Plötzlich fühlt sich die Kaputtheit nicht mehr so schlecht an.

Stell dir vor, es ist Mittwochmorgen. Mit dem schalen Geschmack von Korn und zu vielen selbstgedrehten Kippen im Mund stolperst du aus einer Neuköllner Eckkneipe. Allein. Zu Hause in deiner Studentenbude wartet ein kaltes Bett auf dich. Und ein Haufen Bierflaschen, die stummen Zeugen vergangener Nächte. Du fummelst die Kopfhörer aus deiner Lederjacke und steckst sie in den dröhnenden Schädel.

"Ich zerlatsch den Tag, stundenlang im Park, fahrig und verwirrt, bis es dunkel wird", schmettert Sänger Tobi Bamborschke auf "Serotonin" Zeilen wie einen Auftrag in deine Gehörgänge. Er klingt dabei genauso rotzig, wie sein Nachname vermuten lässt. Und plötzlich fühlt sich die ganze Kaputtheit gar nicht mehr so schlecht an. Großstadtmelancholie im Dreivierteltakt ist sogar eigentlich ziemlich schön.

Isolation Berlin beherrschen die Pose des abgerissenen Slacker-Dudes, des verzweifelten Hedonisten. Oder ist das gar keine Pose? Nachdem sich die Berliner Band mit ihrem Debüt "Und aus den Wolken tropft die Zeit" 2016 am Herzschmerz und der daraus resultieren Weltflucht leidenschaftlich abgearbeitet haben, klingt "Vergifte Dich" nach dem beschissenen Morgen danach. Die Party ist vorbei und der dringend benötigte nächste Kick noch nicht in Sicht.

Der anfängliche Hoffnungsschimmer ist dann auch schnell verflogen, es geht um Kotzen in der U-Bahn, das Zugedröhntsein und Depression. Thematisch irgendwo zwischen Fehlfarben ("Es liegt ein Grauschleier über der Stadt"), Wolfgang Petry ("Verlieben, verloren, vergessen, verzeihen") und DAF ("Verschwende deine Jugend“) denkt Bamborschkes Lyrik Altbekanntes nochmal um die Ecke.

Seine Poesie bringt die taube Tristesse der nicht mehr ganz so jungen Hauptstadt-Twenty-Somethings empfindlich auf den Punkt. Allein der Pfandflaschenautomat wird zum Hoffnungsträger, der die Reste der Nacht zu Gold macht. Darauf muss man erst mal kommen!

Der Song "Wenn ich eins hass', dann ist das mein Leben" fasst die Grundstimmung des Albums ziemlich gut zusammen. "Vergifte Dich" stilisiert die eigene Abgefucktheit und ist der Soundtrack, um sich an besagtem Mittwochmorgen vor der Kneipe den zynischen Vicky Leandros Ohrwurm aus den Gehörgängen zu spülen, der neben der Kornfahne noch im Schädel feststeckt. Beistand spendet Isolation Berlin. Nur Trost darf man hier nicht erwarten.

Quelle: Noizz.de