Der großartige Brite ist derzeit auf Europa-Tour

Was definiert eigentlich einen schwarzen Schwan? Diese Frage muss sich zwangsläufig jeder stellen, der Devonté Hynes aka Blood Orange auf der Bühne sieht – so auch am Dienstag im Berliner Columbia Theater.

Mit seinem vierten Album „Negro Swan“ und einem Mix aus R’n’B, Funk und Indie-Hip-Hop tourt der 32-jährige Brite aktuell durch Europa – und zeigt, dass es vor allem die undefinierbaren „many shades of grey“ sind, die zwischen einem weißen und einem schwarzen Schwan liegen.

Als Hynes die Bühne betritt – in Anspielung auf sein Albumtitel in weißem Hoodie und weißem Kopftuch –, machen er und seine 6-köpfige Band direkt klar, was das Publikum heute Abend erwarten kann: tatsächlich schwanenähnliche Zartheit! Mit seiner Stimme, seinen Texten und den Melodien bildet er somit einen beeindruckenden Kontrast zum Berliner Wetter, der Berliner Schnauze und, na ja, eigentlich allem Anderen im ruppigen Berlin. So richtig zu fassen bekommt man ihn dennoch nicht.

Blood Orange, das ist der britische Multiinstrumentalist, Produzent, Sänger und Songschreiber Devonté Hynes. Seine Anfänge hatte er in der Band Test Icicles im Teenage-Punk-Genre bevor er unter dem Namen „Lightspeed Champion“ zum Akustik Pop-Folk wechselte.

Spätestens zum Umzug nach New York zog Hynes dann aber andere Saiten auf: Seiner Namensänderung zu „Blood Orange“ folgten die Alben „Coastal Grooves“ (2011), „Cupid Deluxe“ (2013) und „Freetown Sound“ (2016). In diesen beweist der Musiker nicht nur seine Liebe zum Sound der 80er sondern auch zu schön-schrägen Synthies, die immer ein bisschen mit der Unberechenbarkeit flirten.

Während man als Hörende hier also stets etwas auf der Hut bleibt, zieht Hynes einen ganz nah an sich: In seinen Lyrics reflektiert er umsichtig und kunstvoll das Leben als schwarzer, sexuell nicht festgelegter Bürger in der weißdominierten, heteronormativen US-amerikanischen Gesellschaft – was ihm zahlreiche Vergleiche mit Größen wie Kendrick Lamar und Frank Ocean einbrachte.

Auf die richtig großen Gesten oder Interaktionen zwischen den Songs, wartet das Publikum an diesem Abend vergebens. Allerdings macht das gar nichts: Mit perfekt abgestimmten Backing-Vocals und grandiosen Mitmusikern gibt sich Blood Orange musikalisch Stück für Stück Preis.

Wenn die Schwanenfedern, äh, Bühnenelemente plötzlich in verheißungsvolles Lila und Pink getaucht werden, der Klassiker „Champagne Coast“ ertönt und Blood Orange fragend ins Mikro haucht „Come into my bedroom, tell me what’s the joy of giving if you’re never pleased“, verschmelzen im Funk-Himmel Marvin Gaye und Prince in gemeinsamer Wolllust.

Zahlreiche Songs enden in feinster Musikermanier offen und spontan oder mit Saxophon-Solo. Wenn dann von hinten noch eine Querflöte ertönt, wird einem schlagartig wieder der Facettenreichtum dieses Musikers bewusst. Hynes ist eben auch Multiinstrumentalist und Perfektionist, der halt echt gut kann, was er tut. Völlig egal, ob am Klavier, am Mikrophon, an der E-Gitarre oder als Arrangeur.

Großes Highlight ist der Song „Charocal Baby“. Hier geht Hynes mit Nachdruck dem zentralen Aspekt seines Daseins als schwarzer Schwan auf den Grund: Er thematisiert die Traurigkeit dank des stetigen „Dazwischen“ und des Nichtdazugehörens. Hier braucht es die Distanz wieder, um Lyrics wie „Nobody wants to be a black swan, can you break sometimes?“ wirken zu lassen. Und so entstehen dann doch eindringliche und intime Momente zwischen Publikum und Künstler, organisch und ohne Anstrengung.

Am Ende ist klar: Den schwarzen Schwan, den macht vor allem seine zarte Einzigartigkeit und die Undefiniertheit aus. Aber eben auch seine distanzierte Schönheit. Mit seinem Mix aus Neo-R’n’B und Dream-Pop, irgendwo zwischen Schwarz und Weiß, cis und trans, Depression und Schmerz, Leidenschaft und Erotik ordnet sich schließlich mit viel Behutsamkeit Blood Orange ein.

Aber ehrlich: Wer den Mut hat, mit seiner Kunst die Grenzen so eindrucksvoll zu verwischen, der muss sich gar nicht mehr definieren. Der ist schon Definition für sich alleine.

Quelle: Noizz.de