Wir haben mit der Singer-Songwriterin aus Nashville über ihre neue Platte gesprochen und darüber, dass es manchmal einfach okay ist, traurig zu sein. Natürlich hat Soccer Mommy uns auch ihre "Color Theory" erklärt.

Blau, Gelb, Grau. Das sind die Farben in die Sophie Allison ihre Welt taucht – zumindest mit ihrem Künstlerego Soccer Mommy auf ihrem zweiten Album "Color Theory". Was klingt, wie eine kunstwissenschaftliche Ausarbeitung, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines langen Befreiungsschlags. Mit der wichtigen Erkenntnis: Das Leben geht weiter, egal wie viel Schmerz es dir bereitet. Trotzdem war für Sophie "Color Theory" nicht das viel beschworene, harte zweite Album, wie sie mir am Ende der Leitung erzählt: "Ehrlich gesagt, finde ich sogar, dass es sich besser angefühlt hat, als beim ersten Album."

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Für sie war das einfach eine klare Sache, sie hat einfach losgelegt. "Ich glaube, viele Leute empfinden das zweite Album als sehr schwierig, weil sie vorher Jahre Zeit hatten, alle Songs und Melodien für ihre erste LP zu finden", erklärt sie mir. Für sie habe sich beim Songwriting aber rein gar nichts verändert, sie sei genauso herangegangen, wie beim letzten Mal.

Aber eins nach dem anderen ...

Eigentlich hatte Soccer Mommy angefangen, uns mit ihren coolen Gitarrensongs vom Schlafzimmer aus zu verzaubern. "Ich kann überall schreiben – solange ich zumindest das Gefühl von Privatsphäre habe und ich mich zurückziehen kann", sagt sie. Die DIY-Songs lud sie selber auf Bandcamp hoch und nach und nach sprach sich eben rum, dass dieses Mädchen aus Nashville, das genauso gerne Taylor Swift wie Nirvana hört, ihren ganz eigenen Sound hat – und das der, verdammt gut ist.

"Während ich "Clean" aufgenommen und veröffentlich habe, habe ich so viel gelernt und mitgenommen – ich hatte noch viel mehr Ideen, Sounds, die ich einbringen wollte, und ich wusste einfach, wie etwas im Studio klingen könnte", resümiert sie – und genau das hört man nun auch auf ihrer neuen Platte.

Während sich auf ihrem ersten Album alles um die existenziellen Ängste und die unstetige Gefühlswelt eines Teenagers drehten, die möglichst easy musikalisch präsentiert wurde, fast so, als würde man nur vor lauter Lustlosigkeit in die Saiten greifen, widmet sich Sophie nun einer düsteren, fast schon beängstigend Tiefe. Obwohl es eine Farbenlehre sein soll, ist Soccer Mommys Album dunkler als alles vorher. Von der leichten Melancholie hin zum Schwermut, ausgelöst durch alle physischen wie auch psychischen Gebrechen, die wir haben können und die uns einholen, bis hin zur einzigen Gewissheit in unserem Leben: dem Tod. Und das fühlt sich in seiner Gesamtheit verdammt befreiend an.

Nimm es nicht zu schwer, lass es einfach passieren, ist Sophies Devise

Aber nicht alles fühlt sich schwer an auf "Color Theory" – es gibt auch viele leichte Momente, unbeschwerte, selbstironische Einspieler, die zeigen, dass Sophie in den vergangenen Jahren durchaus gereift ist – als Musikerin und auch als Mensch. Die verwirrte, verängstigte Teenagerin war gestern. Das merkt man auch, wenn man mit ihr redet.

Wenn alles dunkel erscheine, ist Humor ein gutes Gefühl, es hilft Sachen zu ertragen und mit ihnen umzugehen, findet Sophie. "Nichts anderes mache ich. Musik ist generell ein Weg, Sachen aufzuheitern. Auch deswegen schreibe ich Songs wie "Circle in the Drain“. Es ist ein ziemlich pessimistischer Song, aber die Melodie ist leicht und poppig, es fühlt sich besser an. Der Kontrast macht es einfacher."

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Dabei hat sie auch keine Scheu, in ihren Songs über Momente des Selbstzweifels zu sinnieren und sich damit auseinanderzusetzen. So singt sie etwa in der leichten, reduzierten Gitarrennummer "Up The Walls": "Hate to be this person that's climbing up the walls". "Jeder fühlt sich mal so und dann kannst du einfach nichts dagegen machen. Man möchte sich am liebsten für all seine schlechten Angewohnheiten entschuldigen", sagt Sophie. "Es auszusprechen, macht es manchmal schon besser. Du versuchst, einfach besser zu sein beim nächsten Mal. Das ist hart. Und du kannst es niemals vollkommen wieder gut machen, weil es ein Teil ist. Aber man kann lernen, damit umzugehen. Das ist das Leben!" – fasst sie das ganz gut zusammen.

Wenn man mit dieser Erkenntnis durchs Leben geht, fühlt man sich eventuell doch etwas befreiter. Das "Colour Theory" am Ende dann doch mehr oder weniger ein Konzeptalbum geworden ist, war nicht unbedingt von vornherein beabsichtigt. Es sei einfach passiert und habe sich wie ein roter Faden durch die Songs gezogen, wie Sophie mir erklärt.

"Wenn ich Songs schreibe, dann haben sie für mich immer eine bestimmte Stimmung – und die verbinde ich eben mit Farben. Es ist nicht so, dass ich wie manch andere Farben in Songs sehe, ich empfinde sie nicht synästhetisch." Sie könne sich dann eben genau vorstellen, wie das Musikvideo aussehen könnte, das Cover und alles drumherum.

Und so war es auch bei "Color Theory":

"Als ich geschrieben habe, hatten alle Songs eben eine dieser drei Grundstimmungen und die jeweilige Farbe für mich", erklärt sie. Es beginnt mit Blau, eine Farbe, die Sophie mit Melancholie und depressive Episoden sowie die Erinnerungen an Selbstverletzung verbindet. Der nächste Abschnitt ihres Albums verbindet sie mit der Farbe Gelb, die auf psychische und physische Krankheiten hinweist. Dabei erkundet sie etwa im Song "yellow is the color of her eyes" auch die lange Krankheit ihrer eigenen Mutter. Die Songs, die sie mit Gelb verbinde, seien für sie bei all der Schwere "irgendwie energiegeladener, zugleich auch ängstlicher, deswegen musste es eine helle Farbe sein."

Am Ende widmet sie sich dem Grau, es geht um Verlust und Tod. "Davor war alles leichter, heller – alles sollte sich vertiefen in ein dunkles Ende. Deswegen eben Grau, die Abwesenheit von Farbe. Es spiegelt Sterblichkeit, Verlust und Böses wider. All das, womit man sich eigentlich eben nicht so gerne beschäftigt", sagt Sophie.

Sophie Allison, a.k.a. Soccer Mommy

Ziemlich emotional und intim also. Fällt es ihr da manchmal nicht schwer, ihre Gedanken so offen in Songs zu präsentieren? "Ich mache mir keine Gedanken darüber, dass irgendwann sehr viele Leute meine Songs auch hören werden, egal wie persönlich sie auch seien mögen", sagt sie. Sobald die Songs veröffentlich werden, fühle es sich für sie eh ganz anders an: "Es ist, als ob ich mich dann von ihnen trenne und sie nicht mehr mir gehören. Sie gehören dann allen. Das fühlt sich schon verrückt an, aber genau darin liegt dann auch die Magie."

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"Color Theory" kannst du überall hören, wo du willst – am besten gleich hier:

Eine Art Selbsttherapie sei das für sie aber noch lange nicht. "Ich tue es einfach, es liegt irgendwie in meiner Natur. Es kommt einfach alles aus mir raus. Es ist ja auch nicht so, dass ich diese Emotionen besonders mögen würde, über die ich da schreibe. Es steckt einfach grade in mir drin und will raus als Song. Es schreibt sich fast von selber. Ich kontrolliere das nicht", erklärt sie mir. Und auch hier lerne ich wieder: Loslassen ist manchmal das Beste.

Quelle: Noizz.de