"Wir sind die erste Generation, die sich so intensiv mit sich selbst beschäftigen kann."

Es gibt gute Gründe, ein Interview zu unterbrechen: Mine muss erstmal den sich interessiert nähernden Hund streicheln – völlig nachvollziehbare Priorisierung! Ähnlich wie der Hund streunern wir übers Berliner Tempelhofer Feld. Der Himmel ist grau verhangen und gliedert sich bestens ein in die Beton-Farbpalette des stillgelegten Flughafens. "In Berlin spielt es tatsächlich keine Rolle, wer man ist und wie man ist. Und das gibt einem selbst oft das Gefühl von Freiheit", erklärt Mine. Sie blickt über die unendliche Landebahn.

Ganz viel Platz um Mine herum. Foto: Jonas Gödde / Noizz.de

Freiheit ist ein wichtiges Schlagwort für Mine. Auf ihrem neuen Album "Klebstoff" hat sie einmal mehr bewiesen, dass Genregrenzen vor allem dazu gut sind, verspielt um sie herumzutänzeln. Sie erzählt, dass es heute als Stärke empfunden wird, dass sie sich nichts aus festen Zugehörigkeiten zu musikalischen Schubladen mache. Bei ihren ersten Produktionen allerdings zeigten sich die Leute noch verwirrt "Die wussten nichts damit anzufangen, nicht wo man das spielen soll, wo das hingehört", sie lächelt. "Fast so, wie ich mich eigentlich immer gefühlt habe!"

Mine ist in Berlin, wie so üblich, Zugezogene. So viele Menschen mit so vielen losen Anfängen und Enden – das macht die Dynamik der Hauptstadt aus. Das macht aber auch die Dynamik von Mines neuer Platte aus: Die erste Auskopplung "90 Grad" klimpert voller süßer Details in unsere Ohren und lässt sich wohl am besten als kunstvolles Stück Pop zusammenfassen. Der Refrain ist catchy, der Song macht wahnsinnig gute Laune und irgendwann denkt man an Operetten – weil: Warum nicht?! Mit dem Track schickt sie ein erstes Indiz dafür voraus, wie ihr Viertlingswerk klingen wird: alles andere als vorhersehbar oder langweilig. Ihr Video zur Auskopplung verbildlicht all das auf ebenso wunderschöne Art und Weise: Als animierter Cyborg diffundiert Mine hier durch Textzeilen wie "Ich hab mit Verstehen angefangen, wie die Sicht auf Dinge wirklich Dinge ändern kann."

Mine steht nicht still – zwar ist ihre Liebe zum Hip-Hop bei jedem ihrer Alben gegenwärtig, so auch wieder auf "Klebstoff". Aber die Künstlerin hat sich weiterentwickelt: Die Texte sind ausgefeilter, die Arrangements noch spannender und die Balance zwischen Eingängigkeit und Verschrobenheit genau richtig.

In ihren Songs streift sie Themen, die den Zeitgeist einfangen. So etwa das Stück "Vater". Hier geht es um Generationskonflikte, Elternbeziehungen und Selbstfindung. "Meine Generation, also die 80er-Jahre-Kinder, haben den Luxus sich als gefühlt erste Generation überhaupt so intensiv mit sich selbst beschäftigen zu können. Wir haben die Möglichkeit einer extremen Selbstfindungsphase. Das hatten unsere Eltern vor allem die in meinem Umkreis noch nicht." Mines Selbstbewusstwerdung war eine, wie sie es selbst nennt, typische Quarterlife-Crisis. So mittig zwischen 20 und 30 Jahren habe sie sich einfach scheiße gefühlt und wusste nicht so recht, warum. "Ich bin auch eher so der Typ Verdrängung", erklärt sie. Im Zuge dessen habe sie dann erstmal in die eigene Vergangenheit geschaut, um dann an ihrer Zukunft zu werkeln: 2014 wurde das Projekt Mine geboren.

Schicke Schuhe! Foto: Jonas Gödde / Noizz.de

Typisch für ihre Grenzenlosigkeit hat Mine ihre Studiotore auch wieder für illustre Gäste geöffnet. Dissy, Großstadtgeflüster und die großartige Giulia Becker sind auf "Klebstoff" zu hören. "Den Scheidensong von Becker habe ich so oft gehört! Dann habe ich mal eine Insta-Story gemacht, wo das im Hintergrund lief und sie hat darauf reagiert und gemeint, sie sei ein Riesenfan von mir. Ich konnte das gar nicht glauben, weil ich sie so großartig finde!" Gegenseitiges Fandom resultierte im Song "Einfach So"ein Stück über Weiblichkeit, Erwartungen und Tandemfahrten.

Es wird langsam dunkel über dem Feld, unser Spaziergang geht zu Ende. Auf dem Fahrrad nach Hause höre ich "90 Grad" und habe Lust zu tanzen, Lust Berlins Schwarz-Grau endlich zu überwinden, um den Frühling zu spüren und mehr Farben zu sehen. Das erste Mal seit Wochen habe ich das Gefühl, dass der Winter endlich zu Ende ist und höre das Vogelzwitschern einsetzt. Bilde ich mir das nur ein? Mine würde sagen "Alles Komposition!"

"Klebstoff" von Mine erscheint am 12. April bei Caroline Records.

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Quelle: Noizz.de