Huch! Wie ist denn das passiert?

Musik ist nicht nur Geschmackssache, sondern immer noch ein absolutes Rätsel. Die soziopsychologischen Mechanismen, die bestimmen, ob etwas groß wird oder in der Versenkung verschwindet, sind so unberechenbar wie der Facebook-Algorithmus. Wir haben sechs Songs rausgesucht, deren Erfolg wahrscheinlich selbst seine Macher überrascht haben dürfte.

In ihrem Heimatland Finnland sind Lordi richtige Stars. Doch dass die aus einem Kiss-Fanclub entstandene Hard-Rock-Band es selbst hierzulande in die Top Ten geschafft hat, kam 2006 eher überraschend. Nicht nur das ausufernde Make-up, auch der musikalische Auftritt wollten so gar nicht zur damaligen Chart-Kultur passen. Doch in Skandinavien entschied man sich, die Maskenmänner zum Eurovision Song Contest zu schicken, den sie tatsächlich gewinnen konnten. Und so landete theatralischer Gitarren-Rock mit Stadionrock-Bridges plötzlich in den Hitlisten Deutschlands und einiger weiterer Länder. In ihrer Heimatstadt Rovaniemi gibt es jetzt sogar einen Lordi-Platz zu Ehren der Band.

Die meiste Zeit fristen Musikrichtungen, in denen absolut kein Gesang vorkommt, eher ein Schattendasein abseits der Charts. Das dänische Safri Duo bewies 2001 auf beeindruckende Weise, dass es auch anders geht. Ursprünglich interpretierten sie klassische Musik zu Schlagzeugstücken um, bevor sie kurz vor dem Durchbruch auf Dance umstellten. „Played-A-Live“ ist ein Song, der in Worten beschrieben nur scheiße klingen kann („Na, da sind zwei Typen an Trommeln und dann ballert so ein Synthie rein und macht Dance draus!"), aber mit Gold- und Platinauszeichnungen überschüttet wurde. Der Name Safri Duo bezieht sich übrigens keineswegs auf Jungle Drums oder ähnliches, sondern setzt sich aus den Nachnamen der beiden Mitglieder Uffe Savery und Morten Friis zusammen.

Ein Rentner, der Double-Time rappt. Eigentlich muss man an dieser Stelle nicht viel mehr sagen. Ganz so einfach ist es bei US-Amerikaner John Paul Larkin aka Scatman John aber eben doch nicht. Der Stotterer wurde in einer bewegten Karriere nämlich nicht nur zu einem Jazz-Pianisten, sondern mit seinem Scat-Gesang auch zu einem leuchtenden Vorbild für Menschen mit Sprachbehinderung und wurde in die National Stuttering Association Hall of Fame aufgenommen. Genau dieses Problem spricht er in dem Eurodance-Hit „Scatman (Ski-Ba-Bop-Ba-Dop-Bop)“ dann auch ganz offen an: „As a matter of fact, I don't let nothing' hold you back / if the Scatman can do it, so can you“. Damit stürmte er eine ganze Reihe von Charts und schaffte es 1995 in Deutschland auf Platz zwei. 1999 verstarb Larkin an Lungenkrebs.

Der Musiker, DJ und Regisseur Quentin Dupieux war zumindest in Frankreich kein gänzlich unbeschriebenes Blatt mehr, als er Ende der Neunziger eine Korg MS-20 in die Hand nahm und in zwei Stunden einen Bass und ein paar Drums übereinanderlegte und seinen Song „Flat Beat“ produzierte. Was für einen Hit er da zustande gebracht hatte, wurde ihm wahrscheinlich erst kurz vor der Jahrtausendwende klar, als er sich auf Platz eins der Charts von Finnland über Belgien bis Italien wiederfand. Auch in Deutschland stieg der hypnotische Electro-House-Song bis an die Spitze. Bis heute ebenfalls unvergessen: Flat Eric, eine gelbe Handpuppe, die im Video eine Wurst als Zigarre missbraucht.

1999 war Eurodance eigentlich längst am Ende und das Genre Italo Dance dürfte bis heute nur Eingeweihten etwas sagen. Trotzdem erlebte der italienische DJ und Produzent Luigino Celestino „Gigi“ D'Agostino mit seinem Album „L'Amour Toujours“ eine Erfolgsphase, die so niemand hatte kommen sehen. Erster Vorbote der zweijährigen Dauerbeschallung war die Single „Bla Bla Bla“, die mit einer Kombination aus nervig-aggressivem Sample und hypnotischem Zeichentrick-Video in seinen Bann zog. Es folgten mit „The Riddle“, „La Passion“ und „L'Amour Toujours“ noch weitere Erfolge, bevor es zurück in die Versenkung ging. In diesem kurzen Moment der Musikgeschichte kannte jeder den Italiener mit dem Faible für Kopfbedeckungen.

Noch mal Finnland, noch mal Instrumentalmusik. Na gut, nicht so ganz, denn die finnische Gruppe Apocalyptica war zwar vor allem für ihre Streichinstrumente bekannt, ihre größten Erfolge feierten sie aber immer mit gesanglicher Unterstützung von Gastmusikern. Unter anderem ließen sich Sandra Nasić (Guano Apes) und Ville Valo überzeugen. Der unwahrscheinlichste Hit bleibt aber der Song „Seemann“. Ein Rammstein-Cover mit Gesangspart der ikonischen-wahnsinnigen Ost-Berlinerin Nina Hagen hielt sich neun Wochen in den Charts und schaffte es bis auf Platz dreizehn, bevor es nicht mehr die Saiten, sondern die Segel streichen musste.

Quelle: Noizz.de