Kiki, do you love me?

Toxische Männlichkeit. Dieses Wort kennen spätestens seit der anhaltenden #MeToo-Debatte alle, die sich mit dem Thema sexuelle Gewalt auseinandersetzen. Wer trotzdem noch nicht ganz weiß, was es damit auf sich hat, und wieso genau Männlichkeit „toxisch” sein kann, muss sich nur mal ein paar Hip-Hop-Songs reinziehen.

Ja, das Rap Business ist für selbstzerstörerische Männlichkeit quasi das, was Baumärkte für Mansplaining sind.

Wie ein Mann zu sein hat, wird oft schon nach ein paar Zeilen klar. Ein Mann muss Hypersexualität zeigen, also mit so vielen Frauen wie möglich Sex haben, oder eben einfach so tun, als würde er das. Er muss seine Gefühle verdrängen, aggressiv sein und Frauen sowie andere Männer dominieren. Natürlich gehört auch eine Menge Kohle zu einem akzeptablen Mann, wenn man Rappern glauben schenken will.

Schuld an diesem einschränkenden Vorbild ist vor allem eins: das Patriarchat. Gerade den Hauptakteuren der Hip-Hop-Kultur, also schwarzen Männern, fehlen meist noch immer die Mittel, um mit den privilegierten weißen Männern mitzuhalten. In den Medien wird ihnen vorgelebt, dass ein respektabler Mann eine erfolgreiche Karriere absolviert und sich dadurch (finanziell) um seine Familie kümmern kann. Doch jahrelanger, systematischer Rassismus verbaut vielen schwarzen Jungs die Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen.

Also flüchten sich viele in Verhaltensmuster, die ihnen ein sofortiges Gefühl von Erfolg und starker Maskulinität versprechen und die gerade im Gangster-Rap andauern propagiert werden. Und so schnell haben sich Gewalt, Gefühlslosigkeit, Geldgier und Sex in den Köpfen von Millionen von Typen als erfolgreiche Männlichkeit festgesetzt. Schließlich erreicht Rap seit Jahren nicht nur noch eine kleine Community, sondern hat sich fest im Mainstream verankert.

Dieses Ideal ist allerdings gerade für schwarze Männer unglaublich selbstzerstörerisch. Das haben mittlerweile auch viele Rap-Ikonen erkannt, die sich aktiv für ein neues Männlichkeitsbild im amerikanischen Rap einsetzen. Allen voran der Kanadier Drake und der in Maryland geborene Logic. Doch auch J.Cole, Kid Cudi, Frank Ocean und Co. versuchen den Teufelskreis der toxischen Männlichkeit aufzubrechen.

Nur wenige Jahre nach Beginn seiner Karriere machte Mega-Star Drake klar, dass seine Musik nichts mit traditionellem Rap zu tun hat. Denn statt darüber zu rappen, wie viele Stripperinnen er flach gelegt hat, entschied sich der Kanadier in Songs wie „Take Care” oder „Marvin’s Room” ganz offen darüber zu erzählen, wie sehr ihn Frauen verletzt haben. 2011 war ein so offener Umgang mit Gefühlen noch eine echte Sensation. Mittlerweile ist Drake dafür bekannt, seine gescheiterten Beziehungen schamlos ehrlich in seinen Songs zu verarbeiten.

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Mit „Nice for What” hat Drake vor Kurzem außerdem eine feministische Hymne produziert, die nicht nur richtig ins Ohr geht, sondern auch starke Frauen anpreist. Das dazugehörige Musikvideo ist so divers, wie man es sich kaum vorstellen kann. Statt halb nackten Videogirls in Bikinis, die ihre Hintern in die Kamera halten, zeigt Drake erfolgreiche Frauen aus der Medienbranche. Herkunft, Alter und sexuelle Orientierung der Frauen sind dabei so vielfältig, dass einem erst einmal auffällt, wie extrem eintönig und sexistisch Musikvideos von Rappern meistens sind.

Drakes neue Männlichkeit gepaart mit seinem unglaublicher Erfolg sorgt momentan für eine regelrechte Revolution des Männlichkeitsbildes der Hip-Hop-Community. Denn wenn Drake dafür gefeiert wird, Gefühle zu zeigen und Frauen zu unterstützen, statt sie dominieren zu wollen, dann gibt das auch Anderen eine Möglichkeit, diese Art von Maskulinität zu erforschen, ohne dafür als verweichlicht verurteilt zu werden.

Rapper Logic geht sogar noch einen Schritt weiter Richtung positive Männlichkeit. Der Hip-Hop-Star, der in Deutschland noch weitestgehend unbekannt ist, hat sich wirklich vollkommen von dem negativen Männlichkeitsbild der Rap-Community verabschiedet.

Statt über Drogen, Sex und Waffen zu rappen, hört man auf Logics Alben deepe Lyrics wie „I treated everybody with respect and now I'm rich”. Ob Angstattacken, Depressionen oder Selbstmordgedanken: Logic konzentriert sich in seinen Texten auf die Probleme, die viele Männer durch toxische Männlichkeit erleiden. Seine Mission fasst der 28-Jährige bei einem Auftritt bei den MTV VMAs 2017 so zusammen:

„Wir müssen kämpfen für die Gleichberechtigung von jedem Mann, jeder Frau, und jedem Kind, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Glaubensbekenntnis und sexueller Orientierung.“

Für seine Performance des Songs „1-800-273-8255”, benannt nach der amerikanischen Selbstmord-Hotline, brachte der Musiker Dutzende Suizid-Überlebende auf die Bühne und rührte so Millionen Menschen vor den Fernsehbildschirmen zu Tränen. Mit dem Song nahm sich Sir Robert Bryson Hall II, so der bürgerliche Name des Rappers, übrigens nicht nur dem Thema Depression und Suizid an, sondern im dazugehörigen Video auch einem langjährigen Tabu der schwarzen Community: Homosexualität.

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2018 setzte Logic dann – wieder bei den MTV VMAs – ein Statement zum Thema Einwanderungspolitik. Bei seiner Performance von „One Day” brachte er Migrantenkinder mit auf die Bühne, die am Ende des Auftritts mit ihren Eltern vereint wurden. Eine klare Message gegen die rassistische Politik Donald Trumps, der zu dieser Zeit viele Einwandererkinder in Camps gefangen hielt und weiterhin seine Mexico-Mauer bauen will. Logics T-Shirt mit dem Spruch “Fuck the Wall” tat sein Übriges.

Natürlich stellt sich die Frage, wieso toxische Maskulinität überhaupt noch existiert, wenn es doch anscheinend auch anders geht. Rap-Star J. Cole widmet sich diesem Problem in dem Track „Foldin Clothes” auf seinem Album4 Your Eyez Only“. Darin richtet er sich an seine hochschwangere Frau und erklärt ihr, dass er keine Gefühle zeigen kann, weil sein Leben in der Hood ihm beigebracht hat, dass Emotionen eine Gefahr sind. Denn wer lächelt oder Gefühle zeigt, ist ein leichtes Opfer für diejenigen, die ihre Männlichkeit noch immer durch Emotionslosigkeit und Aggression definieren.

Schließlich ist auch 2019 progressiver Rap von Drake oder Logic noch eine Nadel im Heuhaufen von misogynen, gewaltverliebten Tracks. Gerade deshalb ist es so wichtig, Musiker zu unterstützen, die sich von toxischer Männlichkeit bewusst distanzieren und das auch offen in ihrer Kunst kommunizieren.

Natürlich finden sich auch bei diesen Propheten der neuen Männlichkeit noch Züge traditioneller Verhaltensmuster, weil man ein Ideal, das seit Jahrhunderten geprägt wurde, eben nicht von jetzt auf gleich ablegen kann. Man sollte den Fortschritt aber trotzdem feiern und damit zeigen, dass es eine Sehnsucht nach neuen Wegen hin zu einer positiven, befreienden Männlichkeit gibt.

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Quelle: Noizz.de