Wir haben uns die Neuauflage der Casting-Show angeschaut.

„Mir tun die Leute da leid. So ein Menderes tut mir leid. Er sollte nicht immer wieder eingeladen werden, er macht sich ja immer wieder Hoffnungen. DSDS fickt doch sein Leben. Und das machen die mit fast allen Kandidaten“, sagte Neu-X-Factor-Juror Sido kürzlich in einem Interview mit der Boulevardzeitung Express.

Stellt sich natürlich die Frage, ob die Casting-Show bei der er Mitglied der Jury ist, es besser macht. Um das herauszufinden, bleibt uns nur eines: reinschauen.

Aber vorher ein Blick zurück: Erfunden hat die international wohl erfolgreichste TV-Casting-Show niemand geringeres als Über-Produzent Simon Cowell (One Direction, Westlife und so). Zum ersten Mal flimmerte sie 2004 beim britischen Sender itv über die Bildschirme.

Ich liebe einfach die britische Version von X-Factor. Sie hat alles, was eine gute Unterhaltungssendung braucht: Drama, Herzblut, wirkliche Talente – und im Gegensatz zum deutschen DSDS wenig Bloßstell-Momente und nur so viel Trash in den Auditions, wie man gerade ertragen kann. Ausnahme vielleicht: die irischen Zwillinge Jedward. Die hatten eher weniger Talent. Waren aber durchaus unterhaltsam. I loved them. Sie haben es sogar bis zum Eurovision Song Contest geschafft.

Die Sendung hat uns einige der größten Popstars seit 2004 beschert: Leona Lewis, Little MIx, James Arthur und natürlich: One Direction. Anders als bei deutschen Castingsendungen gelingt es hier, Stars dauerhaft zu etablieren und nicht nur zu verbrauchen.

2010 bis 2012 versuchte sich das Format schon einmal im deutschen TV zu etablieren. Funktionierte nicht ganz so gut auf dem Sender Vox. Nun also der erneute Versuch bei Sky. Die drei bisherigen Gewinner der deutschen Ausgabe, Edita Abdieski, David Pfeffer und das Duo Mrs. Greenbird kennen hierzulande aber wohl nur noch die wenigsten Musik-Fans.

Das soll sich jetzt aber mit dem neuaufgerollten Format ändern. Seit dieser Woche Montag (27. August) flimmert die Sendung wieder über die Bildschirme. Man möchte „die Talentschmiede für die Stars von morgen“ sein. Gut, dass hat sich die Konkurrenz von „The Voice of Germany“ auch auf die Fahnen geschrieben. Aber so richtig an Format haben die Gewinner der einzelnen Staffeln dort auch nicht gewonnen, wenn wir ehrlich sind.

Glücklicherweise kann man auf Sky die erste Folge der Sendung in voller Länge schauen. Wahrscheinlich, damit sich möglichst viele auch ein Sky-Ticket oder am besten gleich ein Abo für die Show holen. Na gut, schauen wir uns das mal ganz unvoreingenommen an. Ich liebe schließlich X-Factor. Und endlich ist es wieder in Deutschland zurück!

Die Jury

Für den modernen Hip-Hop-Vibe: Sido. Für die Fraktion Radio-Song-Poeten: Iggy Uriarte. Kennt man eher als Lions Head. Für die deutsche Alternativszene und Frauenpower: Jennifer Weist, Frontfrau der Band Jennifer Rostock. Und als Dieter-Bohlen-, wahlweise Simon-Cowell-Ersatz ist wohl Thomas Anders angedacht.

Das klingt vorhersehbarer, als es am Ende ist. Denn die vier funktionieren erstaunlich gut zusammen. Natürlich ist Sido der Papa Schlumpf der Crew. Und es ist ein bisschen traurig, dass der Anders ohne Nora-Kettchen nur halb so zahm ist wie der große Cowell. Denn das fehlt dieser Jury ein bissel: der bissige Bad Man oder die bissige Bad Woman (mit Cheryl Cole und Simon Cowell hatte man beim britischen X-Factor ja sogar eine Zeit lang beides). Also: Luft nach oben. Aber: ausbaufähig.

Die Moderatoren

Ja, also .... das hier ist ein bisschen das Problem. Vielleicht dachten die Macher, das ist ganz sympathisch Sido und seine Ehefrau Charlotte Würdig in der Sendung zu haben. Aber leider ist das auf Dauer weit weniger charmant, als gehofft.

Und auch ihr Co-Moderator Ben Istenes hilft nicht wirklich. Der gebürtige Ungar hat zwar in seiner Heimat bereits vier Staffeln „X Factor“ moderiert, in der duetschen Version muss er sein Talent aber erst noch unter Beweis stellen. Aber wird schon.

Schlimmer als Charlotte Würdigs ständige Anspielungen darauf, dass Sido ja ihr Mann ist (ja, wir wissen es), kann es nicht sein.

Die Kaniddaten

Es gibt eine Lisa, 18, die nach dem Abi nach Australien gegangen ist – die bei X-Factor allerdings Christine heißt und bereits 21 ist. Aber mit ihrer Ukulele eben in Australien war und herztallelrliebst ein bisschen nach Lena Meyer-Landrut klingt. Das ist nett. Mehr aber auch nicht.

Dann gibt es auch so etwas wie ein namibisches Rap-Kollektiv, das auf Deutsch performt. Sie sind die einzigen die sich der Muttersprache bedienen. Ansonsten so? Qualität ganz gut, aber was sie wirklich drauf haben, wird sich erst noch zeigen. Wenn es hoffentlich zu ebenso wundersamen Cover-Versionen wie im britischen Original kommt.

Wieso Deutsche aber aufjohlen, wenn eine Schweizer pseudo-feministische Gruppierung einen Penis-Song singt, erschließt sich mir nicht. Nur Jennifer Weist findet es ebenso richtig geil. Na dann: PENIS!

Das Fazit

Bisher nichts Halbes und nichts Ganzes. Kaum vorstellbar, das hier eine deutsche Leona Lewis herbeigezaubert kommt. Oder gar ein deutsches One Direction.

Hach, was machen wir einfach nur verkehrt mit dem Format Casting-Show? Irgendwie passt das nie. Ob es an der deutschen Mentalität, der deutschen Popszene selber liegt oder an den deutschen Fernsehproduzenten – ich kann es mir nicht so genau erklären.

Eines hat „X Factor“ aber mehr als andere Casting-Sendungen der letzten Jahre: einen Unterhaltungswert ohne billigen Scheiß. Das gefällt und macht endlich mal wieder Spaß. Und es ist nicht so bemüht „professionell“ auf Qualitätssuche wie „The Voice“. Hier soll Musik noch Spaß machen. Ach verdammt, scheiße. Jetzt will ich mir doch ein Sky-Abo holen.

Quelle: Noizz.de