Warum Ariana, Mariah Carey oder Rihanna unbedingt mit dem 25-jährigen Genie arbeiten wollen.

„Oh mein Gott, dein Outfit ist so süß!“ – das ist der erste Satz, den mir Tayla Parx freudig entgegenwirft. Dabei sieht SIE so cool aus. Die vordersten beiden Strähnen ihres blauen Bobs hat sie geflochten und mit Gänseblümchen-Klammern dekoriert, sie trägt einen rosafarbenen Fischerhut, übergroße pinke Sonnenbrille und ein Baseball-Jersey der Brooklyn Dodgers. Ganz anders, als ich sie mir je vorgestellt hätte.

Tayla Parx (bürgerlich Taylor Parks) ist Songwriterin. Doch nicht irgendeine. Sie ist erst 25, doch hat schon für Mariah Carey, Rihanna, Fifth Harmony, Christina Aguilera, Usher, Meghan Trainor, Demi Lovato, Jason Derulo, Jennifer Lopez und BTS geschrieben. Dieser Winter war ihr erfolgreichster ever. Sie landete mit gleich drei Songs auf einmal in den Top 10 der Billboard-Charts: "thank u, next" und "7 Rings" gesungen von Ariana Grande und "High Hopes" von Panic! at the Disco.

Bei der Frage, ob Menschen in ihrer Gegenwart nervös werden, muss sie bescheiden kichern. "Naja, ich habe dieses Jahr auch einfach schon viele Rekorde gebrochen ... Wenn ich ins Studio komme, dann erzählen sich die Leute untereinander, was ich schon alles geschafft habe." Überheblich wird Tayla Parx aber deswegen nicht. „Mir ist es egal, was ich vor dem jetzigen Moment gemacht habe, ich lebe nur für das, was ich im aktuellen Moment mache."

Vor meinem inneren Auge habe ich mir Tayla Parx vorgestellt als verbissenes Genie, das hinter einem Notizblock steckt und sich möglicherweise nichts sehnlicher wünscht, als auch endlich mal dieselbe Anerkennung zu bekommen, wie die Interpreten ihrer Songs. Getroffen habe ich schlussendlich Tayla: Ein unheimlich schlaues Bossgirl, das durch Songs schreiben gelernt hat, ihre Gefühle zu verarbeiten. "Musik ist Therapie", stellt sie fest. Gerade dann, wenn sie ihre eigenen Gefühle nicht versteht.

Ich war noch nie gut darin, über meine Emotionen zu reden. Ich bin die Art von Person, die alles in sich aufstaut. Dann habe ich gemerkt, wie verletzlich mich Musik macht. Ich habe Songs über Verliebtsein geschrieben, bevor ich überhaupt verliebt war. Ich wusste nicht, wo diese Gefühle herkommen. Heute kann ich auf diese Lieder zurückschauen und verstehe, wer ich war.

Und Obwohl Tayla Parx so ein wunderbar intelligenter, rationaler Mensch ist, merkt man im Gespräch, warum sie so verdammt gut über Liebe schreiben kann – weil sie selber erstmal lernen musste, wie sie dieses Gefühl in sich entdecken kann.

Ich dachte immer, ich sei nicht die Art Person, die sich verliebt. Ich dachte, vielleicht bin ich ein Roboter, und dass ich mich nie verlieben würde. Ich hatte so lange richtig Angst vor mir selber – bis ich gemerkt habe, dass ich einfach wirklich ehrlich mit mir selber sein müsste. Ich musste aufhören, mich vor Verletzlichkeit zu beschützen. Ich habe Menschen so bewundert, die sich jeden Monat neu verliebt haben. Ich habe sie bewundert, weil sie so furchtlos waren. Das war meine Herausforderung an mich selber: Mit meinem Ego nicht mein Herz verriegeln. Andere Leute schreiben über diese Gefühle ein Tagebuch. Ich schreibe Songs.

Das macht Tayla Parx schon seit 2014, und zwar für absolute Mega-Stars. Sie gibt Künstlern Songs, die die Karriere der Ariana Grandes, Fifth Harmonys und Khalids dieser Welt vorantreibt. Ariana Grande hat ihren ersten Nummer-Eins-Hit ihr zu verdanken. Panic! At the Disco hat sie das beste Comeback gegeben, was sie sich hätten wünschen können. "Ich mag einfach, dass ich zur Karriere von anderen Künstlern etwas beitragen kann!"

Gerade Ariana Grande habe ihr so viel Respekt für ihr Können gezeigt. Aber das ist leider ziemlich selten in der Industrie, sagt Tayla. "Keinen Respekt für seine Arbeit zu bekommen tut weh", gibt sie zu. Deswegen würde sie auch nie für einen Künstler schreiben, der ihr nicht genügend Wertschätzung entgegenbringen würde. Das tut sie einerseits für sich, aber auch für die ganze Songwriting-Community. "Wenn wir anfangen, keinen Respekt für unsere Arbeit zu fordern, was passiert dann mit den Songwritern in zwei Jahren? Wir dürfen uns nicht zurück entwickeln", findet sie.

Ob sie manchmal bereut, krasse Banger wie "thank u, next" nicht unter ihrem eigenen Namen herausgebracht zu haben? Mit engelsruhiger Geduld erklärt sie mir, dass es nicht darum geht, einfach nur einen Song zu veröffentlichen, sondern diesen Song gleichermaßen auch zu verkörpern. Deswegen kann auch nicht jeder Songwriter ein Interpret sein, denn dazu gehört so viel mehr als nur singen zu können, "es ist eine Identität“.

Deswegen gönnt Tayla Parx Ariana Grande ihren Hit so sehr und weiß, dass er ohne Sie nicht das geworden wäre, was er heute ist. Außerdem könnte sie gar nicht alle Songs, die sie selber schreibt, auch selber veröffentlichen. 200 Lieder im Jahr schreibt Tayla mittlerweile. Für andere Menschen zu schreiben hilft ihr, auch ihren eigenen Horizont zu erweitern.

Mit dieser Einstellung hat sie die ganze Musik-Industrie beeinflusst. Sie hat Musik-schreiben zum Miteinander gemacht. Sie bezeichnet sich selber als Vermittler zwischen dem Künstler und dem Label. "Ich weiß, was der Künstler will und was das Label braucht. Weil ich das verstehe, kann ich aus den Künstlern wahre Emotionen locken. Sie vertrauen mir einfach."

Im Jahr 2016 veröffentlichte Tayla Parx zum ersten Mal Tracks unter ihrem eigenen Namen. Ihr eigener Sound ist stark Pop-orientiert, baut auf einprägsame Refrains und energetische Gute-Laune-Beats. So schaffte sie es, mit ihrer Single "I Want You" eine Million Streams auf Spotify zu knacken.

Sie kann aber auch anders. "Mama Aint Raise No Bitch" von ihrem ersten Album "Tayla Made" zeigt, dass sie auch verzweifelt sein kann, und nicht immer nur das Vorzeige-Girl des tanzfähigen Pops ist. Einer ihrer seltenen Kollabos "Runaway", mit Khalid, wurde schon über 17 Millionen Mal auf Spotify angehört.

Am 5. April kommt endlich ihr zweites eigenes Album mit dem Namen "We Need To Talk" raus. Nervös ist sie deswegen nicht, denn schlussendlich freut sie sich darüber, mit ihren Zuhörern endlich persönlich durch ihre eigene Musik zu kommunizieren – und nicht durch die Stimme von jemand anderem.  

"We Need To Talk" kannst du hier streamen.

Quelle: Noizz.de