2012 ging Soko mit ihrem harten, französischen Akzent in die Annalen der Indie-Musik ein. Nun erscheint ihr drittes Studioalbum "Feel Feelings". Ihr Leben hätte sich seit ihrem Debüt inmitten der Pariser Szene kaum stärker verändern können. Für die neuen Songs hat sich Soko obendrein ein Zölibat auferlegt. Im Interview sprechen wir über ihre Rolle als Musikerin, Mutter und queere Person des öffentlichen Lebens.

Eine Gänsehaut, die sich überall ausbreitet, erschütternde Ehrlichkeit über die eigenen charakterlichen Abgründe und ein harter französischer Akzent: Das ist Soko. 2012 nahm die junge Französin die Indie-Szene ein. Ihr Album "How to be an Alien" war wohl Grund für etliche Urlaube in Frankreich, der Kultivierung von akzentgeprägtem Englisch und nicht zuletzt für zahlreiche Tränen. Ihr darauf folgendes Album "My Dreams Dictate My Reality" schlug zwar einen härteren Ton an, war aber nicht minder emotional und hing der fundamentalen Melancholie und Derealisation nach, wie kein anderes.

Fünf Jahre hat Soko sich zurückgezogen. Während sie zu Beginn ihrer Karriere noch ein aufbrausendes Leben in der Pariser Szene zwischen Musik, Modeljobs und Filmarbeiten führte, und sich nebenbei regelmäßig das Herz brechen ließ, führt Soko mittlerweile ein Bilderbuch-Familienleben mit ihrer Freundin und einem Baby. Als sie das neue Album "Feel Feelings" schrieb, hatte Soko von dieser Wendung allerdings noch nichts geahnt – denn für ganze eineinhalb Jahre hatte sich Soko ein Zölibat auferlegt, um mit ihren Emotionen, ihrer Kreativität, der Musik und natürlich auch sich selbst eine neue Beziehung einzugehen. Nur wenig später lernte sie die Frau kennen, die heute ihre Familie ist. Im Interview sprachen wir über diese spannende Prämisse des Zölibats, die eignen Fehler, Schwächen und über Schmerz.

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Soko im Video zur Single "ARE YOU A MAGICIAN"

NOIZZ: Wie hat das Zölibat dein Leben verändert?

Soko: Ich habe mich wirklich lange gefühlt, als könnte ich diesen ganzen Druck nicht mehr ertragen, den ich mir selbst auferlegt habe. Meinen Selbstwert habe ich eigentlich immer nur von romantischen Beziehungen abhängig gemacht und ich wusste nicht, woher das kommt. Doch eins war sicher: Gesund ist das nicht! Ich wollte eine Pause von meinem eigenen Selbstbild, das permanent von der Liebe anderer abhängig war. Ich musste lernen, mich ohne all diese Beziehungen selbst zu lieben und mich auf alle anderen Beziehungen, Freundschaften, Kollegen, meine Familie, zu konzentrieren. Zuerst hatte ich nur ein paar Wochen für mich selbst im Zölibat gelebt, aber dann wurde mir klar, wie gut diese Pause auch meiner Musik und Kreativität tut. Ein großes Projekt wie ein Album hat mir plötzlich keine Angst mehr eingejagt, weil ich wusste, dass ich es kann und dass es einen Wert haben wird. Das Zölibat hat meine Arbeit fokussierter und ehrlicher gemacht.

NOIZZ: Also ging es für dich im Zölibat weniger um Drogen und Alkohol, als um deine Liebesbeziehungen und dein Datingleben?

Soko: Ich habe mich immer nur selbst anhand von Begehren und romantischen Beziehungen bewertet. Ich habe mich nie so empowerd, eigenmächtig und stark gefühlt. Es war essenziell, diese toxische, ungesunde Art Beziehungen zu führen, zu durchbrechen und mich nur auf mich selbst zu fokussieren. Es ist so wichtig, seine Freundschaften zu pflegen, Kreativität zuzulassen und sich zu fragen, was einen am glücklichsten macht, wenn man ganz alleine ist. Ich denke ohne diese Zeit in Abstinenz und ohne diese Pause von der ständigen Bewertung meiner selbst, hätte ich kein Mindset, das mir so eine gesunde, fantastische Beziehung ermöglicht, wie ich sie jetzt führe.

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NOIZZ: Auf deinen letzten zwei Alben hast du sehr träumerische und surreale Narrative und Visionen aufgebaut, während "Feel Feelings" viel klarer wirkt. Hast du dich ein bisschen von deinem Träumer-Ich verabschiedet?

Soko: Ich glaube, in den letzten Alben ging es mehr darum, der Vergangenheit durch Träume zu entkommen und eine bessere Vision zu entwerfen. Bei "Feel Feelings" geht es viel mehr darum, was ich in diesen Momenten lebte und fühlte, und vor allem habe ich nicht mehr versucht, dem zu entkommen. Ich habe auch gelernt, wie man den gegenwärtigen Moment genießen und feiern kann. Aber ich glaube, ich werde trotzdem immer eine Träumerin sein. Der Song "Now What" spricht viel darüber. Ich hatte das Gefühl, an einem Punkt angelangt zu sein, an dem ich jedes Ziel, das ich mir gesetzt hatte, übererfüllt hatte. Jeden Traum, den ich hatte, jeden Wunsch und jede Arbeit, die ich machen wollte, habe ich irgendwie geschafft. So fragte ich mich, wo ich hinsoll, wo ich doch schon alle meine Träume erfüllt habe? Und kurz nachdem ich die Platte mit diesem Lied abgeschlossen habe, wurde ich schwanger. Und jetzt sehe ich die Welt aus einem völlig neuen Blickwinkel.

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NOIZZ: "Feel Feelings" ist verletzlicher denn je. Steht das Album jetzt in Kontrast mit deiner Identität als starke Mutter?

Soko: Ich glaube, Verwundbarkeit ist DER Schlüssel meine Mutterrolle. Ich versuche, mein Baby wissen zu lassen, dass alle seine Emotionen willkommen sind und dass alles, was es durchmacht, berechtigt ist. Es gibt keine Gefühle oder Emotionen, die ich bei meiner Tochter nicht zulasse. Ich verstehe ihre Frustration, Wut und Ungeduld so sehr, wie ich ihre Freude und ihr Glück und ihr kleines Kichern begrüße. Ihn beizubringen, dass all dies normal ist, ist wichtig, um Scham oder Schuldgefühle zu verbannen. Und das ist überhaupt nicht das, was ich selbst als Erwachsener erfahren habe. Ich fühlte Scham und Schuld, weil ich meine Gefühle zeigte. Es war immer seltsam, dass ich öffentlich so verletzlich bin. Dabei war es schon immer eine Stärke, keine Mauern um mich zu haben. Mutter zu sein hat das also sehr gestärkt.

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NOIZZ: Du sprichst auch offener über Mental Health. Fiel es dir schwer, deine psychische Gesundheit in Songs zu packen?

Soko: Es hat eine ganze Weile gedauert. Auch wenn ich schon vorher offen über Ärger und Schmerz gesprochen habe, ist das auf "Feel Feelings" viel expliziter. Ich erinnere mich, dass ich für meine erste Platte Promo gemacht habe, dass ich viele Fotoshoots gemacht habe und viel Aufmerksamkeit bekommen habe. Ich erinnere mich, dass ich mich beim Fotografieren unbehaglich fühlte, und ich hatte das Gefühl, nicht wirklich gesehen oder respektiert zu werden. Die Leute sagten mir immer, ich solle für das Bild lächeln. Aber das war nicht das, was ich fühlte. Sollten sie nicht eigentlich ein Porträt von mir festhalten, wie ich wirklich bin? Diese lächelnde alles-ist-supercool Person, die sie mir aufdrängten, bin nicht ich, und warum sollte ich so tun, als sei ich das? Als mir das klar geworden ist, ist es leichter geworden, auch darüber zu schreiben, denn ich fühlte mich so, seit ich mich erinnern kann. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich in der Ungewissheit des Lebens sicher fühlte und mir erlaubte, auf in der Öffentlichkeit emotional und traurig zu sein. Ich glaube, in dem Moment, in dem man diese Mauer abreißt, fängt man erst an, Zugang zu echten Worten zu haben. Das ist es, was ich an der Kunst liebe.

Es geht für mich nicht um schöne Worte, die sich reimen, es geht darum, ehrlich zu sein, darum, so ehrlich zu sein, dass die Worte sterben könnten, wenn man sie nicht in genau diesem Moment aufschreibt.

Soko verstellt sich nicht mehr bei ihren Fotoshootings und teilt ihre Emotionen

NOIZZ: Mit "How to be a Rainbow" hast du dich zum ersten Mal auch in deiner Musik der Rolle einer queeren Ikone angenommen. Wie hat sich deine Rolle von einer sichtbaren zu dieser aktivistischen, lauten Persona gewandelt?

Soko: Ich finde ehrlich gesagt nicht, dass ich so laut darüber rede. Ich lebe mein Leben einfach in der Öffentlichkeit. Und ich glaube, dass es darum geht, stolz zu sein. Mir fällt kein Grund ein, warum ich verheimlichen sollte, dass meine Partnerin eine Frau ist und dass mein Baby zwei Mütter hat. Ich bin sehr stolz auf meine Familie und darauf, mit wem ich zusammen bin. Ich teile das gerne. Es ist extrem wichtig, diese Sichtbarkeit zu haben, weil die Menschen immer noch daran erinnert werden müssen, dass es möglich ist. Als ich aufwuchs, kannten ich und meine Freundin keine Lesben. Es gab ein paar offen schwule Männer, die sich ihrer Rolle bewusster waren, als lesbische Paare. Ist es nicht verrückt, wie lange es dauerte, bis ich erkannte, dass dieses Leben eine Option ist? Ich bin so unendlich glücklich in meiner Beziehung, und sie fühlt sich sicher und stabil und gesund an – warum sollte ich das also nicht teilen?

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NOIZZ: Im Vergleich zu "We might be dead by tomorrow" klingt deine Singstimme aktuell wahnsinnig tief. Hat sich deine Stimme einfach in den letzten Jahren verändert, oder hast du gezielt eine neue Tonlage ausprobiert?

Soko: Weißt du, ich habe es immer gehasst, wie ein Mädchen zu singen. Ich mag es nicht, wenn meine Stimme zu hübsch, zu mädchenhaft und perfekt klingt. Deshalb habe ich versucht, so tief wie möglich zu singen und meinem natürlichen Sprechton so nahe wie möglich zu kommen. Dieses Mal wollte ich noch ein bisschen tiefer singen, um androgyner und geschlechtsloser zu sein. Ich will auch zeigen, dass sich in verschiedenen Lebensphasen die Stimme verändert. Sie wandelt sich ja schon in Abhängigkeit zum Gegenüber und worüber spricht. Ich spreche anders mit meiner Freundin, ich spreche anders mit Fremden, ich spreche anders mit meinem Baby und ich spreche ganz anders mit meinen Eltern. Und dieses Stimmengewirr in uns sollte in der Musik stärker präsent sein. Ich wollte diese verschiedenen Facetten erforschen und in die Musik ebenso wo all diese Gefühle und Gedanken einfließen zu lassen, um ein breiteres Spektrum der Emotionen zu spiegeln.

NOIZZ: Musikalisch hast du wieder einen eine weichere Richtung eingeschlagen. War das so geplant?

Soko: Ja! Einerseits wollte ich wieder diese Intimität meines Debüts. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, mich wie bei der zweiten Platte als Punker aufzuspielen. Ich wollte unbedingt dieses Riot Kid sein, und natürlich hatte ich auf der Bühne superviel Spaß, aber das habe ich jetzt getan. Zum ersten Mal habe ich mir erlaubt, dass meine Musik nicht versucht, amerikanisch oder international zu klingen. Nein, es sollte ganz klar französisch sein. Ich bin nun mal Französin, die mit französischer Musik aufgewachsen ist. All das sollte man diesmal auch hören. Das Schlagzeug sollte sehr trocken und luftig sein, der Bass sollte grooviger, wärmer und auch sexy sein. Ich wollte auf dieser Platte meinen inneren Gainsbourg [Serge Gainsbourg ist ein berühmter, französischer Chansonnier, Anm. d. Red.] ungebremst freien Lauf lassen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de