Im musikalischen Untergrund Londons ist Shygirl schon lange eine Hausnummer. Die 25-Jährige gründete das Clublabel NUXXE mit, über das schon US-Rapperin Brooke Candy releaste. 2016 wurde die Musikerin mit "Want More" einem größeren Publikum bekannt. Mit ihren Tracks stellt Shygirl die Grenzen ihres Genres immer wieder auf die Probe. Ihre neue EP "Alias" ist da keine Ausnahme. Shy liefert harte Beats und knallenden Techno mit einem ordentlichen Schwung Sex und treibenden Rap-Lyrics. NOIZZ hat sie auf einen virtuellen Talk über sexuelle Freiheit, "Mortal Kombat" und ihre vier Persönlichkeiten getroffen.

Ein düsterer Beat setzt ein, und er dröhnt so, wie man es sich im dunklen Club herbeisehnt. Der Takt passt perfekt zur Vorstellung von glänzenden Lack-Overknees, mit denen man selbstbestimmt und vielleicht auch ein bisschen arrogant durch die Dancefloor-Menge streift – auf der Suche nach Beute. Das Knurren eines aggressiven Hundes legt sich über den Sound und dann geht’s los: Shygirl gleitet mit gewohnt sexbetonten Worten über den Beat, als gäbe es keinen Morgen. In "Slime" versetzt sich die Londoner Rapperin zurück in ihre Teenager-Jahre, allerdings mit dem Selbstbewusstsein eines hyper-maskulinen Typen, der in den Club kommt, um Girls auszuchecken.

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Shygirl verbiegt die Narrative vom lüsternen Mann und macht sie sich zu eigen

"Slime" ist der passende Nachfolger von "Freak", in dem die 25-Jährige ihre sexuellen Wünsche zu einem Techno-Beat mitteilt, der uns nach nur wenigen Sekunden in Trance versetzt. Beide Tracks gehören zu ihrer heute veröffentlichten EP "Alias", die mit vier weiteren Bangern um die Ecke kommt, in denen Shygirl die Narrative vom lüsternen Mann verbiegt, den Male Gaze umdreht und damit ein höchstfeministisches Werk schafft.

Die Frage danach, wie ihre Jugend ausgesehen hätte, wenn sie nicht als Mädchen aufgewachsen wäre, stellt sich Shygirl auf ihrer gesamten EP. Sie schreibt ihre eigene Geschichte neu. Hilfe hatte sie dabei nicht nur von NUXXE-Gründungsmitglied und Producer Sega Bodega, sondern auch von vier imaginären Personas, die sie über sechs Songs ergründet und uns vorstellt.

Shygirl

Als ich mich in den Zoom-Call für unser Interview einwähle, treffe ich erst einmal auf das sehr private Shygirl, die bürgerlich Blane Muise heißt: Kein Video, nur Audio – und dazu die Info, dass sie den ganzen Tag zu Hause "Mortal Kombat" gezockt habe. Lol. Wenn Shy da mal nicht direkt das liefert, was das Album verspricht: verdrehte Gender-Rollen. Denn seien wir mal ehrlich, das lächerlich brutale Kampfspiel, das für seine besonders blutigen Finishing-Moves bekannt ist, ordnen die meisten doch dem männlichen Geschlecht zu. Merke: Shy möchte sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen, sie krallt sich alle Aufstriche, auch die, die vermeintlich nur Männern schmecken.

Das schafft sie nicht nur in "Slime" eindrücklich. "Bawdny" ist eine Hymne auf die Wichtigkeit von physischer Intimität. Ein Verlangen, das Frauen historisch abgesprochen wurde – und immer noch mit allerhand Slut Shaming und daraus resultierender Scham verbunden ist. "Ich frage mich immer wieder, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich als Junge aufgewachsen wäre. Wie es sich anfühlt, ohne Scham mit seiner Sexualität umgehen zu können", erzählt mir Shy.

Heute schämt sich Shy für ihre Verlangen nicht mehr. Das Problem, das bleibt: Sie wird, wie sagt, als "oversexed" eingestuft. Aber das sind Einwirkungen von außen. Von innen ist sie stark. Wir sprechen darüber, wie Shy an diesem Punkt gelangt ist. Wie sie sich selbst erschaffen hat. Eines wird dabei deutlich. Ganz so sicher, in dem, was sie macht und wer sie ist, war sie nicht immer. "Ich habe schon immer superviele Projekte am Start gehabt und war in unterschiedlichsten Bereichen unterwegs. Dabei dachte ich aber immer, das wäre ein schlechtes Zeichen, weil es bedeuten würde, ich könnte mich nicht festlegen." Heute weiß sie es besser. Sie bündelt all ihre Erfahrungen im Projekt Shygirl und versucht damit, jede Facette ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen.

Shygirl ist Baddie, Bonk, Bae und Bovine!

Deshalb gibt es jetzt wohl auch die verschiedenen Personas auf ihrer neuen EP "Alias". Shygirl möchte sich nicht festlegen lassen. Deshalb zeigt sie früh genug in ihrer Karriere, welche Persönlichkeiten in ihr stecken: die sexuell befreite Baddie, die feierwütige Bonk, Bae (das Girl Next Door) und die introvertierte Sarkastin Bovine.

Shygirl als Baddie, Bonk, Bae und Bovine

"Bisher kennen die meisten mich als Baddie, aber in mir steckt, wie in jedem Menschen, noch so viel mehr. Im echten Leben bin ich wohl die meiste Zeit Bonk, um ehrlich zu sein." Man merkt es Shygirl an, sie kämpft richtiggehend dafür, dass sie nicht auf eine festgeschriebene Kunstfigur festgenagelt wird. Insofern schließt sich am Ende unseres Gespräches der Kreis. Shygirl ist eine Fighterin, die privat in "Mortal Komabt" ihre Gegner*innen bekämpft und mit ihrer Kunst für Sexual Liberation und Persönlichkeits-Diversität einsteht.

Hier kannst du dir Shygirls neue EP "Alias" anhören:

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