivalsommer eventuell zu einer nicht ganz so unbeschwerten Angelegenheit machen. Auf dem Festival Monis Rache wurden in den Jahren 2016 und 2018 heimlich Videos auf Dixiklos aufgenommen. Auf Pornoseiten wurden die Aufnahmen von Frauen auf eben jenen Klos hochgeladen und verkauft. Der Täter behauptet in der Doku, ganze 7.400 Euro an den Videos verdient zu haben.

Er selbst gehört zum Kreis der Festivalveranstalter: Monis Rache wurde von 2016 bis 2018 auf die Beine gestellt. Aus verschiedenen Kollektiven fügen sich die Veranstalter zusammen, Monis Rache war ein verhältnismäßig kleines Festival (ca. 4.000 Besuchende), dass auf einem ehemaligen Militärfluplatz in Tutow stattfand.

Spanner- und Voyeurvideos sind eine extremperfide Geschichte

Die Opfer wissen ja im Normalfall nicht, dass sie Opfer des sexuellen Übergriffs geworden sind. Sie wissen nicht, dass sich ein unsichtbarer Täter an ihnen "bedient" oder sogar Geld mit ihnen verdient. Das Reportageteam um Saskia kontaktiert die Festivalbetreiber von Monis Rache, um mit ihnen über den Fall zu sprechen. Wie aus der Reportage hervorgeht, scheinen diese recht korrekt mit der Situation umzugehen: Sie können ihn identifizieren und scheinen nicht zu beabsichtigen, die Tat zu vertuschen. Der Täter meldet sich im Nachgang sogar bei der Reporterin und spricht anonym mit ihr. Das Ziel der Reportage ist also erreicht: Täter um ihre sichere Anonymität bringen und konfrontieren. Die Reportage endet.

Was nun hätte folgen müssen, ist Aufklärungsarbeit seitens der Festivalbetreibenden. Allerdings lässt diese zu wünschen übrig, wie die Journalistin und Autorin Bettina Wilpert auf "jungle.world" in ihrem Text "Übergriffe auf dem Dixiklo" herausarbeitet. Hauptkritikpunkt: Die Festivalbetreibenden wussten seit Saskias Kontaktaufnahme ganz genau, dass in den eigenen Reihen ein ziemlich perverses Arschloch abhängt, jemand, der aktiv sexuell übergriffig ist. Seit September 2019 ist den Leuten von Monis Rache der Fall bekannt, passiert ist dem Täter zunächst sehr wenig. Wie Bettina in ihrem Text schreibt, wurde keine Anzeige erstattet und der Fall auch nicht publik gemacht. Nicht mal in den eigenen Reihen. Bedeutet: Opfer aber auch alle Mitglieder der Festivalcrew erfuhren von der ganzen Angelegenheit erst durch die Veröffentlichung der Reportage.

Offenbar wollten die Leute von Monis Rache die Angelegenheit jenseits der üblichen Wege klären: Es sollte das Konzept der "Community ­Accountability" angewendet werden. Dieser Ansatz stammt aus Amerika, wie Bettina schreibt, und soll den Täter nicht als Monster aus der Gesellschaft ausschließen. Viel mehr übernimmt auch sein Umfeld Verantwortung und es soll aktiv mit dem Täter gearbeitet werden. Ziel ist es, dass sich nicht nur der Täter, sondern grundlegend etwas verändert. Klingt klasse, nicht wahr? Leider ist es natürlich gar nicht so einfach, einen solchen Ansatz in die Realität zu übersetzen. Vor allem dann nicht, wenn das Umfeld des Täters gar nicht Bescheid weiss: "Mehrere Monate lang wohnte der Täter weiter in einem Hausprojekt in Leipzig, ohne dass seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner von seinen Taten wussten. Betroffenenschutz sieht anders aus", schreibt Bettina.

Die Journalistin ist im Prinzip selbst mögliches Opfer des Täters, wie sie uns im Interview erzählt, denn sie war selbst Besucherin "Es war ein superschönes Festival. Man kannte alle, die Stimmung war gut." Nicht nur für Bettina ist schockierend, dass ein solcher Fall vor allem auf einem linken Festival stattfindet. Auf die Beine gestellt von einer Community also, die sich Toleranz und Gleichberechtigung auf die Fahnen schreibt "Radau machen gegen Xenophobie, Sexismus, Rassismus und andere gesellschaftliche Degradierungssysteme, die uns und andere um ihren Spaß bringen würden (...)", beschreibt Monis Rache sich selbst. Der Täter war aus dem Team, er dürfte sich irgendwann auch genau dazu bekannt haben: Radau machen gegen Sexismus. Gleichzeitig nimmt er Frauen auf dem Dixiklo auf und bemächtigt sich ihrer Körper.

Natürlich ist es naiv zu glauben, dass es nicht auch in linken, extrem aufgeklärten und freidenkenden Milieus zu derartigen Fällen kommen kann

Allerdings ist es absolut nicht akzeptabel, dass man sich auf dieses linke Umfeld nicht verlassen kann, wenn es darum geht, einen solchen Fall aufzuklären. "Der Umgang mit dem Täter offenbart ein weiteres Mal die Unfähigkeit der Linken, mit sexuellen Übergriffen in den eigenen Reihen umzugehen", schreibt Bettina und spitzt das Problem der ganzen Angelegenheit mit diesem Satz genau zu.

Bettina kennt den Täter nicht persönlich, aber sie weiß, wer er ist. Seit seine Taten veröffentlicht wurden, ist er untergetaucht, wie sie erzählt. Ihrer Meinung nach hätte viel schneller viel mehr passieren müssen. Freunde und Bekannte haben auch Verantwortung – spätestens, wenn sie durch ihr Schweigen oder Nichthandeln mögliche weitere Opfer ermöglichen.

Die Spannerszene im Netz ist groß

Natürlich ist der hier beschriebene Täter kein Einzelfall. Erschütternd und frustrierend ist allerdings, dass offenbar gerne auf Festivals gehandelt wird: Orten, die eigentlich Freiräume schaffen und den Besuchenden einen Ausweg aus dem Alltag ermöglichen möchten. Wie etwa die Fusion: "Am 28. Januar schließlich erfuhren wir durch anonyme E-Mails, dass diese perfide Form sexualisierter Gewalt auch auf dem Fusion Festival geschehen ist. Soweit wir bisher wissen, wurden Menschen in den Duschen beim Bachstelzen-Floor gefilmt und vier Videos unter dem Nutzernamen 'Hannes Lange' (hanneshiddencam) auf der pornografischen Plattform 'xhamster' online gestellt", erklärt der Kulturkosmos Müritz e.V., der Verein hinter der Fusion in seiner Stellungnahme. Weiter wird festgehalten, dass umgehend Strafanzeige erstattet wurde. Der Verein verurteilt den begangenen sexuellen Missbrauchs aufs Schärfste und fordert, dass solche Fälle immer zur Anzeige gebracht werden sollten.

Von einer solchen Reaktion kann sich das Team um Monis Rache noch eine Scheibe abschneiden: Außer den halbgaren Versuchen, den Täter jenseits des Rechtsstaats zu behelligen, findet man auf der Homepage des Festivals nur eine ziemlich hilflos wirkende Stellungnahme, die um mehr Zeit bittet, um einen Weg finden zu können, mit allem umzugehen. Ganz offensichtlich hat die Zeit seit September nicht gereicht, um sich zu überlegen, wie man sich verhalten soll. Die Fusion hat dafür nicht mal eine Woche gebraucht.

Quelle: Noizz.de