Mit Weißweinschorle zum Frühstück, geiler Indie-Musik und einem krassen Stromausfall.

Und auf einmal war es still und dunkel im immerguten Festzelt. Gerade eben hat Drangsal noch sein Lied „Und Du?“ an, jetzt hören die Festivalbesucher nur noch das Schlagzeug. Alle schauen kurz betroffen, doch das Immergut und seine tiefenentspannten Künstler wären nicht der perfekte Auftakt in die Festivalsaison, wenn Drangsal sich im nächsten Moment eine Akustikgitarre greift, ins Publikum reingeht und noch seinen Song „Turmbau zu Babel“ spielt.

Das Immergut Festival an der Mecklenburgischen Seenplatte versammelt seit 19 Jahren am letzten Maiwochenende Liebhaber der kleinen Festivals sowie des guten Musikgeschmacks. Und weil die Atmosphäre super ist, die Wettergötter das Immergut regelmäßig mit prallem Sonnenschein segnen und das Festival sowohl alte Freunde als auch neue Perlen der Popkultur einlädt, macht es seinem Namen alle Ehre – das Immergut ist immer gut.

Fun Fact: Der Name ist nicht die Idee eines prahlerischen Orgateams, sondern vom ersten Festivalsponsor – das Immergut ist nämlich eine regionale Milchmarke. Noch heute hat das Unternehmen eine Milchbar auf dem Festivalgelände.

Stromaggregat kaputt – na und?

Trotzdem bleibt am Freitagabend nach dem Ausfall das Licht erstmal aus – vorher gab es schon einige musikalische Bereicherungen wie die Band Ilgen-Nur mit entspannten Liedern übers Erwachsenwerden, die nicht peinlich klingen, oder Maurice & Die Familie Summen, einem deutschsprachigen Deutschfunk-Kollektiv mit systemkritischen Texten.

Nach dem kurzen Schock schaffen die Veranstalter es mit ganz viel Herzblut, binnen zwei Stunden nahezu das komplette Programm auf den Birkenhain - die kleinste und am schnellsten wieder funktionierende Bühne, zu verlegen und Freitagnachts geht die Menge zum Gitarrenschrammel-Headliner Ty Segall & The Freedom Band, später zu Die Nerven, der derzeit aufregendsten Band der Indie-Landschaft, und zur Indie-Disco ab.

Wenn geile Musik nicht reicht - her mit einem geilen Motto

Die Veranstalter haben sich auch diese Jahr ein Motto überlegt: „Spiel, Satz, Lied“ wird sehr sportlich genommen. Alle Besucher werden durch ihr Bändchen in Gruppen eingeteilt – den TS Tennisarm, den SG Faserriss oder dem SC Meniskus. Sie treten dann in Mini-Spielen gegeneinander an; etwa beim Glücksrad (wie im 90er-TV, nur mit Pfeffi statt krassen Haushaltsgewinnen), einer Riesen-Runde Schnick-Schnack-Schnuck, oder dem Wettsingen. Wer schafft es am lautesten „Don’t Look Back In Anger“ zu gröhlen?

Der Samstag läuft dann wie am Schnürchen – erstmal vormittags schön in einem der Seen anbaden, oder beim Immergutzocken-Fußballspiel mitfiebern, oder eine auch Runde Flunkyball spielen.

Danach geht es weiter mit Lesungen von unter anderem Christiane Rösinger, großartigen Shows vom Kanadier Sam-Vamce-Law, der genial und emotional über Homosexualität singt, und der deutsch-australischen Sängerin Kat Frankie.

Spätestens mit dem Auftritt von Olli Schulz ist das Gelände prall gefüllt mit Menschen und Mücken. Der beliebte Sänger weiß das zu schätzen und fängt sein Set mit einem klasse Festival-Freestyle an. Weiter geht es auch mit tollen Witzen, politischen Messages gegen die AfD und einer Liebeserklärung an Labskaus und „Fussi“, Backstage läuft nämlich das Champions League-Finale.

Danach verwandelt das Garage-Pop-Duo Gurr den Holztanzboden des Festzelts in ein Trampolin und die Headliner Kettcar freuen sich darüber, dass auch mal Leute unter 30 im Publikum sind. Wobei die meisten Besucher doch etwas älter als die berüchtigten Rock-am-Ring-Sauf-Abi-Festivalmenschen sind und die Stimmung eher einem friedlichen Kinderspielplatz für Erwachsene gleicht.

Und wenn die Tänzer sonntags im Morgengrauen das Partyzelt verlassen, der letzte Rest Konfetti über den Heuboden geworfen wird, und die Hauptbühne im Hintergrund schon langsam abgebaut wird, dann ist der Festivalsommer eindeutig eröffnet. Wir freuen uns auf diese Saison!

Quelle: Noizz.de