Sollten Künstler die "Red Bull Music Academy" boykottieren?

Silvia Silko

Pop, Kultur, Lifestyle
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Der rechtspopulistische Konzern-Chef spaltet die Geister.

Red Bull steht längst nicht mehr nur für den Energiedrink der "Flüüüügel" verleiht, sondern vor allem für sehr gute Marketing-Strategien und die elegante Verbindung von Lifestyle, Produkt und Kultur – und für den Konzern-Chef Dietrich Mateschitz, der mit eigenem TV-Sender und in Statements sein rechtspopulistisches Gedankengut verbreitet.

Extremsportler paddeln Wasserfällen entegen oder springen aus dem All. Im Bereich Musik hingegen ist es die eigenständige Tochterfirma Red Bull Music Academy, die im Business längst eine etablierte Größe darstellt und jungen Musikern großartige Möglichkeiten bietet sowie etablierte Acts auf die Bühnen holt – alles unter dem Logo des Konzerns, den zwei aufeinanderlaufenden roten Stieren.

Gleichzeitig werden immer mehr Stimmen laut, die die unkritische Teinahme an Red-Bull-finanzierten Aktionen hinterfragen:

Ist es okay, sich – wenn auch nur indirekt – für ein Unternehmen einspannen zu lassen, dessen Oberhaupt deutlich flüchtlingsfeindlich und rechtspopulistisch agitiert?

20 Jahre Künstler-Förderung

Die Red Bull Academy feierte in Berlin dieses Jahr ihr 20. Jubiläum. An den Plakaten zu "RBMA" kam man in der Hauptstadt nicht vorbei, ohne das hochkarätige Line-up zu bemerken: Pusha T oder Janelle Monae halten Vorträge, Techno-Urgesteine wie Jeff Mills und DJ Hell stehen auf der Bühne. Die Academy residierte im Funkhaus – eine geschichtsträchtige und in Look, Sound und Beschaffenheit sehr besondere und edle Location. Man merkt schnell: Diese gesamte Veranstaltung sucht ihresgleichen – ohne Erfolg.

Anders als andere Marken fördert die Red Bull Music Academy gezielt junge Musikerinnen und Musiker, die es noch nicht geschafft haben, die noch in den unverbrauchten subkulturellen Tiefen unterwegs sind. Der Bewerbungsprozess ist langwierig, die Talente, die aus der Academy hervorgehen weltweit angesehen. Die Red Bull Music Academy hat weltweit Ableger – aktuell läuft das Programm in Zürich. Künstler wie DJ Koze oder Derrick May geben sich die Ehre.

Rechtes Gedankengut und Brause

Konzern-Inhaber Dietrich Mateschitz äußert sich nicht häufig öffentlich – dafür aber umso markanter: In einem Interview im April letzten Jahres distanziert er sich von der österreichischen Flüchtlingspolitik – und spricht sich für geschlossene Grenzen aus. Im weiteren Verlauf des Gesprächs bekennt er seine Sympathien für Trump und Putin und spricht vom "Meinungsdiktat der politisch Korrekten" – Jargon, den man nicht selten von Wutbürgern vernimmt.

Obwohl Mateschitz sich von Medien eher fernhält, unterhält er selbst einen Fernsehsender: Servus TV. Die Leitung des Senders hat Ferdinand Wegscheider inne, der gerne Rechtsradikalen wie Co-Identitären-„Leiter“ Martin Sellner eine Bühne und ein Sprachrohr bietet. Weitere Gäste lesen sich wie das Who is Who des frauenfeindlichen und rechtspopulistischen Flügels Österreichs.

Man kann es also drehen und wenden wie man will: Red Bull hat einen Konzern-Chef, der alles andere als Diversität, Gleichberechtigung, Vielfalt und Offenheit predigt.

Red Bull Music Academy ist nicht gleich Matschitz

Aus genau diesem Grund kam schon bei der Eventreihe in Berlin Kritik aus allen Richtungen: Die taz etwa rief Künstler dazu auf, das Unternehmen zu boykottieren. Auch wenn die Red Bull Music Academy ein eigenständiges Unternehmen ist, sei es nicht okay, sich hinter ein fragwürdiges Mutterunternehmen zu stellen: "Sie [die Künstler] tun so, als gäbe es die fragwürdigen Äußerungen von Mateschitz gar nicht. Als sei die RBMA gar kein Teil des Konzerns Red Bull, sondern ein Raumschiff, unterwegs in einem Weltraum, in dem es genügt, wenn das Booking inklusiv ist."

Und das Booking, sowie alle Mitarbeitenden der RBMA, ist inklusiv: Menschen aus aller Welt, mit den unterschiedlichsten Biographien arbeiten hier zusammen. Gründerin des feministischen Musiknetzwerks female:pressure oder der bekennend antifaschistische Hip-Hopper Marcus Staiger kommen zusammen. Am Magazin zur Academy arbeiten Musikjournalisten wie Arno Raffeiner – ehemaliger Chefredakteur der SPEX.

Wie man es dreht und wendet: Die Red Bull Music Academy ist eher Mitte-links. Mit ihrem Tun vertritt sie Diversität, Gleichberechtigung, Vielfalt und Offenheit.

Ein rechter Chef: Grund für Red-Bull-Boykott?

In Zürich geht der Protest in der Szene nun über Worte hinaus. Clubs wie die Züricher "Zukunft" trennen sich nach der jetzt ablaufenden Academy von Red Bull. Es werden dort weder weitere Events stattfinden, noch Produkte von Red Bull verkauft. Ist das der Start eines Bewegung?

In einer Reportage geht Jürgen Laarmann, in den 90er Jahren Herausgeber der legendären Technozeitschrift "Frontpage", mit seinem Podcast "1000 Tage Techno" der Sache auf den Grund. Er lässt ganz differenziert Kritiker aber auch Musiker zu Wort kommen.

In Österreich und der Schweiz scheint demnach der Aufstand gegen Red Bull neue Stärke zu erreichen. Künstlerinnen wie DJ Sonja Resista rufen dazu auf, sich nicht "in den Dienst einer Dose" zu stellen und sich somit für rechte Machenschaften des Unternehmens-Chefs instrumentalisieren zu lassen. Berliner Techno-Veteran Johnny Stieler spricht sich ganz entschieden gegen das Zusammenspiel von Red Bull und der Techno-Szene aus – er versteht nicht, inwiefern ein Riesenkonzern wie Red Bull irgendetwas mit elektronischer Musikkultur zu tun hat. Außerdem findet er, dass die rechten Machenschaften des Red-Bull-Chefs einfach nicht unkommentiert bleiben dürfen.

Gibt es hier "richtig" oder "falsch"?

In dem Podcast kommt auch Musiker Mike Van Dyke zu Wort. Er steht Matschitz' Rechtspopulismus natürlich kritisch gegenüber, hat jedoch auch positive Worte für die Academy. Seiner Meinung werden in der Red Bull Academy tolle Projekte von coolen Leuten geleitet. Menschen, die keinerlei rechtes Gedankengut verbreiten. Es gibt außerdem Kollaborationen mit dem Fernsehsender "Arte" – einem Sender, der für genau das Gegenteil dessen steht, was Matschitz ausmacht.

Man sieht: Es ist nicht leicht, zu sagen, was hier nun richtig oder falsch ist. Die Tatsache ist: Mit der Red Bull Music Academy wird jungen Musikern wahnsinnig viel geboten, sie können in aller Ruhe und Offenheit Musik machen, werden dabei unterstützt und gezielt gefördert. Es bietet sich ihnen ein wertvolles Netzwerk und echte Chancen.

Die Frage ist: Warum muss ein Konzern wie Red Bull diese Aufgabe übernehmen? Warum fließt in unsere Kultur und Kunst, in die Subkulturen und kreative Strömungen kein Geld von Verbänden und Kommunen?

Popkultur wird und wurde stets stiefmütterlich von öffentlichen Förderungen behandelt. Im Vergleich zur Klassik sind die Beträge, die in Popmusik fließen, lächerlich klein. Darüber hinaus ist es gar nicht so einfach, als Musiker Geld zu verdienen: Keiner möchte für Kunst zahlen – Spotify gibt's ja auch umsonst. Die "Ware" Musik verliert an Wert, dennoch will sie jeder immer und überall haben.

Was ist die Alternative?

Zu sagen, die Red Bull Music Academy sei doof, und zum Boykott aufzurufen, hat möglicherweise seine Berechtigung – ist aber wahnsinnig kurz gedacht. Konstruktive Ideen müssen her – und nicht nur der Hinweis, dass das alles ja auch eine Sache der Haltung sei. Das als Antwort zu nennen, muss man sich nämlich auch leisten können.

Gleichzeitig geht es nicht immer nur ums Geld: Die unterstützten Künstler, aber auch alle Organisatoren und Journalisten, die beteiligt sind, genießen die befruchtende Arbeit und das Netzwerk.

Was also tun? Einen wundervollen Arbeitsplatz und eine große Chance absagen oder den rechten Chef dahinter ignorieren und alles andere nutzen, was sich einem bietet? Wir maßen uns nicht an, zu entscheiden, was richtig und was falsch ist.

Themen

Berlin Berghain Techno Red Bull RBMA Dietrich Mateschitz Rechtsextremismus
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