Das fette Line-up ist nicht das Krasseste auf dem Roskilde

8 Tage, 140.000 Besuchende, 30.000 Freiwillige, ein Line-up, das einen ungläubig zurück lässt – das Roskilde-Festival in Dänemark arbeitet mit Superlativen. Musikalisch wird es vor allem an den vier Haupttagen spannend: Von Mittwoch bis Samstag hat man als Besuchender permanent die Qual der Wahl und rennt im Prinzip von Highlight zu Highlight – ohne zu wissen, wo man eigentlich hin soll, mit all den Eindrücken. Wir haben mal geordnet:

"Muss man mal gesehen haben"-Effekt 

Bob Dylan, The Cure, Tears For Fears, Noel Gallagher, Wutang Clan. Alles Klassiker, alles Helden der eigenen Jugend, alles popkulturelle Urgesteine, die Geschichte geschrieben haben und die man hier bei bestem Sound endlich auch mal live sehen konnte. Cross it off the bucket list! 

Rap – aber in der richtigen Mische

Die Headliner sprachen für sich: Card B, Travis Scott – da bleibt kein Mainstream-Wunsch offen. Darüber hinaus waren große Namen, Newcomer und eine wahnsinnig gute Mischung an Stilen vertreten: Skepta, Saweetie, Koffee and the Raggamuffins Band, Denzel Curry, Cyprus Hill, Shambs X B Wood$ X Bracy Doll.

What the fuck did I just see?!

Neben dem, was einem sowieso schon die Luft raubt, gibt es dann noch die Ausnahmekünstler, die einem dann endgültig den Rest geben. Lizzo etwa bewies eindrucksvoll, dass es verdammt gute Gründe dafür gibt, warum sie es in nicht mal einem Jahr vom Geheimtipp zum Hypetipp geschafft hat.

Lieblingszitat: "If you can love my fat black ass, you can love yourself too!" Rosalía riss ebenfalls ein Brett ab, dass es auch den größten Tanzmuffel in den Beinen juckte. Lateinamerikanische Rhythmen, grandiose Stimme und Bühnenshow waren hier absolut on fleek. Die Tanzmoves und die Bühnenshow von Christine And The Queens haben ja nun wirklich überall von sich Reden gemacht. Allerdings kam die Band hier mit Pyro-Technik und richtig Bock um die Ecke – beeindruckend.

Worum es aber eigentlich geht

Ob man es nun glaubt oder nicht – die Musik und die schieren Dimensionen des Roskilde Festivals sind nicht das, was das Event ausmacht. Es ist viel mehr die Tatsache, dass es eine reine Non-Profit-Veranstaltung ist. Alle Gewinne werden nach dem Festival gespendet. Die meisten, die am Gelingen des Festivals arbeiten, tun dies ehrenamtlich – und zwar auf allen Ebenen der Festival-Organisation.

So ist es etwa keine Besonderheit, dass der ein oder andere seinen Sommerurlaub auf dem Roskilde verbringt, um als einer der Bühnenmanager sein Bestes zu geben. Aber auch das Booking-Team ist zum größten Teil das ganze Jahr über freiwillig tätig. (Glückwunsch ans Team: Männliche und weibliche Acts traten hier in perfekter Balance auf.) Viele sind schon seit Jahren beim Roskilde dabei, manche schon seit ihrer Kindheit, wie uns Programm-Chef Anders Wahrén im Interview verriet.

Grundlegender Stimmungstest: Supiklassetoll!

Es ist spannend, zu sehen, wie sehr die Non-Profit-Tatsache die grundlegende Stimmung beeinflusst. Man hat das Gefühl, hier wird ständig und immer mit sehr viel Liebe gearbeitet. So wird man hier nicht mit H&M-Shop, Coca-Cola-Tankstellen oder Mainstream-Foodketten zugeballert, sondern hat kleine Vintage-Stände, selbstgemachte Limo und vor allem sehr gutes, handgemachtes Essen im Angebot. Weitere Details machen die ganze Sache rund. Täglich wird etwa die "Orange Press" verteilt – die frisch gedruckte Festivalzeitung, die den vorherigen Festivaltag noch einmal rekapituliert:

Die "Orange Press" am Donnerstag Foto: Noizz.de

Achtung und Respekt füreinander werden groß geschrieben: Securitys in den Gräben der Wellenbrecher verteilen in den Pausen zwischen den Acts großzügig Wasser, und die Besucher werden ständig darauf hingewiesen aufeinander zu achten.

Nicht nur auf dem Gelände gibt man sich Mühe: Mads und Christoffer sind seit Jahren beste Freunde und kommen jedes Jahr zum Roskilde. Ihre Mission: die beste Party auf dem Zeltplatz. Dafür haben sie dieses Jahr mal eben diese fette Anlage (im Hintergrund) gebaut und mitgebracht:

Als Camp Helge sind sie schon Tage vor Zeltplatzöffnung am Start und das nicht ohne Grund: "Wir sichern uns jedes Jahr denselben Platz – hier kommt jeder vorbei und hält an, um mit Party zu machen!", erklärt Christoffer. Ihre Partys sind mittlerweile legendär – ging auch dieses Jahr gut ab:

Mads und Kristoffer vom Camp Helge Foto: Noizz.de

Alles in allem: Hygge as fuck!

Ja: Wir geben zu, wir können unsere Begeisterung nur schwer zurückhalten. Beim Roskilde stimmt schon irgendwie alles – daher können wir es mit bestem Gewissen nur weiterempfehlen. Nächstes Jahr feiert das Festival übrigens bereits 50sten Geburtstag. Man kann sich sicherlich auf eine fette Geburtstagssause freuen.

Für alle, denen die Tickets allerdings doch ein bisschen zu teuer sind: Beim Roskilde sind neue Freiwillige jeder Zeit erwünscht – auch aus Deutschland. Wir können es kaum erwarten, bis es wieder losgeht. Bis dahin überbrücken wir die Zeit mit dem übermäßigen Verzehr von Zimtschnecken, der inoffiziellen skandinavischen Nationalspeise. Ob man dadurch in den richtigen Hygge-Mindset gelangt, wissen wir noch nicht. Aber einen Versuch ist es wert.

>> Unsere Roskilde 2019 Playlist

[Disclaimer: Wir wurden zum Roskilde Festival eingeladen. Uns wurde Transfer und Übernachtung bezahlt. Das hat unsere Wertung der Veranstaltung aber zu keiner Zeit beeinflusst.]

Quelle: Noizz.de