Über unausweichliche Geschwisterbeziehungen.

Am 1. März erschien überraschend Solange Knowles viertes Studioalbum. When I Get Home wurde heiß ersehnt – kein Wunder: Wurde ihre 2016er Platte A Seat At The Table als eines der besten und wichtigsten Alben des Jahres gefeiert. Und Solange liefert auch dieses mal wieder ab – allerdings anders, als vielleicht erwartet. Seit dem letzten Werk gilt Solange als weibliche, schwarze Stimme zum aktuellen Zustand der Welt. Ihre Musik, ihre Lyrics, ihre Bewegungen und Worte: Aktivismus, Appell, Emanzipation – am besten wohl zusammengefasst im Song Don't Touch My Hair.

When I Get Home transportiert sicherlich auch all das – bricht aber mit sämtlichen Regeln. Die 19 Stücke ihres neuen Albums sind durchsetzt von experimentellem Jazz, zersprengtem Songwriting, sich beinahe hypnotisch wiederholenden Mantras. Sie erreicht am Ende vor allem eines: Das man ein bisschen mehr hinterfragt. Denn wenn Solange immer und immer wieder „brown sugar, brown leaves [...] black skin, black braids“ wiederholt (Almeda), sie in Things I Imagined ihre eigene Wahrheit hinterfragt oder sie mit Tyler, The Creator in My Skin My Logo die Sache mit der Gucci-Gang neu aufrollt, horcht man auf.

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Solange bietet eine wahnsinnig intensive und gleichzeitig extrem smoothe Art, sich mit den Dingen zu beschäftigen. Ihre Musik klingt bei aller Komplexität herrlich elegant. Sie ist wärmstes Öl, dass uns höchst widerstandslos und luxuriös in die Gehörgänge tropft. Sich für die Platte Zeit zu nehmen lohnt sich – denn nach und nach entblättern die Stücke und Interludes ihre Wirkung und zeigen sich in aller Detailverliebtheit. Außerdem bietet When I Get Home erneut einen Status Quo: Es ist eine Platte, die hineingeboren wurde, in ein Amerika, dass immer noch grausam zerrüttet ist. Ein Land, dass Themen wie Rassismus, Polizeigewalt und Ausgrenzung diskutieren muss, und scheinbar wirklich nicht weiß, wie. In genau diese Zeit mischt Solange Knowles ein Album, dass Möglichkeiten aufzeigt, aber keine Antworten gibt – und auch genauso klingt: Wie Möglichkeiten, nicht Entitäten.

Solange ist bei all dem 100 Prozent sie selbst – ganz ohne ihrer großen Schwester nachzueifern. Und das selbst dann, wenn beide Frauen quasi dasselbe tun: 2016 war auch das Jahr, in dem Beyoncé ihr Album Lemonade herausbrachte. Ein Album, auf dem sich Queen Bey ebenfalls als schwarze Aktivistin und Feministin zeigte – und etwa mit ihrem angrifflustig-militärischen Auftreten beim Superbowl für Gesprächsstoff sorgte. Die Knowles-Schwestern führten damals die amerikanischen Charts an. Beide mit derselben Schlagrichtung, aber eben Beyoncé als perfekt stilisierte Enterntainment-Maschine und Solange als artsy Musikerin mit Underground-Ambitionen.

Und da stellt man sie sich wieder, die eine Frage: Kann man an Solange Knowles eigentlich ohne ihre übermenschliche Schwester Beyoncé denken? Es fällt einem schwer. Dabei können wir alle so gut wie gar nichts über die Beziehung der beiden sagen. Nach außen dringt da jedenfalls wenig – außer dass die beiden sich durchaus zu mögen scheinen. Für Beyoncés Coachella-Auftritt kam irgendwann die kleine Schwester für ein paar straighte Dancemoves auf die Bühne. Es gibt immer mal kurze Statements über die Socials. Ansonsten hat man keine Ahnung von der Haltung der beiden zueinander. Genauer genommen wissen wir so wenig, dass wir uns auch heute, 5 Jahre später, noch lebhaft daran erinnern können, wie Jay-Z im Fahrstuhl von seiner Schwägerin ordentlich eins aufs Maul bekam. Ein Überwachsungsvideo zeigt Beyoncé, Solange und eben Jay-Z im Lift, wild gestikulierend und irgendwann: Bäm! Solange schlägt mit der Handtasche zu.

Skandalös bei dem vollkommen durchchoreografierten Leben Queen Beys. Geradezu nervig perfekt inszeniert sie sich als Performerin, schwarze Aktivistin, Feministin, betrogene und dennoch liebende Ehefrau und aufopfernde Mutter. Das Imperium und das Symbol „Beyoncé“ ist durchdringend – und das nicht nur in Bezug auf Pop-Kultur, sondern auch in Bezug auf das Leben ihrer jüngeren Schwester Solange Knowles. Denn: Solange kann öffentlichkeitswirksam machen was sie will – sie wird immer in Relation zu ihrer großen Schwester gedacht.

So wird in eigentlich jeder Rezension zu Solanges Alben der Musikerin beigepflichtet und unterstrichen, dass sie ja längst aus dem Schatten der großen Schwester entschwunden sei – erwähnen musste man diesen aber dennoch immer wieder.

Auch bei der neuen Platte When I Get Home wird das wieder der Fall sein. Schon die Ankündigung der neuen Platte geht nur, wenn man dazusagt, dass die kleine Schwester es ja ähnlich gemacht hat, wie Beyoncé: Keine Vorankündigung, nur kryptische Social-Media-Zeichen und plötzlich ist das vierte Studio-Album da. Garniert ist das Ganze mit einem Film zum Album, dass man sich auf Apple Music ansehen kann – was natürlich auch an Beyoncés visuelles Album zu Lemonade erinnert.

Außerdem hat Solange eine eigene Seite auf der Plattform Blackplanet eingerichtet, auf der Bilder und Snippets mit reichlich Artwork zu sehen sind. Die Bilder und Videos haben eine ähnliche Wirkung, wie das Album, das hinter ihnen steht: Sie sind absorbierend, wunderschön und gleichzeitig krude und sie thematisieren ebenfalls Solanges Beschäftigung mit ihrer Herkunft Texas. Solange hat alle 19 Stücke selbst geschrieben und produziert. Die GastmusikerInnen auf When I Get Home wiegen diamantenschwer: Tyler, The Creator, Earl Sweatshirt, Pharrell Williams, Blood Orange, Panda Bear, Playboi Carti, Gucci Mane.

Bei all der Eigenleistung immer noch in Relation zur älteren Schwester stehen: Ist das eigentlich nervig? Wie lebt es sich als jüngere Schwester einer Frau, die immer extra sein muss? Bei Beyoncé ist schon immer alles auch irgendwie Drama – die Outfits, die Superlative, die Shootings. Alles erscheint seine Daseinsbrechtigung nur zu haben, wenn es das toppt, was Beyoncé vorher gemacht hat. Wie ist es, wenn der Schatten des Über-Popstars immer mitgedacht und mitrezipiert wird?

Man braucht sich nämlich keinen Illusionen hingeben: Solange wird niemals ohne die Verbindung zur Schwester leben und wirken können. Genau das ist bei den meisten Geschwisterpaaren der Fall: Man muss sich zu seinen Brüdern und Schwestern immer irgendwie positionieren. Und das wird besonders schwierig, wenn diese Paare dieselben Talente haben und im selben Business arbeiten. Das mit der großartigen Musik und der eindrucksvollen Inszenierung können jedenfalls beide: Solange und Beyoncé. Solanges großes Plus ist aber mehr und mehr ihre Glaubwürdigkeit.

Die Musikerin nämlich scheint aus dem ihr auferlegten Schatten eher einen Windschatten zu machen. Im Prinzip bietet die Plakatwand „Beyoncé“ ja auch einige Freiheiten – von der Queen of Pop erwartet man gewisse Fanfaren. Währenddessen kann Solange so ziemlich das machen, worauf sie Lust hat. Das ergibt ein Album vollkommen ohne Radio-Hits, aber voller Fan - und Kritikerlieblinge. Sie kann ganz entspannt und ohne Allüren ihre Gedanken aussprechen, ihre Realität als schwarze Frau thematisieren – ohne direkt eine Armee aus Frauen in schwarzem Lack anrücken zu lassen, um Malcolm X sein Denkmal zu setzen. Häufig wirkt Solange durch diese Freiheiten erhabener. Man nimmt ihr ihre Gesellschaftskritik (oder zumindest -Skepsis) sofort ab, wo man sich bei Beyoncé noch fragt, ob auch der Aktivismus und der Feminismus nicht eigentlich nur wieder hinhalten müssen für ihre teflonglatte Inszenierung, die nur eines zum Ziel hat: Noch mehr Aufmerksamkeit und Plattenverkäufe generieren, um noch mehr Geld zu machen.

Somit hat Solange leise, ganz unprätentiös ein Album auf dem Markt geworfen, dass in seiner Eigenart wiederum genau das ist, was die Vorgängerplatte war: When I Get Home ist das Album, dass wir gerade jetzt dringend brauchen. Ob nun mit oder Beyoncés Schatten. Und zack: Obwohl es so egal ist, haben wir Queen Bey und ihre Sogwirkung schon wieder erwähnt.

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Quelle: Noizz.de